Newsletter 111

März 2019

Diese Ausgabe enthält das folgende Thema:

  • Privates des Weltwoche-Mitbegründers Gasser

Privates des Weltwoche-Mitbegründers Gasser

Manuel Gasser 1931

Manuel Gasser 1931

Manuel Gasser in der Camargue, Sommer 1931.

Urheber
Fotograf: unbekannt
Herausgeber
Besitzer: Nachlass Gasser, ZB Zürich
Rechte
© unbekannt
Sammlungs Nr.
ID: 2050
Manuel Gasser in der Camargue, Sommer 1931

eos. 2019 ist ein Gasser-Jahr. Vor 110 Jahren wurde Manuel Gasser geboren und vor vierzig Jahren starb er. Gasser war Mitbegründer der Weltwoche (1933), in der er regelmässig publizierte, und von 1958 bis 1974 machte er als Chefredaktor das von Arnold Kübler geschaffene du zur führenden Kulturzeitschrift. Lange Zeit kannte man nur Bruchstücke aus der privaten Existenz dieses von der Schulzeit an ganz selbstverständlich homosexuell lebenden Menschen.

Es musste Tagebücher und Briefe geben, einige waren vorhanden, aber vieles, wohl die Mehrzahl, schien unauffindbar. Das journalistische Wirken Gassers war veröffentlicht und zugänglich; es fehlte aber eine umfassende Biografie, die den Menschen und sein Werk als Ganzes darstellte. Dass er auf seinen vielen Reisen, während den längeren Aufenthalten im Ausland, aber auch in der Schweiz ein ziemlich intensives Sexualleben führte und drei berühmte schweizerische Velorennfahrer mehr als nur sponserte, gerüchteweise wusste man davon. Und es gab "Erinnerungen", die er schrieb aber nie vollendete, und vor allem "Berichte", die als Feuilletons erschienen. Er war Meister dieses heute fast ausgestorbenen literarischen Genres.

Klara Obermüller gab 1981 im Arche Verlag Zürich aus Gassers Nachlass ein Bändchen "Manuel Gasser, Erinnerungen und Berichte" heraus. Sie war mit Manuel Gasser befreundet, hatte über längere Zeit mit ihm zusammengearbeitet und ist seine rechtmässige Erbin. Als Erinnerungen publizierte sie in ihrem Buch die Anfangskapitel einer Autobiografie, die Gasser schreiben wollte, aber nie über die ersten Jahre hinauskam. Dann fügte sie Berichte oder Feuilletons hinzu, die in verschiedenen Blättern erschienen, aber nicht mehr greifbar waren. Sie zeugen von Gassers wundervoller Gabe des Beobachtens, auch dort, wo andere achtlos vorübergehen, und sind wie leicht hingeworfen in eine Sprache gefasst, der jede Mühe des Formens entschwunden scheint. 

Nach jahrelangen Recherchen veröffentlichte David Streiff 2016 im Limmat Verlag das massgebende Werk "Manuel Gasser, Biografie". Er konnte sich auf bislang nicht Entdecktes und Unerforschtes stützen. Das Wichtigste dabei waren grosse, nie ausgewertete Teile von Gassers Nachlass, die ihm Klara Obermüller zur Verfügung gestellt hatte. Darunter auch Tagebücher aus der Schulzeit und von späteren Jahren, Autografen, unzählige Fotos und Schachteln voller Briefe. Das erlaubte es David Streiff, Gassers Leben umfassend darzustellen. Klara Obermüller übergab diese ganze Hinterlassenschaft der Zürcher Zentralbibliothek. 

Für die Leser der Schwulengeschichte möchte ich hier einige Stellen aus jenen frühen Aufzeichnungen anfügen, die Klara Obermüller in ihrem Band "Erinnerungen und Berichte" im Kapitel "Die Liebe der Matrosen" publizierte. Es sind Erinnerungen an Menschen, auch an Liebesgeschichten, ebenso intensiv wie flüchtig, zweideutig, zwiespältig und durchweg köstlich: (Nach den jeweiligen Zitat-Abschnitten sind die Seitenzahlen angegeben.) 

"Die Liebe der Matrosen lag in den zwanziger und dreissiger Jahren in der Luft. Chansons, Schlager und Seemannslieder priesen den jungen Mann im blauen Tuch. Den wichtigsten Beitrag zu dieser Poetisierung aber leistete Jean Cocteau [mit dem Manuel Gasser befreundet war]. Er hatte den Matrosen zu einer Schlüsselfigur seiner persönlichen Mythologie gemacht. Man kann sich die Rolle, die der Matrose im Bild der Zwischenkriegszeit spielte, schwer vorstellen. In Paris war der Urlauber in Uniform in solcher Anzahl präsent, dass er als Glückszeichen dienen konnte: Befand sich ein Matrose im selben Wagen der Metro, war es ein guter Tag… 

Meine erste Matrosenfreundschaft begann am letzten Abend meines Aufenthaltes in Toulon. […]

Mein neuer Freund hiess Jean-Marie und stammte aus einem kleinen Dorf bei Lorient. Er war klein, schwarzhaarig wie viele Bretonen, hatte ein flaches, offenes Gesicht und treue Augen. Wir schrieben uns den Winter über oft, und kurz nach Neujahr 1932 besuchte er mich in Paris. Er war so gutherzig, dass er beim Bezahlen im Restaurant unbedingt Halbpart machen wollte, und so naiv, dass er den Vorschlag, er möge jeweils das Dessert spendieren, als gerechte Teilung annahm. Und beim Erwachen entschuldigte er sich, sich in der Nacht als Satyr gezeigt zu haben…" (S. 82/83)

"Im Frühsommer 1932 lernte ich Charles [Charles Courtin] kennen. […] Charles war zwanzig und vor kurzem aus der Kriegsmarine entlassen worden. […] Ich tat mich mit Charles zusammen, und wir hausten in einem winzigen Mädchenzimmer an der Rue du Cotentin hinter der Gare Montparnasse. Unser Haushalt war eine nie abreissende Kette von Dramen, denn Charles, obgleich nun in einigermassen gesicherten Verhältnissen, gab seine Strichjungen- und Zuhälterexistenz nicht auf und kehrte im Morgengrauen oder überhaupt nicht ins Logis zurück.

Seinen Eskapaden folgten regelmässig tränenreiche Versöhnungsszenen, bei denen er in Selbstanklagen schwelgte und der Überzeugung Ausdruck gab, dass er mit Sicherheit auf der Guillotine enden werde. Schliesslich endete alles damit, dass er sich aufs Bett warf und sang. Er kannte eine Unmenge sentimentaler Lieder, die alle das Los der Armen und Unterdrückten zum Thema hatten und 'Les petits oiseaux du pavé' oder ähnlich hiessen. Er sang sehr gut, und ich wurde nicht müde, ihm zuzuhören." (S. 83/84)

Schliesslich hatten beide vom Pariser Leben genug, sie zogen südwärts an die Côte d'Azur, trennten sich, und Gasser bezog eine Stelle als Sekretär im Hotel Prieuré de Lamalgue, einem Bungalow-Komplex bei Toulon, in dem hauptsächlich Frauen von Kolonialoffizieren aus Afrika den kühleren Sommer an der Côte genossen. Gasser beschrieb diese Sorte von Hotelgästen:

"Es war der Sommer des Yo-yo, der Strandpyjamas, des 'amour vache'. Die Damenklientel des 'Prieuré' rächte sich für die im Kongo oder Tschad ausgestandene Langeweile, indem sie sich mit den verwegensten Matrosen, die sie auf dem Quai Cronstadt auftreiben konnte, liierte. Zuweilen aber hatten die Damen Angst vor der eigenen Courage; dann musste ich während einer Schäferstunde in Hörweite Wache stehen oder sie auf Autofahrten mit ihren wilden Liebhabern als 'body guard' begleiten. Eines Tages erschien dann M.X., Bierbrauer aus Strassburg, im Büro und erzählte mir, wie er heute Nachmittag beim Schwimmen von einem Matrosen todesmutig errettet worden sei. Aus Dankbarkeit möchte er seinen Schutzengel als Gast des 'Prieuré' anmelden. Der Korse, der von da an Tisch und Bett mit dem elsässischen Grosspapa teilte, hatte alle körperlichen und geistigen Eigenschaften eines Gorillas und liess die Damen vor Neid ersterben." (S. 88/89)

Charles Courtin kam aus Paris wieder nach Toulon, seine Freundin hatte ihn verlassen, Gasser wurde seine Sekretärstelle los, sie zogen wieder zusammen.

"Ich mietete ein Zimmer im Hôtel Bellevue, das […] eine ausgesprochene Hurenherberge und Stundenabsteige war. Als Portier fungierte ein entlaufener Priester, und das Zimmermädchen hatte früher beim Zirkus gearbeitet: Während sie aufräumte, demonstrierte sie uns ihre Künste als Schlangenmensch.

Mein letztes Salär war bald aufgebraucht. Die Honorare der 'Neuen Zürcher Zeitung' liessen auf sich warten, wir lebten von Brot und Wasser, und da uns der 'Petit Provençal' unerschwinglich war, las ich die vergilbten Zeitungsblätter, mit denen die Schrankfächer des Hotelzimmers ausgeschlagen waren.

Zu aller Misere wurde Charles von einem Zahnreissen befallen, das ihn eine Nacht lang heulen liess. Ich setzte einen Brief auf, in welchem ich in den gewähltesten Wendungen mitteilte, dass mein Kammerdiener Charles C. einen zahnärztlichen Eingriff benötigte: man möge dies tätigen und mir die Rechnung ins Hotel B. senden, wo ich für einige Zeit abgestiegen sei. Damit sandte ich Charles zum nächsten Zahnarzt, und er wurde behandelt. In der Zwischenzeit kam Geld aus Zürich. Wir assen uns zum ersten Mal seit langem wieder satt und legten uns – es war sehr heiss in unserem Dachzimmer – pudelnackt auf unsere Betten zur Siesta. Nicht lange danach klopfte es. Es war der Laufbursche des Zahnarztes, der die Rechnung einkassieren wollte. An seinem Gesicht konnte man ablesen, dass ihn der Gang über die fünf Treppen des lausigen Hotels und der Anblick, den die Mansarde mit Herr und Diener bot, alle Hoffnung hatte fahren lassen. Ich sagte aber nur lässig: 'Charles, donnez-moi mon portefeuille!', entnahm diesem zwei Noten und bedeutete dem erstaunten Boten, er möge den Rest für sich behalten… […]

Ich lernte Karl von Schumacher im Oktober 1932 kennen. Er war achtunddreissig Jahre alt, ich dreiundzwanzig." [S. 89-92]

Ein Jahr später gründeten die beiden die Weltwoche. Es begann ein anderer Lebensabschnitt. Doch die amourösen Abenteuer gingen weiter. David Streiff, gestützt auf die Quellen, beschreibt auch sie und konnte sie mit Fotos belegen. So gibt es auf den Seiten 116 und 117 der grossen "Biografie" je eines von Gasser mit Jean-Marie in Toulon und mit Charles Courtin in Paris.

David Streiff hat nicht nur eine kurze Biografie von Manuel Gasser unter der Rubrik Biografien in der Website schwulengeschichte.ch geschrieben, sondern auch die eindrückliche Würdigung der gesamten Website.