Newsletter 89

Juni 2017

Dieser Newsletter enthält folgende Themen:

    • Robert Oboussier: Dem Vergessen entreissen
    • Das neue deutsche Internet-Portal

      

    Robert Oboussier: Dem Vergessen entreissen

    eos. Der Mord geschah am 9. Juni 1957, also vor 60 Jahren. Ein international angesehener und in der Musikwelt wohlbekannter Mensch und Künstler wurde dadurch jäh aus dem Leben gerissen. Die Tat eines Strichjungen zerfetzte das Bild dieses Mannes und liess einen nackten Hässlichen zurück, einen Homosexuellen. Für die Öffentlichkeit war es ein Schock. Nicht das entsetzliche Geschehen, das auch, es war die Schande, die bestürzte. Rasch war der Mörder gefunden, ein Bursche aus misslichen Verhältnissen, geflohen aus dem Erziehungsheim, um in der Stadt mit leicht verdientem Geld ein freies, unabhängiges Leben zu führen.

    Die Justiz nahm ihren Lauf, das Tagesgeschehen ging weiter. Dennoch, etwas war anders. Etwas Wohlverborgenes war aufgebrochen und liess sich nicht einfach zudecken. Es gab diese Homosexuellen. Sie trafen sich heimlich. Die mussten kontrolliert werden! Sie waren eine Gefahr für Jugendliche. Der Ruf nach der Polizei erschallte. Durchgreifen, und zwar gründlich. Ruhe und Ordnung garantieren, damit das normale anständige Leben ganz selbstverständlich weitergeht. So tönten Strategien und Ziele der kommenden Jahre. So wollte man die Schande ausmerzen.

    Wir wissen, es kam anders. Aus der Repression entwickelte sich die gesellschaftliche Öffnung. Das dauerte mehr als vierzig Jahre und ist noch nicht abgeschlossen.

    Wie aber stand und steht es mit dem Menschen und Künstler Robert Oboussier (1900-1957)? Nach dem Mord vom Juni 1957 gab es einige Nachrufe, die ihm und seinem Werk galten, darunter zwei (!) Leserbriefe in schweizerischen Zeitungen, beide im Frühling 1958. Im Ausland hingegen erhoben sich Orchester und Zuhörer in Konzertsälen zu Schweigeminuten. Fünf Tage vor dem Mord feierte man in der Zürcher Tonhalle die Aufführung seiner "Drei Psalmen" mit lang anhaltendem Beifall. Ich weiss das, weil ich selbst dabei war. Doch meines Wissens ist seither kein Werk mehr von Oboussier in der Tonhalle erklungen, bis heute nicht. Mit dem Mord sind sogar Einstudierungen gestoppt worden, Werke, die bereits auf Programmen vorgesehen waren, weltliche wie kirchliche. So wurde Oboussier ein zweites Mal ermordet. Getötet mit der Decke des Schweigens, die als Schande jene entblösst, die ihn bewusst ignorierten. Schliesslich geriet er in Vergessenheit. Seine Werke aber bleiben und sind ein Schatz, den man entdecken könnte.

    Es gab einige wenige, die sich für das Erinnern einsetzten. Martin Hürlimann war der erste und gab 1969 im Atlantis Verlag Aufsätze des Musikkritikers Oboussier neu heraus. Zum 70. Geburtstag veröffentlichte Christian Weickert in der Zürcher Tageszeitung Die Tat vom 4. Juli 1970 eine Art Nachruf unter dem Titel "in memoriam" und schilderte das Wirken von Robert Oboussier in Deutschland bis 1939, als ihm nur noch die Emigration in die Schweiz übrig blieb. Dabei hob Weickert den kompromisslosen Einsatz Oboussiers für echte Kunst und besonders sein mutiges Eintreten für Künstler hervor, die bei den Nazis verpönt waren. Über das musikalische Werk Oboussiers liess der Tages-Anzeiger vom 8. Juni 2007 einen Artikel mit dem Titel "Das Doppelleben eines Komponisten" erscheinen, verfasst von Chris Walton zum 50. Todestag.

    Mehr hier und in den folgenden Web-Pages: Robert Oboussier

      

    Das neue deutsche Internet-Portal

    Das Internet-Portal „LSBTTIQ in Baden und Württemberg - Lebenswelten, Repression und Verfolgung im Nationalsozialismus und in der Bundesrepublik Deutschland“ wurde zum 1. Oktober 2016 online gestellt und seither konstant weiter entwickelt. Seine Inhalte basieren auf den Forschungen zu Lebenswelten und Verfolgungsschicksalen homosexueller Männer in Baden, Württemberg und Hohenzollern. Weitere Forschungsmodule zu Lebenswelten homosexueller Frauen, bi-, trans- und intersexueller Menschen sind in Planung. Durchgeführt wird das Forschungsvorhaben vom Historischen Institut der Universität Stuttgart in Kooperation mit der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld Berlin und dem Institut für Zeitgeschichte München. Es ist das erste Forschungsprojekt einer deutschen Universität, das sich mit der umfassenden Aufarbeitung und Sichtbarmachung der Geschichte der Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transsexuellen, Transgender, Intersexuellen und Queers eines Bundeslandes befasst. Das Gesamtprojekt wurde vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst des Landes Baden-Württemberg ermöglicht.

    Aufbereitet und erweitert werden Erkenntnisse dieser Grundlagenforschung mit den Möglichkeiten der Public History. Mit Hilfe dieser noch jungen Disziplin sollen Inhalte und Formen entwickelt werden, um die Forschungsergebnisse einer breiten Öffentlichkeit zu vermitteln und einen Dialog zwischen Interessierten, der Community und der Wissenschaft herzustellen. Bürgerinnen und Bürger können sich so aktiv in die Geschichtsaufarbeitung einbringen. Dargestellt werden die Ergebnisse auf dem dafür entwickelten Internet-Portal www.lsbttiq-bw.de . Dieser Aspekt der Vermittlung ist eine weitere Besonderheit des Projektes. Der Fokus der Präsentation auf dem Internet-Portal liegt dabei nicht allein auf der Geschichte homosexueller Männer, sondern thematisiert auch Lebenswelten lesbischer Frauen, bisexueller, transsexueller, transgender und intersexueller Menschen und befasst sich nicht zuletzt auch mit dem Aspekt „queer“. Somit bietet das Internet-Portal jetzt schon einen Resonanzraum auch für alle jene Lebenswelten, die von der Forschung erst noch aufgegriffen werden müssen. Das Public History Projekt mit seinem Internet-Portal hat damit Pilotcharakter, dessen Strahlkraft weit über Baden-Württemberg hinaus wirkt. Die Mittel für das Projekt in Höhe von 190'000 Euro stellte das Ministerium für Soziales und Integration des Landes Baden-Württemberg bereit.

    Das Internet-Portal liefert einen Überblick über die LSBTTIQ-Geschichte in Baden, Württemberg und Hohenzollern, stellt exemplarisches Quellenmaterial vor und diskutiert methodische Fragen und Begrifflichkeiten. Einen besonders berührenden Zugang zu dem Thema liefern die Interviews mit bislang fünf Zeitzeugen aus Baden-Württemberg. Drei Männer, eine Frau und die Tochter einer Transgender-Person im Alter von 70 bis 92 Jahren schildern eindrücklich ihre eigenen Lebenswelten. Dabei kommen Diskriminierung und Ausgrenzung ebenso zur Sprache wie Selbstbewusstsein und Glück. Gleichzeitig zeigen sie, dass die Interviewten die Landesgeschichte mitgestaltet haben oder dies noch immer tun. Der interaktive Teil des Internet-Portals fordert zum Mitmachen auf: Nutzerinnen und Nutzer können auf LSBTTIQ-Personen oder -Orte hinweisen, weitere Informationen geben, Quellenmaterial an das Projekt übergeben oder mit Hilfe der Kommentarfunktion mitdiskutieren.

    Unser Forschungsinteresse macht nicht an den Landesgrenzen halt: Der Wissens- und Infotransfer zwischen den Ländern wie auch private Begegnungen - beispielsweise im Dreiländereck Freiburg/Basel/Mülhausen - werden in den nächsten Monaten verstärkt in den Blick genommen. Dabei interessieren uns zum Beispiel die Fragen, wo sich Menschen aus Baden-Württemberg, der Schweiz und Frankreich grenzüberschreitend getroffen haben oder welche Zusammenschlüsse es gab, in denen sich auch Mitglieder aus den Nachbarländern engagierten. Darüber erhoffen wir uns ein verstärktes Mitwirken von Personen aus der Schweiz und aus Frankreich und eine Bereicherung der Inhalte auf dem Internet-Portal.

    Die Struktur des Internet-Portals wirkt dabei auf verschiedenen Ebenen: Sie bietet Anlässe und Zugangsmöglichkeiten für Institutionen und Personen gleichermaßen und liefert so ideale Voraussetzungen für die Arbeit und den Austausch mit allen Akteuren im akademischen wie nicht-akademischen öffentlichen Raum. Darüber hinaus ist die Struktur jederzeit erweiterbar: Beispielsweise konnten die vielseitigen Reaktionen über das Internet-Portal nach seiner Freischaltung in neu eingefügten Menü-Unterpunkten wie „Neuigkeiten“ und „Orte und Freiräume“ aufgefangen und weiter entwickelt werden. So erweist sich das Internet-Portal nicht nur als ein hervorragendes Instrument zur Vermittlung von Geschichte; es fördert auch die aktive Teilhabe. Viele User haben sich schon mit Vorschlägen und Hinweisen gemeldet und dadurch weitere Forschungen, Aktenfunde und Blog-Beiträge ausgelöst. Ermutigt von den Interviews haben sich mehrere Zeitzeuginnen und Zeitzeugen für ein Interview angeboten. Darunter befinden sich auch Personen, die zur institutionellen Seite der Verfolgung von Männern und zur Erforschung der Lebenswelten und Repressionserfahrungen von lesbischen Frauen, trans- und intergeschlechtlichen und queeren Menschen sprechen können - zwei weitere geplante Forschungsschwerpunkte des gesamten Forschungsvorhaben.

    Karl-Heinz Steinle / karl-heinz.steinle-at-hi.uni-stuttgart.de

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