Newsletter 101

Juni 2018

Diese Ausgabe enthält folgende Themen:

  • Angestaute Wut im Bauch führt 1978 zum ersten CSD in der Schweiz
  • Vereinsversammlung: Alles, was wir brauchen, ist Engagement, Geld und Zeit
  • Helfen Sie mit bei unserem ersten Crowdfunding!

      

Angestaute Wut im Bauch führt 1978 zum ersten CSD in der Schweiz

Titelblatt hey, 9/1978

Titelblatt hey, 9/1978

Titelblatt hey, 9/1978.

Urheber
Autoren und Künstler: Zeitschrift hey
Herausgeber
Besitzer: Schwulenarchiv Schweiz, Zürich
Rechte
© Schwulenarchiv Schweiz, Zürich
Sammlungs Nr.
ID: 0171b
Titelblatt hey, 9/1978

eos. Nach Jahren des Wachsens und sich Konsolidierens waren 1976 die SOH (Schweizerische Organisation der Homophilen) und Nachfolgeorganisation des KREIS und die HAZ (Homosexuelle Arbeitsgruppen Zürich) so weit, gemeinsam Vorgehensweisen gegen gesellschaftliche Ausgrenzung und Diskriminierung an die Hand zu nehmen. Erstes Ziel war das Ende der polizeilichen Registrierungen und die Abschaffung und Vernichtung der "Schwulenregister". Denn hier operierte die Polizei auf gesetzlich ungesichertem Terrain. Hier war eine Schwachstelle. Hier konnte man ansetzen, Verbündete suchen und schliesslich publikumswirksam auftreten. Die Stadt Zürich hatte sich mit ihrer Repressionspolitik besonders stark hervorgetan. Das Register dieser Stadt sollte schweizweit als erstes fallen.

Zwei Jahre später war man so weit, Aktionen mit Erfolgschancen auch durchzuführen. Zudem war nun eine Lesbengruppierung, die HFG (Homosexuelle Frauengruppe Zürich) mit dabei. Mutig ging man mit Unterschriftenbogen für eine Petition "Wir Fordern!" auf die Strasse und veranstaltete dazu den ersten CSD der Schweiz (heute "Pride" genannt). Das war am 24. Juni 1978 in Erinnerung an den ersten Aufstand von "Gays" in der New Yorker Christopher Street neun Jahre zuvor, an den Beginn der "Gay Liberation" weltweit. Zusätzlich motiviert war man durch die Telearena vom 12. April. An diesem einen Juni-Tag brachten die Aktivisten 500 Unterschriften zusammen, weit mehr als erhofft. Es folgten einige Monate intensiver Arbeit bei politischen Parteien, im städtischen Parlament, in den Medien und in der Öffentlichkeit bis am 1. Februar 1979 der für die Polizei zuständige Stadtrat Hans Frick verkündete: Die Registrierung ist beendet und das Register vernichtet.

Noch 1963 hiess es in der Presse: 

"In der Kloake der Homosexualität,[…] die nicht mehr wie früher schamhaft und verschwiegen als Last getragen und als Verirrung gewertet wird, sondern frech auf den öffentlichen Plätzen und in den Gaststätten ihr widerliches Haupt erhebt – diese stinkende Kloake hat im Zürcher Kantonsrat Prof. Marcel Beck [von der rechtspopulistischen Demokratischen Partei] mit bewundernswerter Offenherzigkeit mit seinem Ratsherrnstecken aufgewühlt." (Der Republikaner vom 11. Juli zur Interpellation Marcel Beck, die scharfes Anwenden von Bussen gegen Wirte forderte, die Homosexuelle und Strichjungen in ihren Lokalen dulden)

"Wir müssen aufpassen, dass gegen Ende des 20. Jahrhunderts die Homosexualität bei uns nicht salonfähig wird. Die Homosexuellen haben heute die Tendenz, sich als normal hinzustellen und erheben Anspruch darauf, quasi als 'Drittes Geschlecht' anerkannt zu werden. […] Ich betrachte es als Skandal, dass sich die Homosexuellen in Vereinigungen zusammenschliessen und sogar Bälle durchführen – früher in Lokalen, die der Stadt gehören. Das hat die Stadt glücklicherweise abgestellt. […] Die Homosexuellen treten heute immer mehr ins Tageslicht. Mit der Propaganda in ihrer Zeitschrift Der Kreis versuchen sie, immer mehr Mitglieder zu gewinnen." (Bezirksanwalt Dr. Robert Frick in einem Interview in der Zürcher Woche vom 13. September)

Oft wurde eine Unterscheidung zwischen "anständigen" und "kriminellen" Homosexuellen postuliert, wobei unter "anständigen" jene gemeint waren, die lebenslang unsichtbar bleiben. Ein solcher Standpunkt galt als "wohlwollend", eine Haltung, für die von den Homosexuellen eigentlich Dankbarkeit erwartet wurde.

Die Repressionsjahre von 1958 bis 1968 waren voll von derartigen Äusserungen und "Diskussionsbeiträgen" sowohl in der Presse wie in Radio- und Fernsehsendungen und auch in vielen Leserbriefen. Folge davon war das Ende des KREIS, Verlust dessen, was bisher als "unsere Kultur" gelebt wurde, Rückzug ins rein Private und in den Untergrund. Was blieb, war die grosse Wut. Und bei jenen, die nicht resignierten, der Wille zum Aufbau neuer Vereinigungen mit dem Zweck, die öffentliche Meinung grundsätzlich zu verändern. Das geschah zehn Jahre später mit der Petition zur Abschaffung der Schwulenregister, mit dem Sammeln von Unterschriften auf Strassen und Plätzen, mit dem ersten CSD in der Schweiz. So war 1978 die Gay Liberation auch bei uns angekommen. 

Noch einmal zweiundzwanzig Jahre später war in Zürich ein schwul-lesbischer Grossanlass möglich: Die internationalen EuroGames, offiziell mitgetragen von der Stadtregierung und einer Mehrheit der Bevölkerung. Im Kulturprogramm dieses sportlichen Ereignisses konnte im Landesmuseum eine Ausstellung über den KREIS stattfinden, womit diese Schwulen-Organisation und ihre Zeitschrift als Teil der nationalen Sozialgeschichte anerkannt wurde. Wenn wir die oben angefügten Zitate mit diesen Ereignissen im Jahr 2000 vergleichen, wird die grundsätzliche Änderung der öffentlichen Wahrnehmung von Homosexuellen sichtbar. Im langen Prozess dieser Änderung markiert der 24. Juni 1978, der erste CSD heute vor vierzig Jahren, den Anfang. Damals brauchte es enorm viel Mut, um zum ersten Mal Passanten in der Zürcher Bahnhofstrasse, unbekannte Menschen anzusprechen und sie für eine Unterschrift gegen die Diskriminierung von Schwulen zu bitten. 

Alles dazu detailliert hier und in den folgenden Webpages:

Erster CSD in der Schweiz

Vereinsversammlung: Alles, was wir brauchen, ist Engagement, Geld und Zeit

cdg. Die Vereinsversammlung vom 29. Mai 2018 verabschiedete vier Vorstandsmitglieder und wählte einen neuen Kassier. Verabschiedet wurden Josef Burri (Chefredaktor Website), Walter Gerig (Kassier), Lars Baumgartner (Social Media, Verträge) und Mark F. Chapman (Redaktion Zeittafel, Gestaltung). Josef Burri und Walter Gerig wurden am 30. Oktober 2012 in den Vorstand des Vereins gewählt. Mit viel Elan und Sachkenntnis trugen sie in den vergangenen sechs Jahren wesentlich zur inhaltlichen Weiterentwicklung der Website und zu stabilen Zahlen in den Jahresrechnungen bei. Lars Baumgartner wurde am 28. April 2015 in den Vorstand gewählt. Er war für alle juristischen Belange des Vereins zuständig und führte schwulengeschichte.ch in die sozialen Medien. Mark F. Chapman wurde am 27. Juni 2017 in den Vorstand gewählt. Er arbeitete an den Zeittafeln und deren Gestaltung. Mit grossem Dank und Applaus wurden die vier von der Vereinsversammlung verabschiedet.

Neu wurde einstimmig Mauro Smedile als Kassier in den Vorstand gewählt. Einstimmig wiedergewählt wurden auch der Präsident Christian D. Grichting und Hans Peter Waltisberg, der die Chefredaktion übernimmt.

Der Präsident verkleinert den Vorstand von sieben auf drei Mitglieder. Damit will er die Arbeit effizienter gestalten. Unterstützt wird der Vorstand durch fünf neu gebildete Arbeitsgruppen (Inhalt, Unterhalt Website, Fundraising, Marketing und Recht). Alles, was er sich für eine weiterhin erfolgreiche Arbeit wünscht, ist Engagement, Geld und Zeit. Vermehrt soll in Marketing und Social Media investiert werden. Die gesteigerte Sichtbarkeit soll helfen, die Lücken im Engagement, beim Geld und der Zeit nach und nach zu verringern.

Interessenten für eine ehrenamtliche Mitarbeit finden auf der Seite Trägerverein im Leitbild und den Statuten vertiefte Informationen zum Verein. Oder schreiben Sie direkt an info @ schwulengeschichte.ch.

Helfen Sie mit bei unserem Crowdfunding!

cdg. Heute, am 5. Juni, startet der Verein schwulengeschichte.ch seine erste Crowdfunding-Aktion mit wemakeit. Mit den zusätzlichen Geldern soll die Website weiter aktualisiert und ergänzt werden. So bleibt schwulengeschichte.ch ein wertvolles Instrument sozialer und politischer Bildung.

Damit das Crowdfunding, auf deutsch auch Schwarmfinanzierung oder Gruppenfinanzierung, erfolgreich ist, muss die Ausschreibung möglichst viele potenzielle Spender erreichen. Auch Sie, lieber Leser, liebe Leserin, können zum Erfolg dieser Aktion beitragen. Teilen Sie den untenstehenden Projektlink via Social Media oder verschicken Sie den Link mit einer Empfehlung, via E-Mail an möglichst viele Freunde weiter.

Das Crowdfundingprojekt läuft während 30 Tagen. Tragen Sie mit Ihrem Beitrag oder der Weiterleitung des Links zum Erfolg bei! Herzlichen Dank!

Projektlink: 
https://wemakeit.com/projects/schwulengeschichte-ch