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August 2026

Diese Ausgabe enthält das folgende Thema:

  • Unternehmen "rose des sables" - Ernst und Röbi in Tunesien

Unternehmen "rose des sables" - Ernst und Röbi in Tunesien

dbr. 1982 reisten Röbi Rapp und Ernst Ostertag nach Tunesien. Ernst hat mir von dieser Reise erzählt und uns seinen 18-seitigen Reisebericht zur Verfügung gestellt. Besonders bedanken möchten wir uns, dass er auch den separat geschriebenen "Zusatz für besondere Freunde" freigegeben hat. Dieser enthält auch die erotischen Aben­teuer, die die beiden erlebten.

Ernst verfasste seine Berichte in gemässigter Kleinschreibung, die damals von einem Verein (heute: Bund für vereinfachte recht­schreibung (BVR)) propagiert wurde und deren Regeln er eine Zeitlang folgte. Später gab Ernst die Kleinschreibung wieder auf, weil sie, wie er meint, für die Verständlichkeit von komplexeren deutschen Texten nicht genügt. Wir übernehmen in den Zitaten diese Schreibweise. Sie repräsentiert den damals verbreiteten allgemeinen Wunsch nach Vereinfachung und Erneuerung.

In den Sportferien 1982 reisten Ernst Ostertag und Röbi Rapp vom 14.-28. Feb­ruar für zwei Wochen nach Süd-Tunesien. Sie wollten zuerst einige Tage auf der Insel Djerba verbringen und, so wünschte es sich Ernst, auch durch die Wüste reisen und jenen Ort besuchen, an dem, wie Ernst in seinem Bericht schreibt:

"…vor 29 jahren general Leclerc seine truppen aus freifranzosen und fremdenlegionären sammelte, um bei Gabès den durchbruch zu erzwingen, womit er Rommels deutschem afrikacorps in den Rücken fiel und die letzte Schlacht der alliierten entscheidend mitbestimmte, ende februar 1943, als der krieg auf afrikanischem boden langsam zuende ging."

Dieser Ausflug begann im Morgengrauen des 18. Februar 1982. Ernst schreibt im Reisebericht:

"Mabrouk (arab. = viel Glück!) setzt sich ans steuer des grauen 10-plätzigen landrovers und los geht’s in rasanter fahrt aus dem sandigen hotelgelände weg. 

Mabrouk, der verwegen aussehende, 25-jährige schelm aus einem Dorf bei der libyschen grenze, er fährt wie ein wilder auf der völlig einsamen strasse dahin als gälte es ein rennen zu gewinnen. Offenbar macht es ihm spass, einmal nur mit zwei statt wie üblich mit elf touristen loszuziehen, einmal nur wenig gepäck auf den hinteren sitzen und oben in der dachkiste überhaupt nichts zu haben, das hin und herscheppern oder herunterfallen könnte. Und offenbar vertraut er seinem bedeutungsvollen namen total - uns bleibt nichts anderes übrig als ein gleiches zu tun."

Die beiden reisten ausserhalb der Saison. Es war oft kühl und gelegentlich regnete es gewitterartig. Nur wenige Hotels hatten geöffnet und auch diese waren nur schwach belegt. Man beschäf­tigte lediglich das nötigste Personal, ein Mann an der Reception, der auch zu den Zimmern schaute, ein Koch und vielleicht noch jemand im Service. Es waren meist junge Männer, die selbst bei dieser knappen Besetzung nicht ausgelastet waren.

Unterwegs trafen sie kaum auf andere Touristen. Das hatte den Vorteil, dass sie fast allein Land und Leute kennenlernen konnten, bei Schwierigkeiten war in der Wüste aber auch nicht auf rasche Hilfe zu hoffen. Die kleine Gruppe verlässt Djerba südlich über den Damm, der

"…schon von den Römern erbaut, nun verbreitert nicht nur als zufahrtsweg von süden, sondern auch als träger der trinkwasserpipeline dient. Denn auf Djerba (spr. Tscherba) gibt es keine einzige quelle."

Über Medenine im Landesinneren fahren sie in südlicher Richtung

"…umringt von gelben und roten felsbergen, alles total kahl, nur gelegentlich einige kleine graue büschchen drin, nie höher als 30 bis 50 cm. Darüber stahlblauer himmel. In Foum Tatahouine, einem kleinen Städtchen mit weissen flachdachhäusern, eng in den braungelben fuss eines steilen felsberges geworfen, von etlichen schlanken minaretten überragt, dort ist markt. Ein unbeschreibliches Gewimmel von waren und menschen aller art, zusammengedrängt auf malerischem platz, der von bogengängen eingefasst und nur durch schmale gässchen zugänglich ist. Wir kaufen brot, viel wasser, saftige frische orangen und ziemlich viel hammelfleisch. Mabrouk meint: dort, wo wir hingehen, gibt es nichts als sand und steine, wir wollen weder verhungern noch verdursten!"

Dass es wichtig ist, sich mit Vorräten zu versehen, wird den bei­den klar, als sie mit ihrem Fahrer das Städtchen wieder verlassen und kurz darauf in eine Piste abbiegen, die mehr Wadi, trockenes Bachbett, als Strasse ist und lange Strecken durch Niemandsland führt. Sie windet sich bald steil empor in die Berge bis zu einer Pass­höhe, wo sich das Höhlendorf Chenini befindet, eine uralte Siedlung von Berbern. Ernst schreibt:

"Nur an der weissen moschee oben am grat und an den ghorfars, den mehrstöckigen vorratskammern mit halbrundem dach, die wie schwalbennester am fels kleben, ist erkennbar, dass hier menschen hausen. Schmale fuss- und kletterpfade winden sich zu hunderten von löchern im sandigen, ockerfarbigen gestein empor. Buntgekleidete frauen mit tätowierten gesichtern und kinder in allen grössen gehen aus und ein, aber nur wenige männer lassen sich blicken. Wir treten in eines der löcher und finden uns in einem richtigen haus von mehreren ausserordentlich sauberen zimmern, schön mit bunten wandteppichen belegt, die wände bemalt oder weiss getüncht - alles aus dem Fels gekratzt. … Und zu jedem dieser 'häuser' gehört ein ghorfar oben an der kuppe."

Die Männer fehlen, denn sie ziehen jetzt im Winter mit den Ziegen und Schafherden in den Bergen umher, leben wie Nomaden. Viele von ihnen arbeiten auch in Hotels an der Küste, oder sind im Ausland.

Die Weiterfahrt wird nun beschwerlich und auch gefährlich, denn ein vorangegangener Sandsturm hat die Piste streckenweise ver­weht. Sie führt hinunter zur Senke eines Flussbetts und weiter über Hügelketten bis an ihr Ziel, eine Oase am Rand des grossen Erg, der endlosen Sandwüste. Ernst beschreibt die Fahrt so:

"Mit hilfe des vierradantriebs rasen wir auf vollen touren ins kiesige flussbett, können auch die ersten sandbänke glatt durchqueren und kommen erst am ende einer letzten sandigen strecke ins spulen. Im ersten gang gelingt es Mabrouk uns freizukriegen, wir hopsen den steinigen rand empor und stehen inmitten mannshoher büsche bockstill. Ein blick nach hinten, alle Gepäckstücke liegen auf dem Boden, wild durcheinandergerüttelt, brot und orangen dazwischen - wenn nur die wasserflaschen ganz geblieben sind… "

Sie räumen ihr Fahrzeug auf, die Flaschen in der speziellen Kühl­box sind heil, sie werden zur Sicherheit mit Lappen umwickelt und es geht weiter. Jetzt wird es erst richtig abenteuerlich. Sie gelan­gen in total unübersichtliches Gelände, steigen aus und klettern auf den nächsten hohen Hügel, um Übersicht zu gewinnen:

"Tatsächlich, drüben am horizont glänzt ein stück piste. Unser weg, dort ist er frei, in den wellig sich senkenden hügeln liegt kein sand, nichts gelbes, nur braune erde, braunes gestein, welch ein glück, ma-brouk!

Aber bis dort hinüber und hinauf ist ein Netz von sandigen rinnen und vielfach verschlungenen dünungen zwischen hohen trockenbüschen zu durchqueren und zunächst nochmals ein breiter, zugewehter trocken-flusslauf direkt am fuss unseres hügels! Ob wir das schaffen? Ohne die Richtung zu verlieren? Es sind wohl 5 km bis zur sicheren piste.

Nach einer halben stunde ist’s geschafft. Wir stehen auf der Piste, drücken einander stumm die hand, sind plötzlich wie drei brüder geworden, nichts fremdes mehr dazwischen."

Nachdem sie auch das letzte Stück Piste mit gemeinsamer Anstren­gung hinter sich bringen, erreichen die drei die Oase Ksar Rhilaine am Rand des Erg. Hier werden sie vom freundlichen Chef des Zeltlagers, einem Beduinen, empfangen, treffen andere Europäer und erfreuen sich an der schönen grünen Landschaft und den heissen Quellen. Dank dieser Quellen ist die Oase so fruchtbar. Sie bewässern Zier- und Nutzpflanzen aller Art. In der Nähe entdecken Röbi und Ernst das Denkmal, eine Stele zu Ehren von General Philippe Leclerc und seiner Truppe freier Franzosen, die sich 1943 bei den heissen Quellen gesammelt und den Angriff gegen die Deutschen vorbereitet hatten.

Auf einem Spaziergang zum Rand des Erg erleben die beiden das Wunder der blühenden Wüste, denn vor zwei Tagen hatte es gewittert:

"Es regnet nur ganz sporadisch, aber dann heftig. … In den wenigen tagen nach einem solchen regen wachsen, blühen, welken die blümchen der wüste und lassen ihre samen reifen. … Wir knieen nieder und betrachten mit brille und lupe die zarten blüten. Eine kleeart gibt es darunter, eine distel, ein winziger löwenzahn, gelbe, violette und weisse farben, alle hell, aber intensiv aus den graugrünen blättchen leuchtend."

Tags darauf brechen sie mit ihrem Fahrer wieder auf. Weiter geht es, nun aber nordwärts auf einer Schotterpiste entlang einer auf der Karte eingetragenen Pipeline. Zu Beginn der Expedition sass Ernst vorne neben dem Fahrer und Röbi hinter ihnen. Wie sie nun starten, besteht Mabrouk darauf, dass Röbi sich wie bereits ges­tern im schwierigen Gelände, auch jetzt wieder nach vorne zwi­schen die beiden setzen solle. Es sei dort sicherer und er werde auf den holprigen Pisten weniger herumgeworfen. Das mag so gewesen sein, aber es gab noch einen weiteren Grund, warum der Fahrer Röbi näher bei sich haben wollte. Diesen beschreibt Ernst nicht in seinem offiziellen Reisebericht, wohl aber im "Zusatz für besondere Freunde":

"An jenem schönen morgen, als wir Ksar Rhilaine verliessen, wollte Mabrouk wiederum, dass Röbi vorn neben ihm platz nehme, obwohl der weg vor uns auf weniger holprigen pisten zu verlaufen schien. Bald wurde es recht warm, also zog er den burnus aus und legte ihn quer über seine oberschenkel. Röbi musste sich an Mabrouks sitz und an meinem halten, die beine gespreizt, wenn er nicht dauernd hin und hergeworfen und gerüttelt werden wollte - beim ruppigen tempo unseres fahrers. So fanden sich denn ihre beiden hände ziemlich rasch, denn Mabrouk hielt meist das steuer nur mit der linken. Sein bein rückte an Röbis heran, seine schulter an Röbis schulter. Dann zeigte er, wo unter dem burnus - bei geöffneten hosen - ein festerer griff und haltepfosten blühte… und die vielen steine taten ein übriges, sodass bewegung und massage üppig in schwung kamen. Auf diese Weise ging die fahrt nun zügig weiter heute und an den folgenden tagen - Mabrouks kräfte und säfte schienen unerschöpflich. Er sang und pfiff und Röbi hielt den schlüssel zur glänzenden laune wirklich und wahrhaftig in stets bereitem griff. ‚Ein erstaunliches volk, diese araber, von völlig enthemmter unkompliziertheit und offenheit.‘ bemerkte er lachend und immer mal wieder aufs neue zu mir herüberblinzelnd."

Weitere Abenteuer erwarteten die beiden einige Tage später in der Oase Nefta am westlichen Ende des grossen Salzsees, Chott el Jérid. Dort quartierten sie sich im Hotel "Les Mirages" ein.

"Mabrouk nahm ein dreibettzimmer, das sei doch billiger (…) und stieg auch gleich aus den klamotten, um sich zu duschen, während er Röbi beauftragte, er solle doch draussen ein gutes essen bestellen. Schon schloss er die tür und und legte sich nass und nackend aufs bett. Die dusche stand jetzt mir offen. Aber das wasser war fast gänzlich kalt. Schlotternd kehrte ich zurück. Er zog mich sofort nieder, warf die decke über uns und begann tüchtig mit aufheizen. Reibungswärme und so - immer noch natürlichste temperierungsform um in form zu kommen.

Draussen fanden wir dann Röbi nirgends mehr. Aziz (21) am réceptionspult lächelte und wies zum terassengarten. Dort stand Ahmed mit Röbi und erwies sich als junger volkstänzer und musiker, der mit seiner band jeweils die touristen unterhalte, wenn sie in gruppen ankommen zur saisonzeit. Aber jetzt war ihm, wie offenbar allen hier, ziemlich langweilig - und er sass auf dem trockenen. Wir luden ihn zum nachtessen ein, und auch aziz setzte sich bald zu uns, weil keine neuen gäste mehr zu erwarten seien. Ein ausgelassenes mahl wurde es mit viel erzählen und lachen. Aziz bemerkte, er ‚müsse‘ mindestens jeden zweiten tag, sonst würde er fou, verrückt. Seine schwarzen augen blitzten, dass man es ihm durchaus glauben durfte. Und heute sei schon wieder der zweite tag. Ahmed (25) dagegen meinte schlicht und klar, er würde liebend gerne mit uns, ob wir nicht später zu einem spaziergang mitkämen? Plötzlich, das essen war kaum abgetragen, nahm Aziz meine hand, sprang auf und sagte, das hotel sei nur zur hälfte offen jetzt, er wolle mir den geschlossenen schöneren teil zeigen - und schon zog er mich fort in dunkle gänge, riss mich dort in seine arme, drängte sich heran, zunge auf zunge, stiess eine zimmertüre auf und - halb zog er mich, halb sank ich hin…

Wie wir schliesslich zurückkehrten, sass nur noch Mabrouk trübselig und alleingelassen da, Ahmed sei mit Röbi spazieren gegangen. Wieder entspann sich ein unbeschwertes gespräch bis die beiden zurückkehrten und von herrlicher aussicht (in der dunklen nacht!) schwafelten und ich müsste das doch auch erleben etc. Wir bestellten eine zweite flasche roten, begossen die treue untreue und schworen auf’s gegenrecht, das doch jedem zustehe. Das blödeln und lachen ging also weiter, in jeder weise entspannt jetzt.
Nur Ahmed drängte immer mal wieder, er wolle auch mir die Aussicht zeigen. Dabei zauberte er einen so traurig-schönen ausdruck in sein bühnengesicht, dass ich kaum noch widerstehen mochte und endlich mit dem segen aller anderen auf pilgerschaft zum eros-schrein loszog. Es gab tatsächlich aussicht vom sandigen fels ins dunkel der palmwälder unter uns und hinauf in den sternenübersäten himmel. Auch ein kleiner halbzerfallener pavillon fand sich in der nähe und so nahm die echte kleine romanze ihren anfang ganz nach rezept aus den tausend und ein nächten.

Erst der späte nächste morgen weckte uns aus den mirage-träumen und beim augenreiben kehrte die erinnerung stückweis zurück, nein, es waren keine blossen traumspiegelungen, diesmal sind die fata morganas alle echt und real und sehr greifbar gewesen."

Richtige Fata Morganas hatten die beiden aber auch gesehen. Ernst beschreibt ein solches Erlebnis auf dem Strassendamm über den grossen Chott el Jérid, den halb ausgetrockneten Salz­see, wie sie Richtung Oase Nefta unterwegs waren:

"…im weiterfahren ist es, als sei der salzige schlick plötzlich zu einem grossen blauen see geworden. Einzelne inseln sehen wir darin und bäume, ganze bewaldete höhen über der seefläche schwimmend, halbwegs in den horizont enthoben. Liebliche landschaften, von fernher lockend, oasen des glücks an lichten stränden…

Dennoch wissen wir ganz genau, und ein blick auf die karte überzeugt uns wieder neu, es gibt hier weder inseln noch oasen noch wälder, auch gebirge nicht. Nirgendwo. Es gibt nur den schlick, die braun-schwarze totale ebene und die dicke salzige kruste darauf, 60 km nach osten und 60 km nach süden, und 20 km nordwärts dann die schimmernden kahlen berge. Das ist alles.

Fata morgana, mirages in französisch, spiegelungen heisser luft, trugbild und täuschung des auges und der müden sinne durstiger wanderer, lockung zum tode, verwirrten verstandes. Auch hier sind die djinn, die luftgeister der wüste am werk! 
Von ihnen erzählen sich die araber, dass sie, die djinn, den Menschen zuerst den Verstand aus dem Gehirn saugen und dann das Blut aus dem Herzen."

Nach ihrer Rückfahrt über den Salzsee erreichten sie die Palmen-Oase Douz mitten in einem Meer gelber Dünen und bezogen Zimmer im Hotel "La rose des sables". Ernst beschreibt, was sie dort über die Sandrosen erfuhren:

"Zuerst aber lassen wir uns ins geheimnis der sandrosen einweihen, die hier überall zuhauf stehen und sogar als lampenschirme dienen, denn ihre ränder sind durchsichtig. Sandrosen sind, wie der name sagt, rosenförmig runde feine flächen, die wie blüten zusammenhängen aber keine blüten sind, sondern hartes, glattes, rotbraunes gestein, das sich etwas seifig anfühlt und orangerot aufleuchtet (bis gelb und weiss an den rändern) wenn es vors licht gehalten wird. Es ist eine auskristallisierte form von gips, selenit genannt, was wahrscheinlich vom mond (griech. selini) kommt. … Wir erhielten zwei kleine exemplare als andenken geschenkt und taufen nun die ganze expedition auf diesen namen."

Aber auch im Sandrosen-Hotel zogen, neben der Schönheit dieser Gebilde wiederum schöne Männer die beiden in ihren Bann, wie Ernst in seinem "Zusatz für besondere Freunde" schreibt:

"Schon im eintreten verschlug es mir fast den atem, denn da stand ein wunderbild von wüstensohn, würdig der schönsten ghazelen des unsterblichen Hafiz, ein schlanker hochgewachsener dunkelblonder jüngling von ganz heller haut, mit einem gesicht voll stolzer, unsagbarer hoheit und milde zugleich, und mit augen, ach eben jenen augen, von denen Hafiz in seinen gedichten singt, dass sie die helle der wüste, das blau des himmels, das smaragdene grün der frischen quelle in sich vereint hätten als das wunder schlechthin, wie es Allah nur an einem hohen feiertag einmal in tausend jahren zu erschaffen und zu vollenden gelingt. Ich konnte nur staunen, staunen und alles, alles vergessen, alles rundum versinken lassen. Der Jüngling wandte sich ab und ging. Aber dieses abwenden, dieser gang, schritt um schritt edel und prinzengleich. Wie der sohn des obersten aller wüstenfürsten ein bild."

Und es blieb nicht bei dieser einen Begegnung und beim blossen Schauen und Träumen. Röbi, Ernst und Mabrouk fanden sich am Abend an der Bar ein, wo Ali (19) und ein weiterer junger Mann arbeiteten. Diesen nannten Ernst und Röbi nur den "Namenlo­sen". Im "Zusatz für besondere Freunde" wird weiter berichtet:

"Meine augen suchten den prinzen - vergeblich. Mabrouk war bester laune, sprach viel mit dem namenlosen, den er offenbar recht gut kannte, während der fröhliche Ali sich unser annahm. Doch immer wieder versuchte der namenlose dazwischenzublinzeln und mit eindeutigen zeichen seine unverkennbaren wünsche an uns zu richten. Ich spürte einen blick im rücken, wandte mich rasch um und sah den prinzen weggehen, die weisse perle, wie ich ihn heimlich für mich nannte. Also war er noch da, gehörte vielleicht in irgendeiner weise zum hotel, nicht als angestellter, das war klar.

Von der bar wechselten wir in den essraum. Ali bediente uns und der namenlose half dabei. Es gab ziemlich zu tun. Wir waren nicht die einzigen gäste. Dann sassen wir noch ein wenig mit diesen anderen gästen plaudernd zusammen und plötzlich sass auch die weisse perle da, wie aus dem boden gewachsen. … Ich versuchte in seine nähe zu rutschen. Das gelang. Aber wir waren beide müde, Röbi und ich, und so verabschiedeten wir uns. Da hörte ich jemanden neben mir nach der zeit fragen, in sehr schönem französisch. Er. Diese dunkle, herbe und doch weiche stimme, das konnte nur er sein. Es entspann sich ein knappes Gespräch, dann ging er weg. Ich war glücklich und wollte nun nichts als ruhig schlafen. So verschwanden wir in unser etwas abseits gelegenes zimmer.

Kaum ausgezogen schon klopfte es an die türe. Der namenlose wollte unbedingt zu uns rein. Wir gaben ihm ein hemd, nur um ruhe zu haben, aber stolz wies er es ab. Er wolle uns, sonst nichts! Schliesslich einigten wir uns auf später, wenn wir erst einmal etliche stunden geschlafen hätten. Die tür wird verriegelt und verrammelt. Wir kriechen in die betten und sind schon halb am dösen, da klopft es wieder, zaghaft und nur ein einziges mal. "ich bins", flüstert draussen eine stimme - SEINE stimme!

Vor aufregung dauert es minuten, bis endlich die dummen sicherungen beseitigt sind und er eintritt, der prinz, die weisse perle. Wir sitzen auf dem bett und plaudern. … Er heisst Khaled, ist hier in der garnison, unteroffizier, jetzt auf urlaub, darf aber Douz nicht verlassen. …Plötzlich seufzt er tief auf, schliesst uns beide in die arme, küsst uns. Freunde, freunde stammelt er und hat tränen in den wunderaugen. Er will die nacht bei uns bleiben, ob er dürfe? Welche Frage: Er verschwindet in der dusche.

Viel später klopft es wieder. Khaled spricht mit der stimme draussen. Es ist der namenlose. Khaled meint, es sei besser, wenn wir ihn besänftigen, denn er gehöre zum hotelpersonal und könnte krach schlagen. Aber was heisst besänftigen?

Wir lassen ihn rein, langes palaver. Röbi will sich opfern. Der namenlose öffnet Khaled und mir das nachbarzimmer - aber nur für zehn minuten, lassen wir die beiden wissen. Wir warten. Khaled raucht nervös. Schweinehunde sind das, sagt er immer wieder. Aber sie haben mich in der hand, sie können mich bei den militärischen vorgesetzten verzeigen.

Schon ziemlich bald kommt der namenlose an unsere tür und verschwindet sofort wieder. Röbi lacht. ‚Er war gar nicht so übel, aber zur sicherung gab ich ihm ein hemd und andere klamotten. Er war’s zufrieden.‘ Nun sind wir wieder unter uns und geniessen die schöne dreiheit in frieden und harmonie."

Wer nun glaubt, dass dies schon alles war, irrt. Etwas später taucht Ali auf und wird eingelassen. Ernst beschreibt den Abend poetisch:

"Und mit einem schönen Instrument mehr beginnt das zum quartett gewordene trio seine kleine nachtmusik da capo al fine. So also war das wohlgestimmte, stimmungsvolle fest der sandrosen; es ergab sich aus dem nichts, stieg höher und höher und vervielfachte sich zum leuchtenden bouquet im nachthimmel, ganz wie ein feuerwerk - ein staunen, ah und oh, und alle herzen schlugen hoch, weil das unerwartete und unglaubliche erblühte und jeden trunken machte und sich völlig vergessen liess: rosen mitten im sandmeer: les roses des sables, en vérité, wahrhaftig!"

Wir wollen hier nun die Glücklichen alleine lassen und schliessen die Türe, vielleicht haben sie ja in jener Nacht noch etwas Ruhe und Schlaf gefunden. Müde waren sie aber sicher, oder wie Ernst schreibt:

"Wir waren todmüde, kunststück!, aber sehr zufrieden und glücklich."

So viel sei verraten: Die beiden fanden genug Schlaf, um weitere Abenteuer zu bestehen; zur weissen Perle gesellte sich schliess­lich auch noch eine schwarze Perle! Aber das ist dann wieder eine andere Geschichte.