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Warum schreibe ich Schwulengeschichte?

«Geschichte ist die geistige Form, in der sich eine Kultur

über ihre Vergangenheit Rechenschaft gibt.»

So schrieb der niederländische Geschichtsforscher Johan Huizinga (1872–1945) in seinem Werk «Im Bann der Geschichte», das 1942 erstmals in deutscher Sprache erschien. Die Aussage setzt ein Verständnis dessen voraus, was Kultur als grundsätzlicher Begriff bedeutet. Mein Vorschlag:

Kultur ist, wie lebende Wesen im Rahmen ihrer Umstände

mit Vorhandenem umgehen.

So gesehen gibt es beides, eine Kultur von Gruppen, wie etwa die Schwulenkultur, und die individuelle Kultur jedes einzelnen Wesens – und Geschichte soll die geistige Form sein, in der sich, Struktur und Überblick gewinnend, eine Gruppe oder Nation, aber auch ein einzelnes Wesen seine/ihre Vergangenheit betrachtet und durchleuchtet, um dem Jetzt Klarheit und Sinn zu vermitteln. Und daraus lassen sich vernünftige Gestaltungsformen der Zukunft entwickeln.

Als Anfang 1930 geborener Mensch waren meine frühen Umstände unter anderem von der Angst der Eltern geprägt. Angst vor dem sich zunehmend verdüsternden politischen Geschehen. Zu meinen frühesten Erinnerungen gehören fremde Gäste, die meist nur eine Nacht blieben und Gespräche führten, die ich nicht hören sollte. Das verunsicherte. Mit etwa fünf begann ich an einer der Türen zum väterlichen Studierzimmer zu horchen. So lernte ich unbekannte Begriffe und Namen und hasste sie: Nazis, Hitler und viele andere. Die Angst kam von dort. Aber ich musste still sein und Fragen für mich behalten. Sie glaubten doch, ich würde schlafen. Mir blieb nur, möglichst viel zu erhorchen.

Erst später konnte ich fragen. Wer ist das? Was ist das? – in der Schule hat man davon erzählt. Mein Vater, offenbar erfreut über diese Neugier, erklärte vieles. Das ging bis zur Münchener Konferenz am 29. 9. 1938, als er bemerkte, ich könne nun selber lesen. So wurde trotz Fraktur die NZZ zur täglichen Lektüre, denn sie war mit dem Schweizerischen Beobachter das einzige abonnierte Blatt meiner Eltern. Noch später hingen grosse Karten in meinem Zimmer und mit Fähnchen wurde jede Veränderung der Kriegsfronten nachgesteckt.

Ich wusste, wir waren Zeugen von entsetzlichen Dingen, die einmal Geschichte sein würden. Und mein eigenes Erleben und Erfahren war verknüpft damit: die grosse Angst, was morgen sei und wie alles weiterhin geschehen werde, ob es einmal ein Ende geben und wie die Welt und wir selber dann aussehen mochten, tot oder lebendig, und wie lebendig?

An Weihnachten 1939 kam Vater aus dem Aktivdienst zurück. Für kurze Tage. Mein Bruder war jetzt gut sieben Jahre, das Schwesterchen einen Monat alt. Am folgenden Tag nahm er mich an die Hand. Wir gingen durch den Rebberg zur Höngger Brücke hinunter. Von dort wies er auf unser Haus. Wie ein Turm stand es über den Reben, und Vater erklärte, dass die zweite Linie unserer Armee bei einem deutschen Angriff hier an der Limmat sein werde. Er musste es wissen, er war Nachrichten-Offizier. Im Frühling könne es dazu kommen. Er werde rechtzeitig anrufen. Dann müsste ich die Familie rasch über die Brücke führen, sie werde gesprengt. Das Haus würde auch zerstört. Nun gingen wir quer übers Limmattal nach Altstetten («Achtung Tiefflieger, immer Deckung im Auge haben, sofort abliegen!»), dann den Wald hoch bis Ringlikon, wo er ins Reppischtal wies. Erst dort, möglichst im Wald, seien wir sicher. Wir müssten aber weiter und den Weg bis gegen Einsiedeln erfragen, bei Bauern nächtigen. Mutter wisse das, sie habe Geld.

Im Frühling erwartete ich Vaters Stimme. Ich hatte Angst und war zugleich ruhig. Ich wusste, was es zu tun gab. Es wurde Mai und der Überfall auf Holland und Belgien geschah. Wieder hatten die Teufel zugeschlagen, ohne Kriegserklärung, mitten im Frieden, Rotterdam mit Brandbomben in ein Flammenmeer gestürzt, Tausende tot, ohne Chance. Und Vater schwieg. Kein Anruf. Es wurde ein bedrückender Sommer. Wir waren nicht mehr in der Schusslinie, aber eingeschlossen.

Vater hatte Urlaub. Was ist ein Réduit? Ich verstand die Idee von der Alpenfestung und dem möglichst hohen Preis für den Angreifer. Es war unsere einzige Chance, dem Schicksal Hollands zu entkommen. Vater war streng «neutral». «Bewaffnet, aber neutral, so können wir vielleicht überleben», sagte er immer wieder und wies mich an, nicht nur Meldungen aus London zu lesen, sondern auch das, was Berlin berichte. Alle lügen, die Wahrheit musst du immer selber finden.

Mein Banknachbar war Deutscher. Eigentlich wollte ich ihn hassen. Aber ich mochte ihn. Mehr als alle anderen Schulkameraden. Ich lernte seine Familie kennen, gute Leute, auch wenn ich beim Betreten der Wohnung erstarrte. Übergross im Zimmer ein Portrait des «Subjekts», wie ihn Vater nannte, geschmückt mit Hakenkreuzfähnchen. Einmal nahm mich die Familie mit an den Waldrand hinauf. Dort, beim Restaurant «Grünwald», sei ein deutsches Kulturhaus und sie würden ein Fest feiern. Viele Leute und die verhassten Fahnen in allen Räumen. Ich hörte unsern Dialekt, ziemlich oft. Also nicht nur Deutsche. Das verstand ich nicht. Warum? Und Vater war wieder im Dienst.

Plötzlich hatte ich einen Plan. Am freien Nachmittag fuhr ich zur oberen Bahnhofstrasse und stand dort vor dem britischen Konsulat. Sollte ich? Doch, ich ging hinauf und läutete an der Tür im ersten Stock. Ich erzählte, was ich wusste und was mich bedrückte und ging mit einem Auftrag nach Hause. Wieder war ich ruhig. Es gab etwas zu tun. Die gute Familie nahm mich noch ein paar Mal mit ins Kulturhaus und ich hörte genau hin, bevor wir Kinder im grossen Garten spielen gingen. Auch dort merkte ich mir die Namen. Danach erfolgte die Berichterstattung auf dem Konsulat.

Nun erhielt ich (bis Kriegsende) ein Nachrichtenblatt, regelmässig, in neutralem Umschlag. (Wie später den Kreis, unauffällig.) Da standen andere Dinge, illustriert mit anderen Bildern als in der NZZ. Sehr spannend. Bis zum Sommer 1942, als ein Bericht über Auschwitz erschien. Mit Bildern, «erhalten vom polnischen Widerstand». Ich las ihn mehrmals, fassungslos. Dann zerriss ich das Heftchen in kleine Stücke und spülte sie die Toilette hinunter. Aber jedes Detail blieb zurück, messerscharf eingeritzt. Das war viel schlimmer als Schmerz und Weinen. Es zerbrach etwas tief innen. Es ist nie mehr ganz geworden.

Zum Zerbrochenen gehörte auch der Glaube an Gott, wie er von Eltern, Schule, Respektspersonen mir vermittelt worden war. Wo war dieser Gott jetzt? Wo er, wie in Sodom und Gomorra, hätte rächen müssen? Hier ging es doch um sein «auserwähltes Volk».

Die Wahrheit musst du immer selber finden. Wieder hatte ich ein Geheimnis – zuerst war es nur das Heftchen, jetzt aber war ein bleischweres, verstörendes dazugekommen.

Ernst Ostertag, 1944

Etwa zur derselben Zeit merkte ich, wie meine Kameraden plötzlich nach Mädchen schielten. Das machte mich wütend. Allerdings begann ich gleichfalls mit Schielen. Nur schaute ich nach Kameraden. Das war doch wie immer und ganz normal. Warum aber sind die so was von blöd geworden? Bis ich den Unterschied in ihrer Stimme hörte, wenn sie das neue Wort «Schatz» verwendeten und in eine bestimmte Richtung starrten. Meine Stimme würde bei gewissen älteren Kameraden genau so tönen, das spürte ich, wenn… – aber davon spricht man nicht. Trotzdem suchten die Augen und ich musste stehenbleiben. Diesen Älteren beim Turnen auf dem Platz zusehen. Ein sonderlich angenehmes Gefühl entstand dabei. Ich riss mich los, es merkt’s sonst einer. Wieder war da ein Geheimnis, ein ganz anderes, faszinierendes, auch bedrohendes.

Osterzeit 1942. Mein Cousin, er war ein paar Jahre älter als ich, verbrachte die Ferien bei uns. Meine Mutter war seine Gotte. Einmal, tief im Wald, wo wir Picknick hielten, zog er sich nackt aus, was mich völlig elektrisierte. Sofort tat ich es ihm nach und wir betasteten uns überall. Er zeigte «wie es zum Spritzen kommt» und schoss los in hohem Bogen. Dann machte er es auch bei mir. Das war ein neues, ein total überwältigendes Gefühl, auch wenn es, wie er sagte, «noch nicht» spritzte. Ich hatte nur noch Augen für ihn und alles war so wunderschön. Im nächsten Jahr werde er wieder kommen, so war die Abmachung.

Ein Jahr hatte ich darauf gewartet und mich nachts in Vorfreuden getröstet. Er kam und erzählte mit glänzenden Augen von seinem «Schatz». Wir gingen in den Wald. Er blieb angekleidet und berührte mich nicht. «Mit einem Mädchen ist es viel schöner, das wirst du auch noch erleben.» Ich war wie von Messern zerschnitten. Und stumm vor Schmerz – auch noch sehr lange nach den Ferien. Zu wem hätte ich sprechen sollen, wer hätte das verstanden?

Doch dieser brennende Schmerz lehrte mich, dass es keinen Ausweg gab. Mein ganzes Fühlen war anders, anders gerichtet. Es war so stark, wie dieser Schmerz. Und wie nannte man das? Und existierten noch andere meiner Art? In Vaters Lexika entdeckte ich über viele Umwege eine Erklärung und das scheussliche Wort Homosexualität. Es stand in den Seiten zur Medizin und dort im Abschnitt Pathologie. Eine Prozentzahl war nicht angegeben. Über diesen «Fund» sträubte sich alles in mir: Nein, niemals war ich krank! Natur kann nicht krank sein. Diese gescheiten Leute wissen nichts. Aber ich weiss, ich habe es tief mit allen Schmerzen erlitten und erfahren. Es musste ein paar wenige mir Gleiche geben, irgendwo. Die will und werde ich einmal treffen. Zugleich wusste ich, davon darf niemand je etwas merken. Als pathologischer Fall verachtet werden, das passiert mir nicht.

In dieser selben Zeit, mitten im Krieg, las ich eine Nachricht, die mich hell empörte: Mahatma Gandhi war in den Hungerstreik getreten, um die Briten zu zwingen, Indien frei zu geben. Jetzt, wo die erfolgreichen faschistischen Heere vor Stalingrad und Alexandrien lagen, fällt dieser Kerl den Briten in den Rücken. Trotzdem liess mich die Tatsache nicht los, dass einer in all dem weltweiten Morden die Befreiung ohne Waffe erringen wollte. Jede Waffe verstärkt die Kraft ihres Trägers. Woher nahm dieser Mann seine Kraft? Ich begann Gandhi zu lesen und entdeckte eine umfassende Ruhe, die aus seinen Meditationen resultieren musste und ihn zur fraglosen Liebe gegenüber jedem Lebewesen führte. Damit war er allen überlegen. Furcht war ihm fremd. Er liebte.

Die über Jahre fortgesetzte Lektüre öffnete mir das Interesse für Indien, seine Geschichte und die Lehren seiner Traditionen, worunter der Buddhismus mich in späteren Jahrzehnten am stärksten prägen sollte. Hier gab es doktrinlose Wege zum Erkennen von Natur als Ganzem und Entlassen von Ängste und damit Konflikte bedingenden Beschränkungen. Frei von Glaube blieb ich, vertiefter, bewusster. Der buddhistische Weg verlangt keinen Glauben. Aus Meditationen entstand das Erfahrungswissen, dass im Grunde einer tiefen Wahrheit sich eine ganz andere, ebenso tiefe Wahrheit öffnen kann. Absolutes gibt es nicht; das wirkt befreiend.

Nach dem Krieg wollte ich Zusammenhänge erkennen. Wie konnte eine so teuflische Macht entstehen und die Welt in Brand setzen. Ich hatte etwas von den Schrecken erfahren. Es gehörte zu meiner Geschichte. Aber warum geschah die grosse Geschichte?

Ernst Ostertag, 1959
Ernst Ostertag, 1959, Lehrer an einer Sonderschule

Zum Schulunterricht, nun im Evangelischen Lehrerseminar, gehörte dieses höchst spannende Fach. An der Römischen Geschichte war exemplarisch abzulesen: Die kulturelle Verflachung, das Phänomen der Masse und das Abgleiten in die Diktatur, in die Abhängigkeit von einem «göttlichen Führer» und seiner Clique. Aber das totale Abstürzen in die Einheitsmeinung, die totale Entmenschlichung – in einer Doktrin des Staats- und Rasse-Egoismus, das war dem 20. Jahrhundert vorbehalten. Wie kam es dazu? Fragen an die deutsche Geschichte. Aber nicht nur: Fragen auch ans Weltgeschehen. Warum sind die entsetzlichsten Monster der Menschheitsgeschichte mit ihren Dämonen rundum praktisch zur selben Zeit aufgetreten: Hitler, Stalin, Mao Tse-tung? Fragen im Sinne des sich «Rechenschaft Gebens», wie es Huizinga definiert. Damit aus dieser Rechenschaft Früheres aufgedeckt und abgeklärt, die Zusammenhänge eingesehen und verstanden werden, weil erst so Neues, Veränderndes anzugehen ist.

Die Zusammenhänge der grossen, vorab deutschen und europäischen Geschichte diskutierten wir mit dem Geschichtslehrer und untereinander, von den Ursachen der Reichsgründung unter Bismarck und Preussen mit dem Krieg gegen Frankreich 1871/72, der Einverleibung von Elsass und Lothringen, der tödlichen Feindschaft Frankreichs, die nach Bismarck durch das Unvermögen unter Wilhelm II in die Aufspaltung Europas in Blöcke und in den ersten Weltkrieg von 1914–18 führte. Die Politik der deutschen Demütigung danach, welche den Sturz in Inflation und Wirtschaftskrise mit Erniedrigung, Arbeitslosigkeit und Hunger bedingte, worauf erst die magische Rattenfängerfigur Hitler mit ihren militanten Banden und willenlos faszinierten Nachläufern den Weg zur Ergreifung der Macht erschleichen, ertrotzen und erobern konnte. Zum Schaden aller.

Dass aus der europäischen Katastrophe die Idee einer EU angedacht und über einen noch nicht abgeschlossenen Prozess von mehr als sechs Jahrzehnten Realität werden konnte, ist nicht zuletzt aus diesem Rechenschaft geben aller Beteiligten möglich geworden. Und selbst meine in diese Geschichte verknüpfte Kindheit verlor ihr Trauma mit dem Einsehen der Zusammenhänge.

Ernst Ostertag, 1960
Ernst Ostertag, 1960, auf einer Italienreise

Die Geschichte der schwulen Identität hingegen, die war mit keinem Geschichtslehrer noch mit Studienkameraden diskutierbar. Sie bedurfte des einsamen Prozesses von Beobachten und Suchen zugleich. Zunächst aber blieb alles wie abgewürgt im Bann des «Nie wieder». Nie wieder die Schmerzen einer zurückgewiesenen Liebe. Niemals ein Abgleiten zum pathologischen Fall. Unter dieser Decke aus starrem Eis entstand Druck, der langsam wuchs, etwa wie bei isländischen Vulkanen. Es ging ums Aufbrechen des Schweigens über «Unschickliches». Es ging ums Erlebenwollen erfüllter Sexualität.

Mit 24 erfuhr ich zufällig vom KREIS, sah eines der Hefte und kontaktierte «Rolf», den Leiter. Hier wollte ich dabei sein und mitwirken. Er winkte ab. Ich müsse erst an eine feste Lehrer-Stelle gewählt werden. 18 Monate später war es soweit. Ich arbeitete im Hintergrund als Aushilfe bei Textkorrekturen usw. In Gesprächen mit den drei Redaktoren erkannte ich mehr und mehr die lange Geschichte vor dem KREIS und hörte vom Leben und Kämpfen der Pioniere. Es hatte «uns» schon immer gegeben. Nicht nur als verschwiegene Minderheit.

Noch einmal 20 Monate später traf ich Röbi Rapp und war restlos verzaubert. Nach der wilden «Aufholzeit» der letzten drei Jahre hatte ich nun den Menschen gefunden, mit dem zusammen ein partnerschaftliches Leben wünsch- und denkbar wäre. Und wir liebten einander. Nicht hinterfragbar. Also begann eine lange, gemeinsame Geschichte, zunächst im verschwiegenen KREIS-Ghetto, dann in Nachfolgeorganisationen. Doch draussen hielten wir uns bedeckt und wohnten dreissig Jahre lang nicht im selben Haushalt.

Trotzdem, das genügte nicht: In diese Geschichte gehört auch eine Razzia der Sittenpolizei in meiner Wohnung früh morgens um fünf und danach die Unterschrift auf ein Protokoll, dass nichts Gesetzwidriges festgestellt worden sei, «kein minderjähriger Stricher bei mir übenachtete». Das, so wurde beteuert, bedeute die Ablage des Papiers an verschlossenem Ort. Doch drei Jahre später, nach einem weiteren Milieumord 1961, kam eine Vorladung zur Kripo, wo das Protokoll trotzdem vorlag, wo mich die Polizeibeamten als «Schwuler» beschimpften und mit körperlicher Gewalt und Nötigung – «wir können Sie hier behalten und melden morgen in der Schule, wo Sie sind», – dazu «weichklopften», ein aussagewirksameres Protokoll nicht nur zu unterschreiben, sondern auch mit Fingerabdrücken zu «vervollständigen». Röbi erging es genau so, aber ohne Gewaltanwendung; ich hatte ihn genau instruiert.

«Ja wir wollen!» - Demonstrationszug durch die Berner Innenstadt und Kundgebung auf dem Bundesplatz
An der Kundgebung für das Partnerschaftsgesetz in Bern

Diese traumatische Erfahrung, eine straflos ausgrenzbare und erpressbare Person zu sein, machte uns beide zu militanten Verfechtern unserer Rechte. Denn die waren erst einmal so klar als normale Grundrechte in den öffentlichen Raum zu stellen, dass sie wenigstens bekannt und respektiert würden, was mit der Ächtung der Schwulenregistrierung begann und zu deren Abschaffung führte. Dabei blieb Gandhis Vorbild bestimmend: Die Kraft der klaren Argumente wirkt vielleicht langsamer, als jene der Verachtung und des Hasses, aber sie ist stärker, weil sie unser Ziel «Freiheit und gleiche Rechte!» nicht besudelt und zur Farce macht.

Die Homosexuellen sind stets gewaltfrei geblieben. Tränengas musste nie gegen sie eingesetzt werden und sie haben auch keine Hetero-Freier in Rotlichtquartieren oder demonstrierende Gegner tätlich angegriffen. Hingegen sind sie mit Fantasie, Mut, geschliffenem Mundwerk, schriller Buntheit, Selbstironie und oft auch dem Humor jener, die nichts zu verlieren haben – vor allem aber mit klaren Argumenten und seriöser Überzeugungsarbeit – vorgegangen. Das können (weltweit) wenige andere Gruppen unterdrückter Minderheiten von sich sagen. Die Geschichte unserer Organisationen, die kleinen individuellen Geschichten, die Einsätze früher Pioniere, – das aufgezeichnet ergibt eine leuchtende Form von Rechenschaft ablegen, die beispielhaft und motivierend wirken mag.

Röbi Rapp und Ernst Osterag bei der Unterschrift
Röbi Rapp und Ernst Osterag sind das erste gleichgeschlechtliche Paar im Kanton Zürich

Öffnet internen Link im aktuellen FensterErnst Ostertag, Oktober 2008