Lehrjahre

Bergeronette, Zeichnung eines Kleides 1953

Zeichnung

Bergeronette, Zeichnung eines Kleides 1953. Historisches Museum Basel.

Urheber
Foto: P. Portner
Herausgeber
Besitzer: Historisches Museum Basel
Rechte
©
Sammlungs Nr.
ID: 2092
Bergeronette, Zeichnung eines Kleides 1953

"Fred Spillmann war ein Anarchist der ersten Stunde. Nie hat er sich angepasst. Er ist aus allen Schulen geflogen. Geglänzt hat er nur in den Fächern Turnen und Zeichnen – im Schwimmen holte er sich gar den Basler Schülermeistertitel und im Zeichnen den Ärger der Lehrer, weil er eine nackte Seejungfrau ('mit allem Drum und Dran') auf die Wandtafel gezeichnet hatte.


Der Glücksfall begegnete ihm schliesslich in der Kunstgewerbeschule in der Person der Zeichnungslehrerin Julia Eble. Sie erkannte das Genie. Und veranlasste, dass der junge Schweizer [er war knapp 16] einen Studienplatz an der renommierten Berliner Reimann-Schule bekam. […]


Bald verkehrte der angehende Couturier in den [Berliner] Künstler- und Intellektuellenkeisen an der Bändelstrasse [Stadtteil Moabit], wo Mammie Gonthard ihren Zirkel führte: 'Ringelnatz [Joachim R., Schriftsteller und Kabarettist, 1883-1934] und Rosa Valetti [Schauspielerin, Kabarettistin, 1876 Berlin-1937 Wien], aber auch der grosse Operettenstar von damals, Fritzi Massari [Friederike Massary, 1882 Wien-1969 Los Angeles] hockten herum. Auch Bertold Brecht war Gast – schmuddelig, verschlossen und absolut nicht mein Fall, ganz das Gegenteil seiner Werke, die ich grossartig fand.'


Fred Spillmann mit Péqui 1980

Spillmann

Fred Spillmann mit Lebenspartner Péqui 1980.

Urheber
Foto: Kurt Wyss
Herausgeber
Besitzer: Kurt Wyss
Rechte
© Kurt Wyss
Sammlungs Nr.
ID: 2091
Fred Spillmann mit Lebenspartner Péqui 1980

Als Spillmann während des Zweiten Weltkriegs dann in Zürich seine Couture-Show zeigte, hörte er in der ersten Reihe eine Stimme. 'Ich stutzte. Plötzlich war ich wieder in Berlin – da sass Mammie Gonthard, die vor Hitler flüchten musste und Asyl an der Limmat fand.' Nach dem Krieg hat die Gonthard Fred Spillmann überredet, in New York einen Salon zu eröffnen. In seinen Memoiren erinnert er sich: 'Ich flog also rüber. Mammie Gonthard hatte alles bereits vorgeplant und eingerichtet. Über dem Salon in der 5th Avenue stand mein Name. Schliesslich nahm mich Mammie auf die Seite: Hör mal Fred – das hier ist das Land der grossen Freiheit. Aber wenn du dich mit einem Schwarzen einlässt, ist das wohl deine Sache. Doch du kannst dich nicht mit ihm in der Öffentlichkeit zeigen und … Da bin ich mit dem nächsten Flugzeug wieder in die Schweiz zurückgekehrt.'


Nach seiner Rückkehr aus Berlin ging Spillmann nach Paris. Zwei Ereignisse sollten sein Leben verändern: Die Modekünstlerin Elsa Schiaparelli [1890 Rom-1973 Paris] engagierte ihn als Designer ('Ich wusste gar nicht, was das war, sagte aber einfach, ich sei einer'). Und er lernte André Péguillet kennen. […] André Péguillet wurde sein Lebenspartner – bis zu seinem Tode. 'Péghy', die gut aussehende Zweitausgabe eines Clark Gable, wurde nach Basel entführt und eroberte die Basler Damenwelt. 1949 eröffnete er die erste Luxusboutique der Schweiz an der Schifflände. 'Fred nannte es immer geringschätzig Péghys kleiner Gemischtwarenhandel. Aber Tatsache ist, dass die Boutique später, als die Luft für Haute Couture immer dünner wurde, unser Überleben sicherte.' "

Ernst Ostertag, Januar 2020

Quellenverweis

Auszug aus: -minu: König der Selbstdarstellung, in: NZZ am Sonntag, 21.09.2003, S. 87.