Würdigungsansprache von Tobias Urech

Würdigungsansprache Tobias Urech

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Urheber
Foto: Giovanni Lanni
Herausgeber
Besitzer:
Rechte
© Giovanni Lanni
Sammlungs Nr.
ID: 2078

Lieber Ernst, lieber Giovanni, liebe Freundinnen bis Freunde, 
liebe Abschiednehmende

Ich möchte Euch von meinen Erlebnissen mit Röbi erzählen, wie wir uns begegnet sind und was er für mich, aber auch ohne Zweifel für unsere ganze Community bedeutet.

Als ich das erste Mal von Röbi hörte und natürlich auch von Ernst, war das im Vorfeld der Dreharbeiten für den Film über den KREIS. Vor dem Club Heaven wurden Statistinnen und Statisten gesucht. Ich war damals noch ein junger Schwuler - ein noch jüngerer Schwuler als heute - und bin erst ganz frisch in die Szene geschlüpft. Alles war noch neu und aufregend, die Welt roch nach Abenteuer und Zürich versprach den sehnlichst gewünschten Ausbruch aus der provinziellen Heimat. Und als man mir eben von Röbi und Ernst erzählte, lauschte ich ehrfürchtig den Geschichten von den mutigen Pionieren, die in Zürich zu einer Zeit für unsere Rechte kämpften, als die Stadt noch gar nicht so liberal war, wie sie sich heute gibt. Das war vor fünf Jahren, 2013.

Kein Jahr später war Röbi mit Ernst an der Milchreise, einem Workshop-Weekend für LGBT-Jugendliche. Sie erzählten uns von ihrem Leben, ihrer Geschichte. Von ihrem Engagement im Kreis. Wie ihre Liebe auf den Prüfstand gestellt wurde durch die Polizeirepression und die gesellschaftlichen Abneigung dieser Zeit. Aber eben nicht nur. Sie erzählten auch von den vielen fröhlichen Stunden, den rauschenden Bällen im heutigen Theater am Neumarkt nämlich, an denen Schwule aus ganz Europa teilnahmen. Und natürlich, dass Röbi eine wesentliche Rolle an diesen Festen spielte. Er trat als reizende Travestie-Dame auf, als das, was man heute eine Drag Queen nennen würde. Er mimte die Dietrich oder die Piaf - fast besser noch als ihre Originale. Da bin ich sicher.

Wehmütig wusste ich damals darum, dass Röbi kaum noch auftrat, obwohl ich ihn doch so gerne einmal als echte Dame gesehen hätte. Besonders da ich auch selbst nicht selten als Drag Queen Mona Gamie anzutreffen bin.

Deshalb war ich umso überraschter, als ich hörte, dass Röbi Teil sein wird einer szenischen Lesung im Theater am Neumarkt mit Zeitungsberichten zu Homosexualität in den 1960er-Jahren. Er würde auftreten! In full drag!

Und noch überraschter war ich, als ich angefragt wurde, die junge Travestie-Generation zu vertreten und ebenfalls auf der Bühne zu singen. Überrascht ist das falsche Wort. Ich war unglaublich geehrt, dass ich und mein bescheidenes Alter Ego mit der Granddame Röbi auf der Bühne stehen durften.

Bei den Proben fiel zwar schon auf, dass Röbi - begleitet von seinen Liebsten Ernst und Giovanni - nicht mehr so gut zu Fuss unterwegs war. Aber kaum erklang das Playback zu seinem Parade-Chanson, der Seltsamen, sprang er aus dem Stuhl und stand da, aufrecht und präsent, performte grazil und sang: "Ich heisse Maud und liebe selt’ne Pflanzen…", fast so, als wäre er nie weg gewesen von der Bühne. 

Genauso auch an der Aufführung selbst. Fest entschlossen tanzte er - oder nun vielmehr sie - mit mir zur Bühne und war "apart wie eine Südseequalle" und war wahrlich "das Weib, von dem der Jüngling träumt" wie es so schön heisst seinem Lied.

Ich konnte mir gut vorstellen, wie diese wunderbare Erscheinung damals auf Ernst gewirkt haben muss, als die beiden sich zum ersten Mal an einem KREIS-Ball in eben jenem Altstadthaus in Zürich begegnet sind.

Und ich habe mir gedacht: Wow. Wenn ich eines will, dann noch in full drag auftreten können, wenn ich 88 Jahre alt bin. Was ich damals nicht wusste - es würde Röbis letzter Auftritt sein.

Röbi ist für mich in vielerlei Hinsicht ein Vorbild. Er war nicht nur ein engagierter Aktivist, er ist nicht nur ein Pionier, der so viel erkämpft hat für unsere Familie, sondern er war auch eine wundervolle Travestie-Dame, sang die schönsten Chansons seiner Zeit und war ein grossartiger Entertainer. Er verband die schwule Kultur mit Aktivismus, etwas, das mir besonders am Herzen liegt. Und vor allem tat er das zu einer Zeit, in der ihm, in der unserer Familie viele Steine in den Weg gelegt wurden. Aber er liess ich nicht beirren, sang für unsere Freiheit. Dafür bin ich ihm unglaublich dankbar. Ich und alle Drag Queens in Zürich, aber auch sonstwo, können auf dem aufbauen, was er für uns erkämpft hat. Unser Röbi lässt definitiv - anders als die Seltsame in seinem Lied - mehr als nur einen Hauch von Givenchy zurück. Röbi, du wirst immer in unseren Herzen bleiben. Danke.