Newsletter 143

November 2021

Diese Ausgabe enthält folgende Themen:

  • Elisarions "Klarwelt der Seligen" - ein schwuler Paradiesentwurf feiert Auferstehung!

Elisarions "Klarwelt der Seligen" - ein schwuler Paradiesentwurf feiert Auferstehung!

Ausschnitt aus dem Rundbild link6995

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bf. Das Rundbild "Die Klarwelt der Seligen" ist nach der Restauration wieder auf dem Monte Verità ob Ascona zu sehen. Auf dem 26 Meter langen Gemälde des homosexuellen Adligen Elisàr von Kupffer räkeln sich 84 nackte Gestalten. Fast wäre dieses einzigartige Werk auf dem Müll gelandet.

Die Jahre nach 1900 waren eine Zeit alternativer Weltentwürfe und prophetischer Selbststilisierung. Es herrschte ein Heilsglaube an eine einseitig gute Natur und an neue Führerfiguren, der sich gleichzeitig gegen die Industrialisierung und gesellschaftliche Zwänge richtete. Diese Sehnsüchte führten zu einem neuen Welt- und Selbstverständnis, das sich in der Kunst in zunehmender Abstraktion äusserte. Dass aber zum gleichen Zeitpunkt und unter denselben Vorzeichen auch formal vollkommen gegensätzliche Werke entstehen konnten, musste der Kölner Fabio Ricci 1997 feststellen, als er sich in einem schlichten Holzpavillon auf dem Monte Verità bei Ascona zum ersten Mal mit dem monumentalen Rundbild "Die Klarwelt der Seligen" Elisar von Kupffers (1872-1942) konfrontiert sah. Wie bei so vielen vor und nach ihm wandelte sich auch bei Ricci anfängliche Irritation in Faszination. In der Folge begann er, sich intensiv mit Leben und Werk Kupffers sowie dessen Lebensgefährten Eduard von Mayer (1873-1960) auseinanderzusetzen.

Daraus entstand nicht nur Riccis kunsthistorische Dissertation, sondern als überarbeitete und erweiterte Fassung auch ein umfangreiches Buch mit dem Titel "Ritter, Tod & Eros". Seinem Forschungsgegenstand damit eher gerecht werdend, hatte sich Ricci nicht für eine Einbettung in die Kunst- und Ideengeschichte entschieden, sondern für eine synchrone Einbettung in die zeitgenössische Denk- und Vorstellungswelt. Elisàr von Kupffer (der sich Elisarion nannte), dessen Lebensgefährte Eduard von Mayer sowie ihr Werk sind Teil der schwulen Geschichte, und ihr so seltsamer wie beeindruckender Tempelbau in Minusio ist es natürlich ebenfalls! Dies wird wohl selbst Ricci nicht bestreiten, der diesbezüglich in seiner Publikation (zu) sehr auf Distanz geht. Neben der grossartigen inhaltlichen Leistung ist es deshalb Riccis Verdienst, dass er mit seiner Arbeit nicht zuletzt auch Kupffers/Mayers Hinterlassenschaft und deren so traurige Geschichte in Erinnerung gerufen hat.

Rettung dank der Network-Herbstreise

Dass sein Buch kein Bestseller werden würde, war vorauszusehen. Hingegen konnte bei seinem Erscheinen niemand (und wohl zu allerletzt der Autor selber) erahnen, welche Folgen es haben, welche ganz konkrete Wirkung es erzielen würde! 2007 hatte die Herbstreise von Network, dem "Schweizer Verein schwuler Führungskräfte, Freiberufler, Künstler und Studenten" Ascona und Minusio zum Ziel. Fabio Ricci konnte hier die zahlreichen Teilnehmer in die Welt Kupffers/Mayers einführen sowie sein druckfrisches Buch vorstellen. Daraus entstand ein kleiner Kreis, der mit weiteren Interessierten im Dezember 2008 in Zürich den Verein Pro Elisarion gründete. Der Verein hatte sich zum Ziel gesetzt, den noch vorhandenen künstlerischen, fotografischen und literarischen Nachlass langfristig zu sichern sowie das Rundbild zu restaurieren.

Das in den Jahren 1923 bis 1933 von Elisàr von Kupffer geschaffene, 26 Meter lange Werk besteht aus 16 Leinwänden und bildet ein kreisförmiges, szenisches Gemälde mit einem Durchmesser von beinahe neun Metern. Gezeigt wird in 33 Szenen eine Art schwuler Paradiesentwurf mit 84 nackten Gestalten, die sich in einer idyllischen Landschaft räkeln und ihr seliges Dasein geniessen. Das Monumentalgemälde war ursprünglich Schluss- und Höhepunkt einer Art Wallfahrt im Tempelgebäude Sanctuarium Artis Elisarion, das Kupffer und Mayer in den Jahren 1925 bis 1939 in Minusio erbaut hatten. Nachdem das Gebäude in den siebziger Jahren der Plünderung und Zerstörung ausgesetzt war, dient es seit rund 40 Jahren als Kulturzentrum. Seit fast so langer Zeit wurde Kupffers künstlerisches Hauptwerk dank der Rettung durch den legendären Ausstellungsmacher Harald Szeemann (1933-2005) auf dem Monte Verità in einem eigens dafür erstellten Holzbau gezeigt. Dies aber leider unter immer prekäreren Bedingungen, die in all den Jahren dem Panoramagemälde sichtbar zusetzten. Umso dringender erschien dem Verein Pro Elisarion eine baldige Restaurierung und Sicherung dieses für die geistigen Bewegungen des jungen 20. Jahrhunderts so ungemein wichtigen, einzigartigen Werkes, das zugleich auch einmalig ist als Beispiel homoerotischer Kunst.

Lobbyarbeit und namhafte Restaurateur:innen

Dank intensiver jahrelanger Lobbyarbeit, besonders durch David Streiff, den ehemaligen Direktor des Bundesamtes für Kultur, der sich als Gründungs- und Vorstandsmitglied von Anbeginn im Verein Pro Elisarion engagierte, konnte die Gemeinde Minusio als Besitzerin des Rundbildes dazu bewogen werden, ihren Einwohner:innen in einer Volksabstimmung einen Beitrag von CHF 250’000 für die Restaurierung des Rundbildes und Holzpavillons zu unterbreiten. Im Juni 2013 wurde dieses Begehren von den Minusier Bürger:innen angenommen und machte endlich den Weg frei für die so lang ersehnte Rettung! Pro Elisarion betätigte sich daraufhin im Fundraising und fand viel Unterstützung bei der schwulen Community, bei einigen Stiftungen wie auch bei Pro Patria. Pro Elisarion steuerte selber jährlich namhafte Beträge aus dem Vereinsvermögen bei. Dies ermöglichte den Verantwortlichen schliesslich, Petra Helm und Christian Marty mit der Restaurierung und Re-Inszenierung des Rundbildes zu betrauen. Beide sind international anerkannte Spezialist:innen für Panoramabilder und insbesondere durch die meisterhafte Restaurierung des Bourbaki-Panoramas in Luzern bekannt geworden.

Die aufwendige Restaurierung erfolgte in den Jahren 2019 bis 2021. Zu Beginn zeigte sich, dass das Material stärker beschädigt war als erwartet und die Leinwände auch Knicke aufwiesen. Um mit den Restaurierungsarbeiten aber überhaupt beginnen zu können, musste zuerst der Holzbau saniert werden. Nur so konnte die Nachhaltigkeit der Restaurierung gewährleistet und annährend musealen Standards entsprochen werden. Stark beschädigte Bildteile mit Falten und Wellen mussten mit Hilfe von Vakuum und speziellen Unterdrucktischen planiert werden. Auch die abblätternde Malschicht wurde auf diese Art und Weise gefestigt und damit gerettet. Anschliessend konnte das Ganze gereinigt werden, um ihm einen grösstmöglichen Teil seiner ursprünglich lebhaften Farbigkeit zurückzugeben. Eine grosse Herausforderung stellte sodann das Zusammenfügen der völlig unregelmässigen Bildbahnen dar. Das gelang durch Ansetzen von Gewebestreifen. Um die Gemäldebahnen am eigens dafür geschaffenen Pfettenkranz fixieren zu können, wurden an den Rändern gelochte Kunststoffstreifen eingearbeitet. Anschliessend mussten die Bildbahnen so positioniert werden, dass sich nach dem Verbinden derselben die Darstellungen exakt zusammenfügten.

Erst nach Abschluss dieser Arbeiten konnte die eigentliche Restaurierung des Gemäldes durchgeführt werden. Da das Budget beschränkt war, entschloss man sich, zunächst den stark zerstörten Himmel wieder so zu retuschieren, dass sich dem Betrachter ein einheitlicherer Eindruck des Gemäldes vermittelt. Ein grosser Teil der "Klarwelt der Seligen" kann jedoch leider erst zu einem späteren Zeitpunkt fertiggestellt werden und wird erst dann seine ursprüngliche Farbigkeit und Leuchtkraft vollständig zurückerhalten. Dazu hat der Verein Pro Elisarion jüngst einen namhaften Beitrag aus seiner Vereinskasse beschlossen und ist nun auf der Suche nach weiteren Spendern.

Endlich wieder zugänglich

Indes kann das Rundbild seit Frühling dieses Jahres jeweils samstags, sonntags sowie an Feiertagen besichtigt werden. Im Eingangsbereich informiert eine spannende Begleitausstellung über Leben und Werk Elisàr von Kupffers und Eduard von Mayers und es werden weitere Gemälde Kupffers gezeigt. Im Inneren des Rundbildes wurde auf der Basis historischer Fotos ein Baldachin nachgebaut, um das Ganze für die Besucherinnen und Besucher wieder möglichst originalgetreu als inszenierter Kultraum erlebbar zu machen. Ein Besuch auf dem Monte Verità lohnt sich!

Die Geschichte von Elisàr von Kupffer und Eduard von Mayer wartet noch auf ihre Aufarbeitung auf schwulengeschichte.ch.

Mehr zur Bedeutung des Rundbilds auf der Website des Vereins Pro Elisarion