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Vorwort der Autoren Ernst Ostertag und Röbi Rapp

Autoren Ernst Ostertag und Röbi Rapp, 2009
Autoren Ernst Ostertag und Röbi Rapp

Die Ausstellung «unverschämt – Lesben und Schwule gestern und heute» fand vom 10. Oktober 2002 bis 18. Januar 2003 im Stadthaus Zürich statt und war mit 13'000 Besuchern eine über Erwarten erfolgreiche Veranstaltung. Es konnte jedoch kein Katalog angeboten werden, weil Zeit und Geld fehlten. Daher fassten wir beide vom Arbeitsteam Männergeschichte: Inhalt, Texte den Entschluss, aus allen gesammelten Unterlagen ein Buch zu machen. Wie zeitraubend wir nochmals recherchieren mussten, um Fakten zu belegen, und dass wir sehr viel Neues entdecken würden, auch bei Interviews mit Zeitzeugen, davon hatten wir anfänglich keine Ahnung. Aus den geplanten zwei Jahren ist das Dreifache geworden.

Wir sind keine Historiker und wollten auch kein im wissenschaftlichen Sinn historisches Buch verfassen. Von unserem Werdegang her sind wir auf Menschen und ihre Lebensweisen ausgerichtet und dachten daher an ein Kapitel schweizerischer Sozialgeschichte, das bis jetzt als Ganzes noch nie dargestellt wurde: Leben und Emanzipation der Homosexuellen in unserem Lande. In unseren Augen hat die Ausstellung «unverschämt» dazu einen Anfang gemacht. Aus dem geplanten Buch ist nun diese Website entstanden und soll deren vertiefende Fortsetzung sein, allerdings fast ausschliesslich auf homosexuelle Männer bezogen.

Dabei verstehen wir Sozialgeschichte als Prozess von sich miteinander verknüpfenden Umständen, Ereignissen und Reaktionen und – vor allem – von diese Prozesse bestimmenden und durch sie bestimmt werdenden Menschen mit ihren Schicksalen. So ist die Website ein Epos geworden mit hunderten von Protagonisten, die alle lebten und litten, hofften und kämpften, jeder und jede Einzelne sich darin einig, dass sie trotz Anfeindungen, Ausgrenzungen und Rückschlägen nie aufgaben. Ein Epos all jener Menschen, die durch ihre Veranlagung eine Liebe lebten, von der man noch vor etwas mehr als 100 Jahren sagte, sie schäme sich, ihren Namen zu nennen. Ein Epos der Wandlung im Bewusstsein von (fast) allen Betroffenen und damit ein Epos im Kleinstaat Schweiz, der allerdings in dieser ganzen Geschichte eine besonders grosse Rolle spielte, weil sein System der offenen Volksnähe, Konkordanz und direkten Demokratie diese Wandlung leichter ermöglichte und früher zuliess als anderswo.

In dieser Geschichte treten wir beide als Zeitzeugen auf und von diesen wohl als die letzten noch lebenden, die ab 1950 fast ununterbrochen in schwulen Gruppierungen in Zürich mehr oder weniger aktiv mitgemacht haben und die Leiter und Vaterfiguren jener legendären Schwulenorganisation DER KREIS nicht nur persönlich kannten, sondern als Kameraden und Freunde bei ihnen mitarbeiten durften.

Über den Leiter des KREIS, den Schauspieler Karl Meier («Rolf»), sind mündliche Berichte und Erinnerungen an die wichtigen Männer und Pioniere bis in die 90er Jahre des 19. Jahrhunderts auf uns gekommen, denn er hatte viele von ihnen kennen gelernt während seiner Zeit in Deutschland; und er liebte es, davon zu erzählen.

So spielt im Epos einiges von unserem persönlichen Verwobensein mit. Schilderungen von Röbi und Ernst erhielten daher die Wir-Form, jene von Ernst allein die Ich-Form und besondere Einschübe, Erklärungen des Verfassers sind mit «eos» bezeichnet.

Sicher gibt es noch viele Lücken. Besonders in den Jahren nach 1980 haben wir uns lediglich auf einzelne Gruppierungen, bestimmte Ereignisse und Reaktionen konzentriert. Späteren Generationen von echten Historikern sind weite Felder und viele Einzelheiten zur Bearbeitung geblieben. Noch liegen Dokumente und Materialien aller Art in privaten Händen und sind, wenn überhaupt, nur mühsam erschliessbar. Wir hoffen mit unserer Arbeit auch etwas Bewegung in diese Sammlungen zu bringen, damit ihre Besitzer sie rechtzeitig im sas (Schwulenarchiv Schweiz) ablegen, wo sie gesichert und der Forschung zugänglich sein werden.

Der chilenische Filmemacher und Regisseur Patricio Guzmán sagte einmal: «Ein Land ohne Geschichte ist wie eine Familie ohne Familienfoto. Eine inhaltslose Erinnerung.» Inhaltslos ist auch sinnlos. Dargestellte Geschichte schafft Einsicht und gibt Vergangenem Sinn. Das möchten wir an die jungen Generationen von Schwulen in diesem Land mitgeben: Wer seine Geschichte kennt ist besser vorbereitet und stärker motiviert, um die nötigen Veränderungen und Forderungen bis zur völligen Gleichberechtigung durchzuziehen und sich dafür öffentlich einzusetzen.

Nach dem Tod des KREIS-Leiters «Rolf» schrieben wir am 3. April 1974 an seinen Freund und Lebenspartner Fredi Brauchli unter anderem: «Rolf bleibt mit unserem gemeinsamen Leben so eng verknüpft, wie es sonst keine Verwandten sind. Und ein eng Verbundener, das wird er uns immer bleiben.» Aus dieser Verbundenheit wuchs schliesslich der Wille zum Heraustreten in die Öffentlichkeit im Vorfeld der Partnerschaftsgesetze, zum Einsatz bei der Ausstellung «unverschämt» und sie bestimmte auch die Arbeit für diese Website.

Nach dem KREIS, wir waren damals 37, fanden wir nie wieder ein ähnlich intensives schwules Zuhause bis wir fast 70 waren. Bei einer Demo auf dem Bundesplatz im September 1999 erzählte uns ein Berner, Daniel Weber, vom Verein NETWORK. Wir wurden wenig später aufgenommen und fanden eine zeitgemäss effiziente Organisation mit ebenso liebenswürdigen und noch weit mehr engagierten Männern als es damals im KREIS möglich war.

Zum Dank widmen wir dieses «Epos» drei Vereinigungen:

  • dem längst verschwundenen KREIS,
  • seinem heutigen Enkelkind PINK CROSS und
  • dem Verein NETWORK für schwule Führungskräfte.

Zürich im Mai 2009

Öffnet internen Link im aktuellen FensterErnst Ostertag und Öffnet internen Link im aktuellen FensterRöbi Rapp