Newsletter 92

September 2017

Dieser Newsletter enthält folgende Themen:

    • Zusammenstehen in düsteren Zeiten
    • Rundgang schwules Zürich

      

    Zusammenstehen in düsteren Zeiten

    Menschenrecht 1938

    Menschenrecht 1938

    Titelblatt 'Menschenrecht'. Blätter zur Aufklärung gegen Aechtung und Vorurteil (vormals 'Schweiz. Freundschaft-Banner'). 16/1938, VI. Jahrgang.

    Urheber
    Autoren: verschiedene
    Herausgeber
    Besitzer: Schwulenarchiv Schweiz, Zürich
    Rechte
    © unbekannt
    Sammlungs Nr.
    ID: 0032
    Titelblatt 'Menschenrecht'

    eos. Kaum hat die Diskussion um die "Ehe für alle" die Allgemeinheit erreicht, melden sich unübersehbar die Gegner. Das ist Bürgerrecht und zeugt von der Lebendigkeit unserer Demokratie. Zu einer solchen Änderung wird das Volk ohnehin das letzte Wort haben, und die Freiheit, sich eine eigene Meinung zu bilden, ist Grundlage jeder Abstimmung. Unsere Vorväter haben bewusst einen laizistischen Staat geschaffen, in dem Verfassung und Recht auf einem liberalen, aus dem Humanismus entwickelten Fundament stehen. Gleiches Recht für alle ist einer der Hauptsätze.

    Moralische Überlegungen, Verbundenheit mit altgewohnten Traditionen können durchaus das Leben einzelner Bürger bestimmen und sinnvoll machen. Aber sie dürfen kein allgemein verbindliches, staatliches Recht dominieren. Trotzdem gab und gibt es immer Einzelne wie Gruppen, die das verändern wollen und sich damit im Recht wähnen oder sogar behaupten, in "gottgewolltem" Recht zu sein. Und das tun sie mit fast pathologischer Verbissenheit vor allem, wenn ein neues Gesetz homosexuellen Mitbürgern etwas mehr Gleichstellung verschaffen soll. Da steigen sie auf die Barrikaden und verkünden lauthals ihre immer gleichen Argumente, die nie Argumente waren und auch heute keine sind. Ihnen entgegenzutreten ist sinnlos. Aber ihren "heiligen" Eifer zu kopieren und zu übernehmen kann matschentscheidend sein.

    Die Geschichte der Schwulenemanzipation verlief nie stetig voran. Immer wieder gab es düstere Zeiten. Dies vor allem, wenn die Schwulen sich freiwillig ins Private absetzten oder dazu gezwungen wurden, um zu überleben, oder wenn sie in besseren Zeiten lieber Tanz und Party machten und/oder die berufliche Karriere übers Schwul-sein stellten. Die Folge davon war, dass die wenigen aktiv Gebliebenen kaum mehr neue Mitwirkende fanden, sich überarbeiteten und schliesslich entmutigt und enttäuscht aufgaben. Trotzdem, das Flämmchen des Kampfes um eigene Rechte und für schwule oder lesbische Lebensnischen erlosch nie ganz.

    Momentan stehen wir wieder in einer der düsteren Zeiten, wenn auch auf sehr komfortablem Niveau. Die "Ehe für alle" flutet Seiten und Spalten von Medien aller Art mit Leserbriefen und Kommentaren. Viele der betont Negativen sind allerdings verfasst von Geistern, die sich in Denk- und Sprachmustern bewegen, wie sie vor vierzig bis hundert Jahren üblich waren. Sowas hielt man für längst überwunden. Eine Illusion. Drum ist es - einmal mehr - heilsam, zurückblätternd in die Geschichte zu schauen und ein wenig nachzulesen, was früher passierte und wie die Stimmung unter Schwulen in düsteren Zeiten von damals war. Das wollen wir jetzt im September-Newsletter tun und dann nochmals in jenem vom Oktober.

    Heute blättern wir in unserer Geschichte um 80 Jahre zurück in die letzten Monate des Jahres 1937. Die Erfolge der immer aggressiver auftretenden Diktatoren im deutschen Nazi-Reich wie im faschistischen Italien und die Schwäche der demokratischen Staaten Europas traten in diesem Jahr überdeutlich zutage. Die Vernichtung der ehemaligen schwulen Subkulturen war jetzt total. Durch Freunde auf Ferienreise und einige Emigranten war man bestens informiert. Angst war stets präsent wie der Schatten und liess sich nicht verdrängen. Die eidgenössischen Räte hatten dem neu geschaffenen allgemeinen Strafgesetz zugestimmt. Es brachte die Entkriminalisierung homosexueller Akte unter Erwachsenen (ab Schutzalter 20). Doch sofort starteten die Gegner mit der Unterschriftensammlung zum Referendum und es war völlig klar, dass sie genügend stimmberechtigte Neinsager (ausschliesslich Männer) finden würden. Das nächste Jahr sollte den Volksentscheid bringen. Gleichzeitig begann schon der Abstimmungskampf. In drastischen Farben malten die Gegner je nach Konfession das Fegefeuer oder die Hölle, die auf "Knabenschänder" und ihre Unterstützer warte. Auch die vor allem in der deutschsprachigen Schweiz starke Nationale Front von Vaterländischen Nazi-Freunden mischte kräftig mit. Besonnene Stimmen gab es natürlich auch. Sie wiesen auf die vielen Vorteile des Gesetzbuches hin, klammerten das Strittige aus (Homosexuelle, Freigabe weiblicher Prostitution, Abschaffung der Todesstrafe) und hoben die nationale Bedeutung der einheitlichen Strafregelung gegenüber den bisherigen 26 kantonalen Gesetzen hervor. Aber sie schienen im Lärm unterzugehen.

    Viele Kameraden, lesbische wie schwule, zogen sich nun ins Private zurück, um gänzlich versteckt und damit einigermassen abgesichert zu bleiben. Die seit 1935 bestehende schweizerische Liga für Menschenrechte verlor ihre letzten Mitglieder und verzog sich ab 1938 in den Status einer nur noch auf dem Papier bestehenden Organisation, rein kommissarisch betreut durch eine Präsidentin, eine Kassierin und einen Aktuar. Dabei war sie eigentlich als Sammelplatz der Aktiven und Speerspitze im Kampf um die Abstimmung konzipiert gewesen. Es blieben die Wenigen der Redaktion zur Herausgabe der Zeitschrift Menschenrecht und jene, die das Klublokal "Maxim" an der Zürcher Kernstrasse führten. Beides aber befand sich am Abgrund; die Auflösung wurde erwogen. Dennoch, die sicher bevorstehende Abstimmung, bei der es ums Überleben als schwule Bürger mit garantierten Rechten ging und um gesichertes Beisammensein in einer Getto-Gemeinschaft, diese lebenswichtige Abstimmung musste um jeden Preis gewonnen werden. Das Häufchen der Standfesten raffte sich auf. Sie wollten siegen. Es ging um alles oder nichts.

    Mehr dazu: Menschenrecht 1937

      

    Rundgang schwules Zürich

    Gasthof Eintracht / Theater am Neumarkt

    Gasthof Eintracht / Theater am Neumarkt

    'Eintracht' und Theater am Neumarkt, Clublokal des KREIS von 1948 bis 1961. Quelle: Baugeschichtliches Archiv, Zürich, Nr. BAZ13-82583

    Urheber
    Urheber: unbekannt
    Herausgeber
    Besitzer: Baugeschichtliches Archiv, Zürich
    Rechte
    © Baugeschichtliches Archiv, Zürich
    Sammlungs Nr.
    ID: 0144
    'Eintracht' und Theater am Neumarkt, Clublokal des KREIS von 1948 bis 1961

    cdg. Der Verein schwulengeschichte.ch lädt ein zu einem Rundgang durch das schwule Zürich. Die Stadt zeigte den Schwulen in der Vergangenheit unterschiedliche Gesichter. Homosexuelle Menschen erlitten Verfolgungen und wurden ins Abseits gedrängt. Zürich war aber auch eine Insel im Meer des Schwulenhasses. Heute ist die Stadt schwules Reiseziel und Party-Location, und sie bietet Freiräume für schwule Kultur. Auf dem Rundgang erfährst du mehr über die schwule Geschichte der Stadt und der Schweiz, und du lernst unbekannte Ecken und Winkel von Zürich kennen. Die Führung ist kostenlos. Die Teilnehmerzahl ist auf höchstens 20 Personen beschränkt.

    Datum: Dienstag, 26. September 2017 / 18.00 bis 20.00 Uhr
    Treffpunkt: Eingang Stadthaus, Stadthausquai 17, 8001 Zürich
    Anmeldung per Mail an: event @ schwulengeschichte.ch