1991

Gewagter Auftritt

… am "Schweizerischen Gesangfest", Luzern

Vor dem Schweizerischen Gesangfest vom 26. Mai 1991 erhielt der schmaz ein Schreiben, dass er nur auftreten könne, wenn das Wort "Schwuler" in seinem Namen gestrichen werde. Also entschied der Verein, ein Teilnehmen sei letztlich wichtiger und verkürzte provisorisch die offizielle Bezeichnung auf "Schmaz, Männerchor Zürich". Allerdings, nach dem Auftritt in Luzern verband der Chor seine nächste reguläre Probe vom 10. Juni mit einer ausserordentlichen Generalversammlung. Dort wurde der Beschluss gefasst, Name und Schreibweise seien ab jetzt unveränderlich: "schmaz - Schwuler Männerchor Zürich". Und dabei blieb es, auch als später noch einmal ähnliche Widerstände auftauchten.

schmaz in Luzern

schmaz in Luzern

Der schwule Männerchor Zürich (schmaz) am Schweizerischen Gesangfest in Luzern, 1991. Alle Sänger tragen demonstrativ ihre Leibchen mit der Aufschrift 'schmaz - Schwuler Männerchor Zürich'. Links aussen mit Hosenträgern: Karl Scheuber, Leiter.

Urheber
Fotograf: unbekannt
Herausgeber
Besitzer: Sammlung schmaz-Archiv, Zürich
Rechte
© schmaz-Archiv, Zürich
Sammlungs Nr.
ID: 0254
Der schwule Männerchor Zürich (schmaz) am Schweizerischen Gesangfest in Luzern, 1991

Die Sonntags Zeitung vom 3. Mai 1993 blickte auf das Gesangfest zurück:1

"1991, im Jubeljahr [700 Jahre] zu Ehren der Eidgenossenschaft, hatte der Schwule Männerchor Zürich 'schmaz' noch wenig Grund zur Freude. Seine Teilnahme am Schweizerischen Gesangfest wurde an eine Bedingung geknüpft, welche die Männer um Dirigent Karl Scheuber nur zähneknirschend akzeptierten: Das 'Schwule' in ihrem Namen musste weg, nur als 'Männerchor Zürich' war man willkommen.

Doch die Sangesfreudigen, die ihre Auftritte in der Öffentlichkeit stets auch als politischen Akt verstehen und damit schwulen Mitbrüdern, die noch im Abseits stehen, Mut zum Coming-out machen wollen, spielten den Veranstaltern einen Streich: Sie trugen zur Feier des Tages ein T-Shirt mit dem Aufdruck 'schmaz - Schwuler Männerchor Zürich'. Das war nicht zu übersehen, und für Wirbel war gesorgt."

Urs Guggenbühl, Präsident des schmaz, hatte im Verlauf eines längeren Briefwechsels mit den Organisatoren unter anderem herausgefunden, dass für diese nationalen Gesangfeste wohl vieles reglementiert, die Tenue-Frage jedoch nirgendwo bestimmt war. Vermutlich hatte man früher hauptsächlich oder sogar ausschliesslich in Trachten gesungen. Diese "Gesetzeslücke" nahm er zum eleganten Umweg, wie die Botschaft trotz verordnetem "neutralem" Namen einzubringen sei.

Robert G. Berger, Sänger im Chor, in einem selbst verfassten Bericht:2

"Es war ein sonniger Tag. Kurz vor Auftritt standen wir alle plötzlich in den weissen T-Shirts mit Aufdruck da. Schüler in der Nähe fragten: 'Wow, seid ihr alle schwul?'

Dann ging's aufs Podium, wir waren dran. Aber es entstand eine peinliche Pause. Offenbar fühlten sich gewisse Leute geschockt.

Da trat der Ansager ans Mikrofon und sprach in Anspielung auf Katholische Turnvereine den sofort zum geflügelten Wort gewordenen Satz:

'Wenn man katholisch turnen kann, kann man auch schwul singen!'

Also legten wir los."

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Ernst Ostertag, Juni 2008

Quellenverweise
1

Barbara Lukesch, Sonntags Zeitung, 3. Mai 1993, Seite 24

2

Robert G. Berger stellte Ernst Ostertag sein persönliches schmaz-Archiv zur Verfügung; viele Details stammen aus dieser Quelle - nebst den im sas gelagerten Materialien