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Wissenschaftliche Forschung und Literatur zur Homosexualität in der Natur

Bereits 1966 erschien in Heft 5 der Monatszeitschrift STUDIUM GENERALE im Springer-Verlag Berlin ein Aufsatz von F. Schutz: «Homosexualität bei Tieren». So berichtete Der Kreis in seiner Nummer 6/1966.

1990

1990 veröffentlichte Volker Sommer, Professor am Institut für Anthropologie der Universität Göttingen, ein Buch über seine Verhaltensforschungen im Bereich Sozial- und Sexualverhalten mit dem Titel: «Wider die Natur? Homosexualität und Evolution». Im Kapitel 7 (Wovon Verhaltensforscher häufig schweigen) berichtete er über «Homosexualität unter Tieren» und schloss auf Grund seiner Beobachtungen, dass nicht nur homosexuelles Verhalten, sondern auch homosexuelle Partnerschaften quer durch das Tierreich zu natürlichen Lebensmustern gehören und durch die Evolution offenbar nicht ausgemerzt wurden.

1999

1999 erschien das inzwischen zum Standardwerk gewordene umfangreiche Buch von Bruce Bagemihl: «Biological Exuberance, Animal Homosexuality and Natural Diversity» (Biologische Üppigkeit, homosexuelle Tiere, natürliche Abweichungen), welches auf zahllosen Ergebnissen der Feldforschung beruht und aufzeigt, dass der Sexualtrieb mit seinem Erzeugen von Lust und Entspannung in der Natur hauptsächlich dem Herstellen und Festigen von Sozialkontakten und dem natürlichen Abbau von Stress dient und nur eher zufällig auch die Fortpflanzung garantiert. Homosexualität spielt dabei nicht nur für die meisten Säugetiere eine weit verbreitete Rolle, sie wird auch bei Vögeln, Reptilien, Fischen und sogar Insekten und anderen Wirbellosen praktiziert. Je nach Art und Gattung sind jahre- bis lebenslange gleichgeschlechtliche Partnerschaften mindestens so häufig wie bei Menschen: 5 – 7%. Einfache homosexuelle Akte dagegen machen ebenfalls je nach Gattung und Art 40 bis 95% aller Sexualkontakte aus. Homosexualität ist offenbar von der Evolution nie ausgemerzt worden. Sie muss ihren Sinn haben. Männliche Vogelpaare beispielsweise stehlen Eier aus den Nestern heterosexueller Paare, bauen grössere Nester und schützen ihre Jungen besser vor Feinden, weil sie stärker sind. Weibliche Paare dagegen legen nach der Befruchtung durch ein Männchen, das sie danach vertreiben, doppelt so viele Eier, brüten sie aus und übernehmen die Pflege hingebungsvoll. Homosexuelle Paare sind ebenso gute und zudem bei gewissen Tierarten erfolgreichere Eltern wie heterosexuelle Paare.

1999 gab Michael Miersch ein weniger exakt wissenschaftliches, wohl aber auf die oben angegebenen und andere ähnliche Forschungsergebnisse aufbauendes Lexikon heraus mit dem Titel «Das bizarre Sexualleben der Tiere. Ein populäres Lexikon von Aal bis Zebra».

2003

2003 veröffentlichte Volker Sommer in der Weltwoche vom 30. Januar einen Essay «Zu Ursachen und Funktion der Homosexualität», worin er nach einer Aufzählung von wissenschaftlich belegten Vorkommen eindeutig homosexueller Verhaltensweisen bei diversen Tierarten zum Schluss kommt:

«Steckt hinter dieser hartnäckigen Neigung etwa die fördernde Hand genau jener Natur, gegen die sie nach Ansicht der Moralapostel verstösst? […] Durchaus ‹wider die Natur› geht es da zu, wo die Natur noch unverfälscht ist: bei Tieren. Homosex ist an der Tagesordnung – und zwar nicht im kulturdekadenten Zookäfig, sondern in Gottes freier Wildbahn.»

Seit 2003 veranstalten u.a. die Zoos von Amsterdam, Zürich und Basel spezielle Führungen zum Thema Homosexualität in der Tierwelt.

2006

2006 gab es eine Ausstellung zum Thema: «Wider die Natur?» Dazu brachte die Basler Zeitung (BZ) den Bericht «Homo-Schwäne» von Hannes Gamillscheg, Kopenhagen: Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[1]

«Die Idee für die Ausstellung habe er von einem Pastor bekommen, sagt Geir Söli, Projektleiter an Oslos Naturhistorischem Museum: ‹Der sagte am Radio, dass Homosexualität widernatürlich sei. Als Zoologe weiss ich, dass das Quatsch ist.› Deshalb können die Norweger nun in der städtischen Sammlung Bilder von schmusenden Killerwal-Männchen, Giraffinnen im Liebesspiel und Kinder hütenden schwulen Schwänen bestaunen. ‹Bei 1500 Tierarten hat man gleichgeschlechtliche Beziehungen dokumentiert›, sagt der Museumschef. ‹Wider die Natur?› heisst die Schau, und das Fragezeichen beantwortet er direkt: ‹Wie kann Homosexualität der Ordnung der Natur widersprechen, wenn sie im Tierreich so stark verbreitet ist?› So widerlege die Natur selbst das ‹stärkste Argument der Homophoben›, sagt Söli. […] Bürgermeister Erling Lae, selbst offen schwul, war begeistert: ‹Dass gleichgeschlechtliche Paare unter Tieren gewöhnlicher sind als bei Menschen, stellt alles auf den Kopf, was wir bisher glaubten […]›, sagte er bei der Vernissage. […] ‹Tiere haben der Forschung zu folge Sex in allen denkbaren Varianten›, sagt Söli, und sie tun es nicht nur der Fortpflanzung wegen, ‹sondern weil es Spass macht›. Dieses Wissen könne dazu beitragen, Homosexualität bei Menschen zu ‹entmystifizieren›, glaubt man im Naturhistorischen Museum: ‹Indem wir zeigen, wie verbreitet solches Verhalten bei Tieren ist, hoffen wir jedenfalls die Behauptung zu widerlegen, dass Homosexualität der natürlichen Ordnung widerspricht.› »

Pink Cross erwähnte in ihrem Newsletter zusätzlich: Öffnet internen Link im aktuellen Fenster[2]

«Oft haben Zoologen in der Vergangenheit die Homosexualität der Tiere einfach ignoriert, so die Meinung des Zoologen Söli.»

Bereits im 18. Jahrhundert wurden eindeutige Ergebnisse aufgezeichnet, aber aus Furcht vor der öffentlichen Meinung und der Kirche sind Publikationen unterlassen worden. Diese Unterlagen sind teilweise in Archiven noch vorhanden und wurden als Dokumente in einigen der oben erwähnten Publikationen angeführt.

Heute sozusagen auf der Hit-Liste sind die Forschungen des sexuellen Verhaltens in Bezug auf die psychische Ausgeglichenheit und das soziale Gefüge bei den zu 80% bisexuell lebenden Bonobos, den sogenannten Zwergschimpansen. Nach neuen Ergebnissen der Forschung an erdgeschichtlich alten Tierarten scheint festzustehen, dass es Homosexualität schon seit Urzeiten und längst vor der Entstehung des Menschen gegeben hat.

Öffnet internen Link im aktuellen FensterErnst Ostertag, November 2006

Quellen

1
Basler Zeitung (BZ), 7. November 2006
2
Pink Cross Newsletter, 10. November 2006