Lucia di Lammermoor in der Genossenschaftswohnung

 

 

Bernhard Vogelsanger

Bernhard Vogelsanger

Bernhard Vogelsanger mit seinen Miniatur-Opernfiguren. Quelle: Das Magazin.

Urheber
Foto: Emanuel Ammon
Herausgeber
Besitzer: Emanuel Ammon
Rechte
© Emanuel Ammon, AURA Foto Film Verlag
Sammlungs Nr.
ID: 2098
Bernhard Vogelsanger mit seinen Miniatur-Opernfiguren
Begrüssungsplakat

Begrüssungsplakat

Vorstellungsankündigung an der Wohnungstüre am Abend einer Aufführung. 1988. Quelle: Verein Bernhard Vogelsanger.

Urheber
Foto: unbekannt
Herausgeber
Besitzer: Verein Bernhard Vogelsanger
Rechte
© unbekannt
Sammlungs Nr.
ID: 2099
Vorstellungsankündigung an der Wohnungstüre am Abend einer Aufführung

Zur Sicherung des Familienbesitzstandes soll die Schwester des machthungrigen Lord Henry Ashton, Lucia di Lammermoor, eine Zweckheirat mit dem einflussreichen Lord Arthur eingehen. Doch diese liebt Edgar von Rawenswood, ausgerechnet den ärgsten Feind ihres Bruders, worauf letzterer sich gezwungen sieht, intrigantisch einen Keil zwischen die Liebenden zu treiben, was ihm auch vorzüglich gelingt, denn enttäuscht wendet sich jetzt Edgar ab, worauf es zur vom Bruder geplanten Hochzeit kommt. Diese endet jedoch im Blutbad, denn Lucia bringt in ihrem Schmerz den ungeliebten Bräutigam um und endet selber mit einer herrlichen Arie im Wahnsinn.

In Bernhard Vogelsangers Inszenierung der berühmten Donizetti-Oper in 3 Akten singt Maria Callas in einer Aufnahme aus dem Jahre 1955 die Lucia di Lammermoor. Die Schallplatten haben schon etwas Staub angesetzt, und der Plattenspieler ist ein Grammophon. Doch was will man sagen: Der Eintritt in das vermutlich kleinste Opernhaus der Welt ist gratis. Es befindet sich im zweiten Stock eines Hauses in Zürich-Schwamendingen. Im Kinderzimmer einer engen Genossenschaftswohnung wird seit 40 Jahren Saison für Saison an Samstagen fast das gesamte Repertoire der klassischen Oper und Operette gespielt. Das Theater weist acht Sitzplätze auf, die Bühne ist so gross wie eine Schuhschachtel, und in den Pausen werden Wein, Mineralwasser und gestrichene Brötchen serviert.

Die grössten Dramen von Liebe, Leidenschaften und Tod finden hier ihren miniaturisierten Ausdruck in sieben Zentimeter grossen, liebevoll bemalten, gelenkigen Pappfiguren, die Vogelsanger, diesmal in der Funktion eines Bühnenmeisters, an feinen Drähten über die Bühne führt. Alle Stürme, Kriege, Ängste, Sehn- und Eifersüchte, alle Mörder, Liebenden, Nebenbuhler, Kammerdiener und Götter sind so weit auf Guckkästchenformat reduziert, dass sie für einen einzigen Mann beherrschbar werden.


Nikolaus Wyss, Rigoletto im Puppenhaus, in: Das Magazin, 26./27. August 1988.