1903-2008

Homosexuelle Christen

… angenommen, abgewiesen

Einige Homosexuelle, die Wege fanden, um die ihnen gemässe Spiritualität zu leben - innerhalb oder ausserhalb ihrer angestammten Kirche - haben einen Platz in der Schwulengeschichte gefunden:

Der Theologe und Geschichtsforscher Caspar Wirz (1847-1915) schrieb sich 1903 mit einer eigenen Art der Bibelauslegung frei und konnte sein weiteres Dasein unverkrampft als, wie er sich selbst bezeichnete, "orthodoxer" Christ leben. Er ist wohl der grosse (bis heute verkannte) theologische Pionier, der erstmals eine Kontext und geschichtliches Umfeld einbeziehende Exegese jener sich mit "Homosexualität" befassenden Bibelstellen formulierte und veröffentlichte, ohne ein Pseudonym zu verwenden.

Anna Vock (1885-1962), unsere Mammina im KREIS und - zuvor - Gründerin der ersten schweizerischen Homosexuellen-Organisation, war ihr Leben lang eine fromme, praktizierende Katholikin. Sie kannte einen verständnisvollen Priester "weitab im Thurgau". Bei ihm ging sie beichten und fand jene geistliche Führung, die ihr grundlegendes Bedürfnis war - und das erzählte sie freimütig allen, die sie danach fragten.

Karl Meier / Rolf (1897-1974), Gründer und Leiter des KREIS, bezeichnete sich stets als liberaler evangelischer Christ und lebte für alle spürbar aus diesem ihn ganz durchdringenden Glauben.

Die Frauen und Männer, welche sich bei der Organisation Homosexuelle und Kirche (HuK) fanden, wollten beides:

  • in einer eigenen christlichen Gemeinschaft von Homosexuellen angenommen, geborgen und zugleich lebendig-glaubend offen sein 
  • als solche christliche Gemeinschaft aktiv auf eine für alle heilsame Öffnung der Kirchen hinarbeiten

Das gelang ihnen, wie die Umfrage der Zürcher gayAgenda (HAZ) von 2007 beweist, bei einem Teil der Kirchgemeinden der kantonalen reformierten Landeskirche (ZH). Aber nur bei diesen. Die anderen Religionsgemeinschaften antworteten nicht.

In diesem Zusammenhang kann hier vermerkt werden, dass der Dalai Lama zur Eröffnung der Weltkonferenz der "International Lesbian and Gay Association, ILGA" vom 27. März bis 3. April 2006 in Genf eine sowohl offizielle wie persönliche Botschaft sandte, in der er Organisatoren und Teilnehmer der Konferenz begrüsste und ihren Tätigkeiten Erfolg wünschte. Damit hat erstmals eine geistliche Person seines Ranges internationale schwul-lesbische Aktivitäten öffentlich anerkannt und als wichtig bezeichnet.

Die römisch-katholische Kirche verweigerte sich den HuK-Christen von Anfang an, was heute niemand wundert, aber damals (frühe 80er Jahre) als Affront und Absage an den Versuch verstanden wurde, Ökumene zu leben.

Die Alt- oder Christkatholische Landeskirche hingegen, die bei der Umfrage vergessen gegangen ist, teilt öffentlich die Haltung der reformierten Kirchen, geht aber bei "Segnungsfeiern" (nicht Trauung!) gleichgeschlechtlicher Paare noch weiter: sie können in jedem christkatholischen Gotteshaus durchgeführt werden.

Im Gegensatz dazu überlassen die Evangelisch-reformierten Kantonalkirchen, ihrem föderalistisch-demokratischen System entsprechend, den Entscheid für oder gegen "Segnungsfeiern" ihren einzelnen Kirchgemeinden (sie können, müssen aber nicht). Und es gibt vor allem in der Romandie (noch) Kantonalkirchen, die das gesamthaft ablehnen.

Ein Beispiel gibt die Eglise évangélique réformée du canton de Vaud (EERV). Um 1995 gab die EERV eine Empfehlung ab, dass "Segnungsfeiern" nicht in einer Kirche (!) und nur ohne Anstecken von Ringen durchgeführt werden könnten. Im August 2007 jedoch erhielt eine Pfarrerin von der EERV-Leitung in Lausanne eine Rüge mit der Drohung, sie werde versetzt, weil sie eine solche Feier für ein Männer- und ein Frauenpaar in einem Wald durchgeführt hatte. Die Rüge erfolgte mit der Begründung, die EERV werde erst 2008 abschliessend über solche Feiern beraten, bis dahin sei davon abzusehen.1 Das Orientierungsblatt von Pink Cross, Pink Mail, September 2007, zitierte einen der getrauten Männer, Jacques-Alain Clément:

"Zuerst hatte mich das Verbot, eine Kirche zu benutzen, sehr verletzt. Kriminelle haben das Recht auf eine Abdankung in der Kirche. Schwule haben kein Recht, ihre Partnerschaft in der Kirche segnen zu lassen. Der Wald war unsere Kathedrale. 150 Gäste haben sich die Hände gegeben. Alle - auch die hartgesottensten Atheisten - waren bewegt, berührt an einem Punkt, den ich nicht erklären kann…"

Die angekündigte "abschliessende Beratung" der EERV wurde 2008 auf spätere Zeit vertagt.

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Ernst Ostertag, Oktober 2007

Quellenverweise
1

La Liberté, 29. August 2007