Newsletter 91

August 2017

Dieser Newsletter enthält folgendes Thema:

    • Karl Heinrich Ulrichs' Lanze

      

    "Für die Freiheit diese Lanze!"

    Karl Heinrich Ulrichs

    Karl Heinrich Ulrichs

    Karl Heinrich Ulrichs, 1825-1895. Zeichnung. Erschienen im 'Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen', 1899. Quelle: forum homosexualität und geschichte münchen e.v. 'Ein Streifzug durch die Geschichte Münchens 1813-1945'.

    Urheber
    Künstler: unbekannt
    Herausgeber
    Besitzer: Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft e.V
    Rechte
    © erloschen
    Sammlungs Nr.
    ID: 0010
    Karl Heinrich Ulrichs, 1825-1895

    eos. Am 29. August 1867 - also vor 150 Jahren - hielt der deutsche Jurist Karl Heinrich Ulrichs vor versammelten Fachkollegen während des Deutschen Juristentags in München eine ebenso ausserordentliche wie mutige Rede. Allerdings, zu Ende sprechen konnte er nicht, er wurde niedergeschrien und musste den Saal verlassen. Später veröffentlichte er die Ansprache unter dem Titel "Für die Freiheit diese Lanze!". Mit seinem Auftreten und dem gedruckten Text, der einem Manifest gleichkam, war er der erste Mensch, der sich outete und öffentlich erklärte, seine Art von Menschen wolle nicht länger verfemt sein und dürfe nicht länger verfolgt werden. 150 Jahre später sagte der Deutsche Bundestag Ja zur Ehe für Alle. Grund genug, auf die schwierige Geburt der LGBT-Emanzipation zurückzublicken.

    Karl Heinrich Ulrichs hatte es gewagt und getan. Und dieses "Es" war damit in die Welt gesetzt. Sein Echo warf Wellen wie ein ins Wasser der Verschwiegenheit geworfener Stein. Man begann diese Menschen wahrzunehmen und über sie zu sprechen. Wenn auch mehrheitlich negativ. Aber das Schweigen war gebrochen.

    Darum ist das Datum des 29. August 1867 so entscheidend wichtig. Es markiert den Beginn der LGBT-Emanzipation oder, wie es der Pionier Ulrichs damals nannte, der Menschenklasse der Urninge. Er selbst nannte sich Urning (nach der griechischen Mythologie des Gottes Uranos) und forderte den Zusammenschluss aller Urninge, damit sie gemeinsam ihre Rechte erkämpfen. Eine andere seiner Forderungen war, dass Urninge ebenso das Recht auf Heirat haben sollten wie alle anderen Bürger. Er war ein furchtloser Visionär. Doch er musste einsehen, dass seine Zeit dazu noch nicht reif war, dass die Gegenkräfte jedem die Existenz nahmen, jeden ins Exil trieben. Vorläufig noch.

    102 Jahre später ereignete sich, was er angesprochen und wozu er aufgerufen hatte: Ein Heraustreten der Verachteten, das Einfordern ihres Akzeptiert-Werdens, die weltweite Verbundenheit im Kampf um die Gleichberechtigung. Im Juni 1969, als der Widerstand gegen Unterdrückung und Polizeigewalt in der Stonewall Inn an der New Yorker Christopher Street begann, da startete die eigentliche Realität jener Bewegung, die Ulrichs angedacht und mit seinem Outing und seinen unmissverständlichen Worten vorgezeichnet hatte. Es sind diese beiden Eckdaten der LGBT-Befreiungsbewegung, die unzertrennbar zusammengehören: Die Rede vom August 1867 und der Stonewall-Aufstand vom Juni 1969.

    Mehr zur Rede von Karl Heinrich Ulrichs und zu seiner Person:

    Juristentag 1867

    Rückblick auf den Pionier