Newsletter 193

Januar 2026

Diese Ausgabe enthält die folgenden Themen:

  • Zum 96. Geburtstag von Ernst Ostertag

  • Mit Autostopp zu Shakespeare English und sexuellen Abenteuern

     

Zum 96. Geburtstag von Ernst Ostertag

dbr. Am 21. Januar 2026 feiert der Initiator von schwulengeschichte.ch seinen 96. Geburtstag. Wir gratulieren ganz herzlich.

Ernst Ostertag hat die meisten Texte dieser Website geschrieben, seine Leistung ist enorm. Wir vom Verein schwulengeschichte.ch haben es uns zur Aufgabe gemacht, diesen Schatz zu pflegen und weiter zu entwickeln. Als Geburtstagsgeschenk für ihn, aber auch für die Leser dieses Newsletters blicken wir mit Ernst zurück in sein bewegtes Leben. 

Mit Autostopp zu Shakespeare English und sexuellen Abenteuern

dbr. Ernst Ostertag hat mir in einem Interview über seine Reisen ins Vereinigte Königreich erzählt. Die Erste fand 1950, also vor 76 Jahren statt, da war er 20. Seit seiner Schulzeit ist Ernst Ostertag ein grosser Shakespeare-Verehrer. Er bewun­derte auch immer die englische Kultur und die Sprache. Darum reiste er kurz vor der Matura nach Gross­britannien, unter anderem auch, um Stratford-upon-Avon zu besuchen, den Geburtsort von William Shakespeare.

Im damaligen Shakespeare Memorial Theatre in Stratford-upon-Avon wurden dessen Stücke ungekürzt und natürlich in Original­sprache aufgeführt. Aus dem ersten Besuch ergaben sich unzäh­lige weitere. Ernst wurde später Associated Member der neuen Royal Shakespeare Company. So konnte er seine Tickets im Vor­ver­kauf erwerben. Bis 2011 reiste er fast jährlich hin, zuerst alleine und später mit seinem Partner Röbi Rapp. Dabei erlebte er auch manches sexuelle Abenteuer.

Ab 1947 besuchte Ernst Ostertag das Evangelische Lehrer­seminar Unterstrass. Er war nicht zufrieden mit dem Englisch, das er an der Schule lernte.

"Die Lehrerin war zwar nett und gab sich Mühe. Sie war Engländerin, konnte die Sprache perfekt, aber sie uns richtig beibringen, das war mühsam. Also wollte ich unbedingt nach England, um fliessend Englisch zu lernen.

England und die englische Sprache haben mich schon immer fasziniert, darum beschloss ich, die Sommerferien dort zu verbringen. Ich stellte mir eine Reise zusammen. Erst der Südküste entlang bis Land’s End in Cornwall und dann nordwärts durch die Midlands und an der Westküste nach Schottland bis hinaus zu den Hebriden. An der Ostküste sollte es wieder zurückgehen. Auf dieser Route lagen fast alle der prächtigen Kathedralen, an denen das Land so reich ist. Auch auf sie hatte ich es abgesehen."

Im Sommer 1950 nahm er den Bâle-Calais Express und setzte mit der Fähre nach der Insel über. Durchs Königreich reiste Ernst per Autostopp. Einerseits war dies die günstigste Art der Fort­bewe­gung und andrer­seits hoffte er, so Menschen kennen­zu­ler­nen und im Gespräch mit ihnen sein Englisch geläufig zu machen. Damit dies auch gelang, vermied er es, bei Lorry Drivern (Lastwagenfahrern) mitzufahren, weil diese seiner Meinung nach ein schreckliches Cockney statt "proper English" sprachen. Er hielt Ausschau nach einzelnen Personen in schicken Autos, in der Hoffnung auf ein gepflegtes Gespräch. Oft wurde er mit­ge­nom­men, auch der Unter­hal­tung wegen, um nicht am Steuer ein­zu­schlafen. Gelegent­lich lud ihn ein Fahrer zum Mittag­essen ein, damit auch die Gattin zu Hause an Gesprächen teil­haben konnte. So erhielt er gleich­zeitig Ein­blicke in englische Haus­halte.

Bald entwickelte Ernst beim Auto-Stopp seine eigene Technik. Er stellte sich ans Ende einer Rechts­kurve, weil ihn dort die Fahrer von weitem sehen konnten. Den Ruck­sack mit dem Schweizer­wimpel postierte er gut sichtbar und lächelte beim Daumen­hoch­halten. So wartete er nie lange, bis jemand anhielt, der ihn meist ein längeres Stück mitnahm. (Ganz selten waren es Frauen.)

Volle Jugendherberge - abenteuerliche Alternativen

Nicht immer fand Ernst eine Über­nach­tungs­gelegen­heit in einer Jugend­her­berge. Als er nach Exeter gefahren wurde, um auch dort die Kathedrale und die Alt­stadt zu besich­tigen, war die Jugend­her­berge am Stadt­rand voll besetzt. Unschlüssig spazierte er einem nahen Flüsschen entlang und blieb auf der Brücke zur Stadt stehen. Da näherte sich ein Mann und berührte ihn im Schritt, was ihn sofort erregte. Das war neu. Angenehm. Der Mann sprach ihn an und sie setzten sich auf eine Bank. Ernst berichtet:

"Er fragte allerlei und als ich meinte, ich hätte Hunger (das hatte ich meistens, denn das Geld war knapp), versprach er, etwas Essen zu holen. Bevor er wegging, streichelte er mir über die nackten Beine, denn ich trug kurze Hosen. Damit zeigte er, was er wollte. Ich hatte noch keine Erfahrung mit Männern, wusste aber, wohin es führen könnte. Ich war neugierig und wollte das nun ausprobieren, mal sehen, wie es wird. Weglaufen kann ich ja immer.

Der Mann kam tatsächlich mit Fish and Chips in einer Papiertüte zurück. Mit Vergnügen ass ich alles auf. Er wollte nichts davon, er ginge später nach Hause zum Essen, meinte er. Wir plau­der­ten weiter. Als es dunkel wurde, sprach er von einem Platz zum Über­nachten, den er mir zeigen möchte. Er führte mich auf ein offenes Feld, auf dem Heustöcke stan­den. Es waren grosse Holz­gestelle über die das Heu zum Trocknen aufgehängt war und eine Art rundes Zelt bildete. Man konnte unten hin­ein­kriechen und hatte einen trockenen und warmen Platz zum Schlafen. Das habe ich auf meinen Reisen später immer wieder getan, wenn keine andere Mög­lich­keit bestand.

Der Mann sagte, er würde es sich neben den Heu­stöcken bequem machen, bis ich mich ein­ge­rich­tet hätte. Ich solle dann wieder zu ihm raus kommen. Das tat ich und er fuhr sofort mit seiner Hand unter meine Hose und weiter, strei­chel­te mich, es war rich­tig gut. 'Zieh sie doch ganz aus', brummte er. 'Dumm­kopf, hättest du längst tun sollen', dachte ich, und stram­pelte sie weg. Wir hatten eine echt gute Zeit. Viel später, als er längst weg war, dachte ich darüber nach.

Damals beschäftigte ich mich stark mit Existen­tia­lismus und war der Meinung, dass es ok ist, sich zu nehmen, was sich anbot. Ich hatte keine schlechten Gefühle oder Skrupel, sondern konnte selbst­be­stimmt ent­scheiden, auf was ich mich einlassen wolle, solange ich nicht einen anderen schädigte. Das Ganze war einfach schön, noch heute denke ich gerne daran zurück."

Ausverkaufte Vorstellung, aber lebenslange Freundschaft

Später auf dieser Reise kam Ernst nach Stratford-upon-Avon, dem Geburtsort von William Shakespeare. Er ging zuerst in die Jugendherberge, um sich den Schlafplatz zu sichern, dann sofort zum Theater, wo er für den Abend Tickets kaufen wollte, da er am nächsten Tag weiterreisen würde. Er reihte sich hinter anderen in die Theater-Schlange und wartete. Da kam ein Herr auf ihn zu und sagte: "Sorry, no chance today", die Vorstellung sei restlos ausverkauft und es gebe eine lange Waiting-list. Er begann ein Gespräch, fragte, ob Ernst oft Theater besuche. Sofort machte er den Vorschlag, ihm für einen anderen Tag Tickets zu besorgen. Sie vereinbarten Tag und Zeit auf Ernsts Rückreise von Schott­land, denn dieser hatte rasch seinen Plan geändert und wollte nun über Stratford -upon-Avon nach London reisen. Mit Glück gelang ihm das fast auf die Minute genau.

Ernst erzählt:

"Der Mann hiess Cyril Smith und war 'Chief of Ward­robe' am Theater, das heisst zuständig für Her­stel­lung, Anpassung, Reparatur und Bereitstellen der Kostüme für jede Aufführung. Ich habe natürlich schnell gemerkt, dass er schwul ist und gerne mehr gewollt hätte als bloss den Eintritt zu vermitteln. Aber mit seinen 37 war er mir zu alt und zudem nicht mein Typ. Dennoch, er war eine interessante Person, kannte alle Schauspieler und alles, was im und um das Theater geschah. Als ich ihn gegen Ende meiner Reise genau wie abgemacht traf, schenkte er mir die Karte für 'King Lear', das Stück jenes Abends, und lud mich in seine Wohnung ein. So könne ich die Kosten für die Jugendherberge sparen, allerdings habe er noch einen Freund, der auch bei ihm über­nachte, aber sein Bett sei breit genug für alle drei… Natürlich wollte er in der Mitte liegen und so nahm alles seinen Lauf. 

Der Theaterabend war unvergesslich. Glück­licher­weise hatte ich 'König Lear' kurz zuvor im Schau­spiel­haus gesehen und genoss nun die damaligen Stars auf der Bühne in einer fulminanten In­sze­nie­rung. Das rief nach mehr. Cyril wurde zu einem lebens­langen Freund, Sex hatten wir bald nicht mehr, aber er blieb die Brücke zum berühm­ten The­a­ter und fast allen Künstlern, Frauen wie Männer, die auf der Bühne, dahinter oder daneben ihre Rollen spielten.

Ab 1958 nahm ich meinen Partner Röbi mit. Wir wohnten in Guesthouses nahe bei Cyrils neuem, eigenem Häuschen. Er blieb unser bester Freund über 50 Jahre bis er mit 101 starb. Fast jährlich besuchten wir ihn und das Theater und ich denke, es gibt kein Shakespeare-Stück, das wir nicht min­des­tens einmal gesehen haben, denn mit den Jahren kamen noch zwei weitere Bühnen der Royal Shakespeare Company hinzu. Anfänglich konnte ich kleine Arbeiten hinter den Kulissen übernehmen. So hörte ich die Sprache ('Shakespeare English') und lernte von selbst etliche Passagen auswendig. Mit der Zeit wurde mein 'Repertoire' grösser.

Auch ergaben sich kurze persönliche Kontakte zu Berühmtheiten, die man vielleicht noch heute bei uns kennt. So etwa erlebte ich 1953 Laurence Olivier und Vivienne Leigh, damals dessen Frau, in Macbeth und Titus Andronicus, Regie führte der noch kaum bekannte Peter Brook. Später traten Michael Redgrave, der Vater von Vanessa Redgrave und der noch sehr junge Richard Burton auf nebst den grossen Meistern, Sir John Gielgud und Dame Peggy Ashcroft.

Nach den Vorstellungen traf man sich, Publikum und Künstler, im berühmten Pub 'The Dirty Duck' gleich neben dem Theater. Dieses Pub war und ist noch immer mit drei Bars recht gross, denn ein Garten hin­ten dran und die grosse Wiese neben dem The­a­ter werden eben­falls genutzt. Oft dis­kutierten wir bis gegen Mitter­nacht, auch wenn nach elf kein Bier mehr aus­ge­schenkt werden durfte."

Sein zweiter Besuch in England fand drei Jahre später statt und führte ihn auch nach Irland. Ernst war jetzt ausgebildeter Lehrer, aber ohne feste Anstellung. Nach dem Studium wurden Lehrer dringend aufgefordert, ganze Stellen oder Vikariate zu über­neh­men, nachdem sie doch so lange hätten studieren können. Damals herrschte Lehrer­mangel. Weil er aber reisen wollte, ab­sol­vierte Ernst nur kurze Vikariate als Vertretungen für kranke Lehrerinnen oder Lehrer im Militär­dienst. Mit dem verdienten Geld reiste er anschliessend durch diverse Länder Europas und via Spanien bis nach Marokko. Schliesslich entschloss er sich auch wieder nach England zu gehen.

Nur nicht verlieben!

Alle Reisen plante er im Voraus, und dieser Plan musste mög­lichst genau ein­ge­halten werden. Darum hielt er sich auch bei Männer-Bekanntschaften sehr zurück.

"Mit Schwulen hatte ich keinen Kontakt. Wenn einer Interesse zeigte, habe ich mich zurückgezogen. Ich wollte mich keinesfalls verlieben, denn dann sitzt du fest. Ich hatte meine Pläne, die wollte ich umsetzen. So liess ich meist die Vernunft walten. Das ging ok bis ich 1956 Röbi kennenlernte, da wurde mein Leben 'unvernünftig' aber dafür menschlicher und noch sehr viel schöner."

Auf der ersten Britannien­reise kam es dennoch zu einer Begegnung, die seine Zurück­hal­tung ein klein wenig auf­weich­te. In der Nähe von Aberdeen (Schott­land), Ernst suchte wieder eine Mit­fahr­gelegen­heit, hielt ein Auto mit zwei in Marine-Uni­formen gekleideten jungen Offizieren.

"Ich hatte sofort den Eindruck, das könnte ein schwules Paar sein. Der Fahrer, der etwas älter war, wollte, dass ich mich vorne neben ihn setze. Dummerweise hatte ich wieder einmal die kurze Hose an (die lange war arg schmutzig und lag vorläufig zuunterst im Ruck­sack). Er begann zu 'nöchberle'. Derjenige, der hinten sass, beo­bach­tete dies und sagte schnell und leise etwas, was ich nicht verstand, aber den anderen wohl zur Zurückhaltung aufforderte, denn der zog seine Hand weg. Das Spiel begann erneut und wiederholte sich ein paar Mal. Schliesslich meinte der Fahrer, dass an unserer Strecke nach Edinburgh im nahen St. Andrews der erste und älteste Golfplatz liege und sie dort anhalten könnten. Er sei Mitglied und wolle einen Abstecher machen. Ich könne mitkommen. Wenn ich aber weiter wolle, müsse ich jetzt aussteigen und eine andere Fahr­gelegen­heit suchen. Ich wollte mir das keinesfalls entgehen lassen und begleitete die beiden. Bei der Ankunft im vornehmen St. Andrews Golf Club machte ich mir Gedanken, ob ich überhaupt ein­ge­lassen würde, in kurzen Hosen, mit Rucksack und nach wochenlanger Reise alles andere als top-rein. Doch nichts davon, da gab es viele Herren mit Schotten-Röcken, die ja auch nackte Beine zeigten. Ich wurde freundlich empfangen, alles war gepflegt, es wurde gutes Englisch gesprochen, das ich, im Gegensatz zum Schottischen, leicht verstand. Mir wurde Whisky angeboten, ich blieb jedoch bei 'just a cup of tea, please'.

Bei der Weiterfahrt mussten wir über den Firth of Forth die Fähre nehmen, denn damals gab es nur die berühmte riesengrosse Eisenbahnbrücke. Der Fahrer zeigte weiterhin Freude an mir, er wollte auf dem Schiff unbedingt Fotos machen, eines davon habe ich noch immer." 

Neue Reiseerfahrungen mit Röbi

Auch bei seinem Aufenthalt in Stratford-upon Avon blieb Ernst seinen Grundsätzen nicht immer treu. Einmal, drei Jahre später, lernte er zwei Schauspielschüler kennen. Mit ihnen traf er sich öfter, manchmal den einen am Nachmittag und den anderen abends. Sie wussten alles voneinander, fanden aber nichts dabei. Alle genossen diese Stunden ohne grosse Skrupel und man blieb später über Jahrzehnte auch mit Röbi zusammen befreundet, besuchte sich gegenseitig sowohl in der Schweiz wie im UK.

Als Ernst Röbi kennenlernte, half er ihm Englisch zu lernen, damit sie zusammen das Land und seine Theater besuchen könnten. Röbi fiel es leicht, Sprachen zu lernen. So flogen beide 1958 erstmals mit einer Swissair-Maschine von Zürich nach London, wohnten dort bei einem der ehemaligen Schauspielschüler und besuchten gemeinsam u.a. das Old Vic Theatre. Weiter nach Stratford-upon-Avon reisten sie via Oxford per Bus und Bahn. Auto-Stopp wäre mit Röbi ein No-go gewesen.

Ernst führte Röbi überall ein, auch bei Cyril und dessen ganzem Umfeld. Röbi verstand viel vom Theater und sein "Shakespeare English" wurde rasch besser. Und weil er vor den weiteren Auf­ent­hal­ten stets alle Stücke in Deutsch las, war ihm kaum mehr etwas fremd. Cyril wollte jeden Morgen eine genaue Kritik hören über alles, was wir am Abend gesehen hatten. Daraus entstanden angeregte Gespräche, die sich oft bis in den Mittag dehnten.

Einer von Cyrils Freunden besuchte mit seinem Lebenspartner zusammen Ernst und Röbi anlässlich der 1. Schweizerischen Gartenbauausstellung G59 in Zürich. Beide, Carl und Colin, waren bei ihnen zu Gast. Es entstand eine tiefe Freundschaft. Waren nun Ernst und Röbi in London, wohnten sie bei ihnen. Sie hatten ein Haus nahe der Royal Covent Garden Opera. Dort war der Sitz ihrer Firma für exklusive Theaterkostüme mit Schneiderei und Anproberäumen. Darüber lagen Wohn- und Schlafräume. Das Haus war zentral, man konnte alle interessanten Orte zu Fuss erreichen. Und obwohl strenge Gesetze herrschten, bot London viele Möglichkeiten, die es im damaligen Zürich nicht gab. Man schlief auch gerne mal in fremden Betten. Mit Röbi war das möglich, wenn sie beide zusammen waren. Alleine wollte er das aber nicht. Ernst sagt, es habe ihm der "Jagdtrieb" gefehlt.

Aufbruch im London der Swinging Sixties

Die Swinging Sixties waren in London ein Zeitalter des Aufbruchs und der Revolte gegen erstarrte Strukturen. Vor allem Ernst genoss das in vollen Zügen. So frei fühlte sich Ernst in der Schweiz nie, als Lehrer durfte er nicht auffallen, als un­ver­hei­ra­te­ter Mann stand er unter Beobachtung. Dies, obwohl in England bis 1967 Sex unter gleich­geschlecht­lichen Per­sonen ganz ver­bo­ten war. Ernst erzählt, dass sie des­wegen von ihren Freunden aus­ge­lacht wurden:

"Sie sagten zu uns: Ihr in der Schweiz müsst auf­passen, dass ihr keinen Sex mit Minder­jährigen habt. Bei uns in Eng­land spielt das keine Rolle, wir sind frei, was immer mit wem auch immer wir tun oder lassen wollen, denn ALLES ist sowieso ver­boten."

Nachdem das Verbot fiel, ging es so richtig ful­mi­nant los mit dem, was sich ab 1968 "Swinging London" nannte. Es gab Kinos, wo nie­mand den Film schauen wollte, Männer suchten dort Sex. Es gab Saunen, in denen man seinen Koffer im Schliess­fach de­po­nie­ren und in den Kabinen über­nach­ten konnte, nachdem man genug durch die Räume gecruist war - und man bezahlte weniger als im Hotel, Früh­stück in­begriffen. Das Etablissement war nur von morgens 10 bis nachmittags 5 geschlossen.

Drogen kamen auf, die die beiden aber mieden. Überall, vor allem aber in der zum Zentrum gewordenen Carnaby Street im zent­ra­len Stadt­teil Soho ent­stan­den jede Menge von Klein­geschäften für jedes Pub­li­kum, Frauen wie Männer, hauptsächlich Junge. Auch auf den Trottoirs drängten sich Verkaufs­stände, wo bunte Kleider aller - eher gewagten - Art samt jedem denk­ba­ren Zu­be­hör aus­lagen oder aufgehängt waren, wo Hüte in schreienden Farben, Sextoys, Pins und Tand jeder Fasson ange­boten wur­den.

Es herrschte permanenter Jahr­markt und ebenso permanentes Gedränge. Auf meine Fragen nach schlechten Erlebnissen, ant­wor­tet Ernst:

"Das Schöne war, ich traf zwei Männer, die erst Sex-Bekannt­schaf­ten in der Sauna waren, aber wenig später Röbi und mich in der Schweiz besuch­ten, worauf lebens­lange Freundschaften entstanden. Gewalt erlebte ich nie, und auch keine un­an­ge­nehmen Krankheiten, aber ich sah die ersten Dro­gen­süch­tigen herum­liegen, fast Kinder noch. Das tat weh. Trotzdem, es war eine herrliche Zeit! Nur zehn Jahre später allerdings kam das Aus der 'Swinging Sixties'. 1979 wurde Margaret Thatcher neue Premier­ministerin und begann sofort mit gründ­lichem "Auf­räumen". Die meisten Treff­punkte, auch Saunen und die speziellen Kinos mussten schliessen.

Als in den 1980er-Jahren Aids erschien, tauchte gleichzeitig mit dem Ende der unbeschwerten Zeit die Frage auf, sind auch wir betroffen? Wir fragten uns gegenseitig: 'Hast du mal Analsex gehabt?' Wir hatten damit kaum je Erfahrungen gemacht und so vertrauten wir darauf, dass wir, falls wir in zehn Jahren noch leben würden, wohl einfach Glück gehabt hatten."

Aids - das Ende der Unbeschwertheit

Sie sahen, wie plötzlich rundum Menschen starben, isoliert und oft von ihren Familien im Stich gelassen. Das weckte Trauer, grosse Unsicherheit und Wut. Man sprach noch nicht von HIV-Ansteckungen, es gab keine Therapien, es war nicht einmal klar, wie Ansteckungen vor sich gehen. Sicher war nur, diese Krankheit ist tödlich. Die Beiden hatten Angst, wie viele andere Schwule auch.

Ernst erzählt, wie sie sich aus dieser lähmenden Angst befreiten:

"Ich sagte zu Röbi: 'Wir haben den Krieg erlebt, du weisst, was Angst mit einem machen kann.' Damals wusste man nie, wann auch in der Schweiz Bomben fallen würden und alles plötzlich brennt. Mit dem Tod leben, dem Ende von Haus und allen Nächsten, jeder­zeit. Man gewöhnt sich daran und nimmt Abstand. Und trotzdem ist es immer da, Tag und Nacht, das Ungewisse. 'Wir dürfen die Angst vor Aids nicht verdrängen, aber wir müssen Distanz dazu bekommen, damit wir weiterleben können'. Es kam uns eine Idee: 1982, vor zwei Jahren war die Organisation Exit gegründet worden, die Sterbe­be­glei­tung anbietet. Wir gingen hin und sagten, dass wir schwul sind. Und wir fragten, ob sie uns das töd­liche Mittel geben, wenn die Diagnose Aids fest­steht. Diese Frage war für Exit neu. Sie müssten das zuerst abklären, wurde uns mitgeteilt. Tage später sagten sie zu. Von diesem Moment an war unsere Angst und Unsicherheit verschwunden, wir konnten wieder atmen und unser Leben weiterführen. Diese Erleichterung: wir haben einen Ausweg, es gibt kein namenloses Dahinsiechen, kein Ausgestossen sein, wir vergassen es nie"

Die Aids-Bedrohung beendete jene kurze Zeit der Unbeschwert­heit und des Ent­deckens von freier Sexualität für beide. Für sie geschah das meist in England, ein Zufall wohl.

Berufliches und Privates - in der Schweiz getrennt

Im schweizerischen Alltag der 1950er- und 1960er-Jahre lebten sie im Ghetto des KREIS und der Freunde, die sie dort trafen. Mit seinem Beruf war Ernst exponiert und führte ein verborgenes Leben. Seine Schule befand sich in Zürich Nord-Ost, alles Schu­lische erledigte er dort. Das Privatleben führte er am See, wo er wohnte, in der Nähe von Röbi. Dazwischen lagen Milchbuck und Zürichberg. Nur auf Reisen erlaubten sie sich Auszeiten in die Frei­heit zufälliger Möglichkeiten. Und das taten sie recht intensiv. England ist ein Beispiel unter anderen.