Newsletter 83

Dezember 2016

Dieser Newsletter enthält folgende Themen:

    • Karlheinz Weinberger / Jim
    • Manuel Gasser: Ein Leben für die Schönheit
    • L-World: Das Wiki zur Lesbengeschichte der Schweiz

      

    Karlheinz Weinberger / Jim (1921-2006)

    Karlheinz Weinberger

    Karlheinz Weinberger

    Karlheinz Weinberger um 2005. In seiner Wohnstube. Quelle: Schwulenarchiv Schweiz.

    Urheber
    Foto: Patrik Schedler
    Herausgeber
    Besitzer: Schwulenarchiv Schweiz
    Rechte
    © Patrik Schedler
    Sammlungs Nr.
    ID: 3045
    Karlheinz Weinberger um 2005

    eos. Ein verborgener Künstler der Fotografie, der zeitlebens in derselben Wohnung im Zürcher Kreis 4 lebte, als Möbel- und Teppichverkäufer, später als Lagerist arbeitete, sich alles Können autodidaktisch in der Freizeit beibrachte: Das war Karlheinz Weinberger. Er starb vor zehn Jahren, am 10. Dezember 2006. Sein fotografisches Schaffen wurde erst in seinen sechs letzten Lebensjahren entdeckt und gewürdigt.

    Lange zuvor war er im KREIS unter dem Namen Jim bekannt. 1952 brachte die Zeitschrift ein erstes Bild von ihm. Dann erschienen seine Aufnahmen regelmässig. Im Redaktor des französischen Teils fand er einen Mentor und Mäzen, der ihn bis kurz vor seinem Tod (1999) finanziell unterstützte. Weinberger bevorzugte raue Arbeitertypen und Randständige, auch junge Bauern und, besonders auf seinen Reisen in Sizilien und Tunesien, ganz jugendliche Burschen. Er fing sie völlig ungestellt ein und brachte den herben Charme des einen wie das scheue Wesen oder die wilde Kraft des anderen so ins Bild, dass es den Betrachter unmittelbar berührte. Er war ein Meister. Kein Wunder, dass er zu einer Art Hoffotograf des KREIS wurde, der auch an den grossen Ball-Veranstaltungen Portraits von jungen Anwesenden machte. Jeder fühlte sich geehrt, wenn ihn Jim vor die Kamera holte. Jim war ein Begriff, allerdings nur innerhalb des KREIS und dessen Nachfolge-Zeitschriften.

    Von Karlheinz Weinberger aber wussten wir damals nichts: Seine Bilder von "Halbstarken", die ihm ab etwa 1958 gelangen, dokumentieren die Lebensweisen von Aussenseitern der Gesellschaft. Erst die Ausstellungen dieser anderen Werke machten ihn schlagartig berühmt, rasch auch über die Schweiz hinaus. Seine "Entdeckung" begann im Jahr 2000 mit einer Ausstellung des Zürcher Museums für Gestaltung. Es folgten weitere Präsentationen in New York (2001), London (2002) und gleichzeitig nochmals in Zürich, in der Galerie Schedler, wo jetzt auch homoerotische Fotos aus dem Umfeld des KREIS öffentlich zu sehen und zu kaufen waren. Spätere Ausstellungen gab es in Los Angeles (2003), Toronto (2004), nochmals in New York (2008), nach dem Tod des Künstlers in Berlin (2011) und Basel (2012), wobei die Basler Ausstellung eine Übernahme von New York war, wo das Swiss Institute Contemporary Art das Gesamtwerk 2011 erstmals in einem Überblick unter dem Namen "Intimate Stranger" gezeigt hatte.

    Zurück zum Herbst des Jahres 1957: Wir, die Theatergruppe des KREIS, probten an einem Stück für das 25-Jahre-Jubiläum der Organisation. Es sollte etwas Leichtes, Lustiges werden. Karlheinz Weinberger / Jim gab die Titelrolle: Er verkörperte den "Elefanten im Porzellanladen".

    Beim Proben lernten wir Jim als witzigen Kumpel kennen und schätzen. Er war neu in der Truppe und spielte später nie mehr mit. Unvergesslich sind uns diese Proben, denn wir erfanden von Mal zu Mal neue Wendungen und Bonmots, noch wirksamere Abläufe, und der Regisseur (Karl Meier / Rolf) hatte Mühe, alles zu notieren und zu fixieren, damit wir endlich zu einer gültigen Fassung kamen. Bei der Aufführung war das Publikum dermassen begeistert und lachte so überbordend, dass wir, angesteckt, uns kaum konzentrieren konnten und nur mit Glück den eingeübten Schluss zustande brachten.

    Später wollten wir Jim, wann immer er auftauchte, als Schauspiel-Kumpan begrüssen und um ihn sein, damit er etwas mehr von sich erzähle. Aber er blieb zurückhaltend. Meine Typen, sagte er zur Erklärung, finde ich nur selten im KREIS; ich suche kernige Heteros. Wir waren's nicht. So blieb es bei Freundlichkeiten. Und mit dem Ende des KREIS (1967) verloren wir den Kontakt.

    Erst an der Abdankung für Eugen Laubacher / Charles Welti trafen wir uns wieder. Das war am 28. Mai 1999. Eugen Laubacher war ein Spitzenmanager der Wirtschaft und international vernetzter Finanzfachmann. Als Charles Welti war er Redaktor des französischen Teils der Zeitschrift. Sein Doppelleben führte dazu, dass wir (Röbi Rapp und Ernst Ostertag) zusammen mit dem Altersfreund des Verstorbenen und mit Jim, der sich nun als Karlheinz Weinberger vorstellte, die vier einzigen Menschen waren, die für Charles Welti an der Feier teilnahmen. Alle die vielen anderen waren wegen Eugen Laubacher gekommen, der für uns ein Fremder war und in dessen Namen sie zum Leidmahl geladen wurden. Uns kannte niemand. Also verzogen wir uns in ein anderes Restaurant, und dort gab es so manches zu erzählen. Karlheinz zeigte sich viel offener als früher, ja er lud uns zu einem Treffen in einer Beiz nahe seiner Wohnung ein. Dort zeigte er Fotos von "Halbstarken", Burschen und Mädchen, die er beim Knabenschiessen am Albisgüetli aufgenommen hatte. Das war uns neu. Offenbar wollte er die Bemerkungen und Kommentare hören. Auf einmal lud er uns in seine Wohnung ein, wo noch viel mehr zu sehen sei. Er war gesprächig und liebenswürdig wie damals bei den Proben. Was er uns in der Wohnung bot, waren Aktbilder von ähnlichen Typen. Auch das war eine für uns neue Seite seines Schaffens.

    Ein Jahr später trafen wir ihn bei der ersten Weinberger-Ausstellung im Museum für Gestaltung, der früheren Zürcher Kunstgewerbeschule. Es war zu einer Nachmittagsstunde etliche Tage nach der Eröffnung. Nur wenige Besucher waren da. Karlheinz begleitete uns auf einem Rundgang und erzählte Details zu fast jedem der abgebildeten Menschen und wie es schliesslich dahin kam, dass er sie auf diese sehr nahe, persönliche Weise festhalten konnte. Plötzlich fragte er: "Wie fühlt es sich an, auf einmal berühmt zu sein? Ihr seid es ja jetzt auch. Es ist so fremd und so schön! Und irgendwie ist alle Schwere, das Unsichere, wie weggeblasen und aufgelöst. Jetzt im Alter ist das doch einfach wunderbar!"

    Mehr zu Karlheinz Weinberger hier.

    Mehr zum Stück "Elefant im Porzellanladen" hier.

      

    Manuel Gasser: Ein Leben für die Schönheit

    .

    Urheber
    Herausgeber
    Besitzer:
    Rechte
    ©
    Sammlungs Nr.
    ID: 1009

    jb. Manuel Gasser (1909-1979) war eine herausragende Gestalt der schweizerischen Publizistik im 20. Jahrhundert. Als Mitbegründer und Feuilleton-Chef der Weltwoche und als Chefredaktor des Kulturmagazins Du plädierte er für die Schönheit von Wort und Bild. Privat war er ein Mann, der zeitlebens von der Schönheit junger Männer angetan war. Ihm widmet David Streiff eine 730 Seiten starke Biografie und beleuchtet dabei mit Präzision und Detailfülle Leben, Fühlen und Wirken Gassers.

    In jungen Jahren vertraute Gasser seine Herzensangelegenheiten Tagebüchern an, die er schon mit 16 Jahren zu schreiben begann und die, nebst ganzen Bänden von Reisenotizen und zahlreichen Briefen erhalten und nicht von vermeintlich wohlmeinenden Verwandten oder Freunden vernichtet oder "gereinigt" worden sind wie bei vielen anderen homosexuellen Menschen. Deshalb konnte der Biograf Streiff, der Gasser nie persönlich begegnet ist, glücklicherweise aus dem Vollen schöpfen und ein buntes Kaleidoskop in allen Lebensfarben entwerfen. Dass sich das auch noch spannend und mit glänzenden Augen über hunderte von Seiten lesen lässt, ist schon eine ganz grosse Leistung des Biografen.

    Gasser verfasste tausende von Texten (Streiff hat eine Unmenge davon gelesen und verarbeitet), die meisten zu Kunst und Kultur und immer nah dran und porentief, oft impulsiv und subjektiv, meistens wohlwollend kritisch, ja voll von Bewunderung, doch dem schönen Schein abhold. Als Redaktor war er an der Gründung der "Weltwoche" beteiligt und betreute von 1933 bis 1946 und dann nochmals von 1952 bis 1957 das Feuilleton, die Illustrationen und die Humorseite. In die erste Phase seiner beruflichen Tätigkeit fällt auch der Aufstieg und Fall des Dritten Reiches. Streiff verschweigt nicht, dass die "Weltwoche" und ihr Gründer Karl von Schumacher aus dem Luzerner Patriziat anfänglich deutsch- und faschistenfreundliche Beiträge publizierten und dass auch Gasser selbst "durchaus anfällig für die Verlockungen des Dritten Reichs" war, wenigstens vorübergehend. Es ist deshalb keine Unterstellung, Gasser als politischen Naivling zu bezeichnen, wie es der Duz- und Intim-Freund Klaus Mann tat. Der Hang zum Schönen und Guten, der manchen Homosexuellen eigen ist, mag den Blick für die Realitäten der politischen Niederungen mitunter trüben.

    Als Chefredaktor des "Du" (1958 bis 1974) konnte Gasser endlich seiner Passion für die anspruchsvolle Kunst- und Reportagefotografie frönen. Noch besser als bei der "Weltwoche" gelang es ihm nun, die besten Fotografen seiner Zeit für eine Zusammenarbeit zu gewinnen und junge Talente zu entdecken. Das Magazin wurde immer dicker, nicht nur wegen dem steigenden Umfang an Reklame, das Prestige immer grösser, die Liste an ambitionierten Jung-Journalisten immer länger, so dass der unermüdliche Gasser hätte stolz sein können auf das, was er erreicht hatte. Ob er das wirklich war und wie er sich selbst einschätzte, darüber hätten wir gerne etwas mehr von David Streiff erfahren.

    Seine Gasser-Biografie ist nicht etwa unkritisch oder beschönigend. Aber Streiff lässt vor allem die Originaltexte und Zeitzeugen sprechen, stellt dazu den Kontext her und überlässt das Urteil dem Leser. Dennoch ist seine überaus aufwändige und kenntnisreiche Arbeit nicht hoch genug zu loben.

    David Streiff: Manuel Gasser - Biografie. Limmat Verlag, Zürich 2016, 732 Seiten

      

    L-World - das Wiki zur Lesbengeschichte

    eos. Ganz neu ist die Mitteilung von Dr. Madeleine Marti, Natalie Raeber und Corinne Rufli, dass sie die Lesbengeschichte als Wiki im Internet aufgeschaltet haben. Das Werk ist in viele Titel und Aspekte gegliedert, und beim Anklicken öffnen sich Einzelkapitel, die dem bekannten Muster von Wikipedia-Einträgen folgen. Die Handhabung ist auch dieselbe, was den Vorteil der leichten Bedienung hat. Allerdings: Es ist ein "work in progress". Und dabei stehen die drei Frauen ziemlich am Anfang. Zu vielen Inhalten heisst es vorläufig noch "in Bearbeitung". Es werden weitere Autorinnen und deren Beiträge gesucht.

    Das Ganze wirkt faszinierend, wie ein wohlgeordnetes weitläufiges Gestell, in dem erst wenige Fächer Interessantes zeigen und damit signalisieren, welche Fülle einmal vorhanden sein wird. Zugleich spornt es an, hier einzusteigen und mitzuwirken. Die Frauen stellen es auf der ersten Seite vor:
    "Dieses Wiki zeigt die Geschichte der Lesben in der Schweiz anhand von Events, Publikationen, Organisationen, Personen und Orten auf. Ein Schwerpunkt soll das 20. Jahrhundert sein. Früheres oder Späteres hat selbstverständlich auch Platz. Ein Wiki entsteht und lebt durch viele, die mitmachen. Ein Anfang ist gemacht. Es fehlen jedoch noch sehr viele Einträge und Inhalte. Deshalb unsere Aufforderung an dich: Mitmachen! Vielleicht möchtest du zuerst aber auch einfach mal schmökern."

    Der Link dazu hier.