Travestie-Künstler

Einmann-Kabarett, Röbi Rapp

Einmann-Kabarett, Röbi Rapp

Einmann-Kabarett, Röbi Rapp, 1962 und 1963. 'Menschlicher Zirkus', Nummer 'Makin' Whoopee' nach Marlene Dietrich. Quelle: Sammlung Rapp und Ostertag.

Urheber
Foto: Constantin Zuppiger
Herausgeber
Besitzer: Sammlung Rapp und Ostertag
Rechte
© Sammlung Rapp und Ostertag
Sammlungs Nr.
ID: 3058
Einmann-Kabarett, Röbi Rapp, 1962 und 1963

Ab 1999 war Röbi gelegentlich wieder als Travestie-Künstler zu sehen und zu hören. Institutionen wie das Schwule Museum in Berlin und das Landesmuseum Zürich wollten eine vergangene und verdrängte Epoche nochmals aufleben lassen und für spätere Generationen dokumentieren. Im Zürcher Kleintheater "Keller 62" fand Röbi ab 2000 eine Bühne und in dessen Leiter, Lubosch Held, einen Regisseur - hier konnte er abendfüllende Programme neu realisieren. Röbi war mit seinen Chansons und Travestien Akteur und Zeitzeuge einer Zeit, als es noch keine sozialen Medien gab und als es andere Formen der Kontaktpflege brauchte, um gleichgeschlechtlich Liebende durch unterhaltende und kulturelle Veranstaltungen aus der Vereinzelung und Einsamkeit herauszuholen.

Zum Höhepunkt dieser Tätigkeit als re-inkarnierter Travestie-Künstler geriet das vielfach ausgezeichnete filmische Dokudrama "Der Kreis" (2014) von Stefan Haupt. Der Film lebt nicht nur durch die Statements der Zeitzeugen Röbi Rapp und Ernst Ostertag, sondern auch von Röbis Interpretation seines Lieblingsliedes, dem ironisch-schillernden Chanson "Die Seltsame" nach einem Text von Hans Sahl und der Musik von Robby Frey:

"Ich bin so seltsam, ach,
Wie bin ich seltsam, oh!
Ich weiss vor lauter Seltsamkeit kaum mehr,
Ob ich noch lebe oder nur ein Traum wär',
Ich glaube fast, ich bin ein Teddy-Bär…"

Röbi ein Teddy-Bär? Der Kontrast könnte nicht grösser sein. Genau darin liegt ein Teil der Ironie, die in diesem Lied und in der unnachahmlichen Interpretation von Röbi steckt. Welche Ausstrahlung und Bedeutung Röbi auch für die junge Generation hat, brachte Tobias Urech, angehender Historiker und auch als Drag Queen Mona Gamie unterwegs, anlässlich der Abschiedsfeier vom 27. Oktober 2018 zum Ausdruck:

"Röbi ist für mich in vielerlei Hinsicht ein Vorbild. Er war nicht nur ein engagierter Aktivist, er ist nicht nur ein Pionier, der so viel erkämpft hat für unsere Familie, sondern er war auch eine wundervolle Travestie-Dame, sang die schönsten Chansons seiner Zeit und war ein grossartiger Entertainer. Er verband die schwule Kultur mit Aktivismus, etwas, das mir besonders am Herzen liegt. Und vor allem tat er das zu einer Zeit, in der ihm, in der unserer Familie viele Steine in den Weg gelegt wurden. Aber er liess sich nicht beirren, sang für unsere Freiheit. Dafür bin ich ihm unglaublich dankbar. Ich und alle Drag Queens in Zürich, aber auch sonstwo, können auf dem aufbauen, was er für uns erkämpft hat."

Röbi "beherrschte" die Verwandlung vom Mann zur Frau bis in die letzte Faser seiner Persönlichkeit, wie Oliver Fritz, sein langjähriger Begleiter am Klavier, an eben dieser Abschiedsfeier bestätigte:

"Es waren Röbis Professionalität, seine beherrschte Darstellungskunst, seine Fähigkeiten als quasi auf der Bühne des Lebens 'ausgebildeter' Schauspieler, die es ermöglichten, dass alles ganz selbstverständlich wirkte. Denn alle waren nur fokussiert auf die Lieder, auf die Musik, auf den Text, die so intensiv und so direkt daherkamen, dass keine und keiner mehr über die Verkleidung nachdachte."

Josef Burri, Februar 2019

Home Entertainment

"Der Kreis": Doku-Drama von Stefan Haupt. DVD / Blu-ray, Ascot Elite Entertainment Group 2014