Später Kampf um gleiche Rechte

Demonstrationsumzug in Bern, 1999

Demonstrationsumzug in Bern, 1999

An der Kundgebung für das Partnerschaftsgesetz in Bern, 1999.

Urheber
Fotograf: Beat Frischknecht, Zürich
Herausgeber
Besitzer: Sammlung E. Ostertag/R. Rapp, Zürich
Rechte
© Ernst Ostertag und Röbi Rapp, Zürich
Sammlungs Nr.
ID: 0259a
An der Kundgebung für das Partnerschaftsgesetz in Bern, 1999

Bis zu Ernst Ostertags Pensionierung im Jahre 1993 spielte sich sein und Röbis Einsatz für die Rechte von Schwulen und Lesben eher im Verborgenen ab. Das eigentliche Outing vor allen noch lebenden Familienmitgliedern sowie Schulkolleginnen- und -kollegen erfolgte sogar erst anlässlich des 70. Geburtstages im Jahre 2000. Die beiden wurden nun rasch zum schwulen Vorzeigepaar in der Öffentlichkeit. Denn sie hatten seit den KREIS-Jahren alle Stufen der Entwicklung der schwul-lesbischen Emanzipation persönlich miterlebt und wurden dadurch zu gefragten Zeitzeugen und langjährigen Akteuren des Kampfes um Befreiung, Anerkennung und Rechtsgleichheit.

Bereits 1997 stellten sie dem Schwulen Museum in Berlin für eine Ausstellung der Berliner Akademie der Künste über hundert Jahre Schwulenbewegung Exponate zur Verfügung und wurden dazu für das Westschweizer Fernsehen interviewt. Am 2. April 1999 eröffnete das Schwule Museum Berlin eine Ausstellung über den KREIS, zu der die beiden den ganzen Tag lang von einem Schweizer Fernseh-Team für die Nachrichtensendung "10vor10" begleitet wurden. Am 18. September desselben Jahres gab es auf dem Bundesplatz in Bern eine Demonstration zur Schaffung eines Partnerschaftsgesetzes. Röbi und Ernst malten ein Spruchband mit dem Text: "Ein Paar seit 43 Jahren, rechtlos…" Damit erzielten sie entlang der Demonstrationsroute bei vielen Zuschauern, Fotografen und Journalisten Aufmerksamkeit und wurden um Auskunft gebeten. Im Jahr darauf erhielt die Ausstellung über den KREIS Gastrecht im Schweizerischen Landesmuseum in Zürich, und zwar als Teil des Kulturprogramms der EuroGames.

Es ist sicher verständlich, dass Röbi und Ernst ihre Popularität genossen, nach all den Jahren der Unterdrückung, Demütigung und Ängste um Job und Ansehen. Aber sie wussten: Sie spielten eine Rolle; sie wollten die öffentliche Meinung für die Sache der Homosexuellen positiv beeinflussen; sie wollten sichtbar und Schwule zum Anfassen sein; denn nur durch Präsenz in der Öffentlichkeit sind Veränderungen im Denken und gesellschaftliche Öffnung möglich. Davon waren sie zutiefst überzeugt, und sie wollten zudem zum Ausdruck bringen: Schwule und Lesben sind Menschen wie du und ich und verdienen deswegen dieselben Rechte wie du und ich.

Röbi und Ernst waren und sind Augenzeugen und Betroffene einer Entwicklung, die den gleichgeschlechtlich Liebenden lange vermisste Rechte zuteilwerden liess, auch wenn noch Lücken in der Gleichstellung bestehen bleiben. Sie gaben den Schwulen nicht nur ein Gesicht, sondern auch und vor allem eine Geschichte. Diese Geschichte der Schweizer Schwulen im 20. Jahrhundert ist in der Website schwulengeschichte.ch niedergelegt. Es ist weltweit die erste nationale Darstellung der Emanzipationsgeschichte der Schwulen. Sie umfasst weit über 2000 Seiten und enthält hunderte von Bilddokumenten. Zu den häufigen Nutzern der Website zählen Neugierige aus den Bereichen Schule und Bildung, Publizistik und Politik. Während Ernst vor allem die Texte lieferte und um das richtige Wort rang, kümmerte sich Röbi um das Bildmaterial und beschaffte Dokumente. Röbi war als Zeitzeuge und Akteur das dritte Auge, das manchmal mehr sah als alle anderen Augen zusammen.

Josef Burri, Februar 2019