1905-1988

Walter Boesch

... bekannte Persönlichkeit

In Luzern geboren und aufgewachsen, studierte Walter Boesch Germanistik in Zürich. Ab 1933 war er am Luzerner Tagblatt in der Redaktion tätig. Elf Jahre später wurde er Feuilleton- und Kulturchef beim Tages-Anzeiger in Zürich.

Ich (Ernst Ostertag) begegnete ihm 1954 in der Mary’s Old Timers Bar, wo ich zu jener Zeit regelmässig verkehrte. Wir sahen uns oft dort und später auch häufig im KREIS. Ab 1967 wirkten wir gemeinsam in der Redaktionsgruppe der KREIS-Nachfolgezeitschrift club68. Ich schätzte ihn immer sehr als integeren, stets liebenswürdigen und absolut zuverlässigen Menschen und Freund.

Walter Boesch erzählte seinen nahen Freunden gelegentlich die Geschichte seines frühen Lebens, an die ich mich natürlich erinnere.

Im Jahr 1937 sei er in Luzern unschuldig in einen Skandal geraten. Anlässlich einer privaten Zusammenkunft von Homosexuellen hatte sich ein junger Mann so sehr verletzt, dass er ins Kantonsspital Luzern gebracht werden musste, worauf die Polizei eine Untersuchung einleitete. Davon berichtete der Sittenwächter Alfred Schlumpf in seinem Boulvardblättchen Guggu im September 1937:

"Auch die Luzerner wollen ihren Sittlichkeitsskandal haben"

und veröffentlichte die Namen der Vorgeladenen und Einvernommenen. Darunter auch:

"Dr. Bösch, Redaktor des Luzerner Tagblattes".

Um weiteren Rufschädigungen aus dem Weg zu gehen, hätten seine Eltern ihren Sohn Walter nach Paris geschickt, wo er ein zusätzliches Studium absolvieren konnte. Dieser Aufenthalt schien für ihn eine bedeutungsvolle und glückliche Zeit, in der er nebst der Sprache seine Liebe zu Musik und Theater entwickelte, viele Künstler kennenlernte und Freundschaften schloss.

Doch genau diese frühe Lebensgeschichte in Luzern scheint nach neuen Erkenntnissen falsch und eine Legende zu sein, die Walter Boesch sich zurecht gelegt hatte. Jedenfalls sind keine Quellen gefunden worden, die seine Erzählung stützen. Der Historiker Rolf Thalmann forschte in Luzerner Quellen und stellte mir im März 2026 seine Ergebnisse freundlicherweise zur Verfügung. Ich zitiere und fasse zusammen:

Walter Boesch war sehr wohl in den vom Boulevardblatt Guggu erwähnten Luzerner Sittlichkeitsskandal involviert1. Denn im Staatsarchiv Luzern befindet sich ein Typoskript von 113 Seiten zur Untersuchung dieses Falles im Jahr 1937. Zweieinhalb Seiten davon befassen sich mit Walter Boesch, der mit drei Strichern Kontakte hatte, aber nur wegen einem von ihnen gebüsst worden sei, weil dieser Mann minderjährig war2. Das Schutzalter lag zu dieser Zeit für männliche homosexuelle Aktivitäten bei 20 Jahren.

Walter Boesch blieb von 1933 bis September 1944 ununterbrochen am Luzerner Tagblatt tätig und ist laut Mitteilung des Stadtarchivs Luzern in dieser ganzen Zeit nie abgemeldet worden, etwa für einen längeren Aufenthalt im Ausland3. Damit ist auch der Studienaufenthalt in Paris Teil der Legende.

Als ich diese Tatsachen vernahm, war ich zunächst wie gelähmt. Meine klare Erinnerung an diesen nahen Freund - eine Täuschung? Es dauerte lange, bis ich einen Zugang fand. Dies über die Frage nach der Zeit, den damaligen Umständen. 1937 war ich sieben Jahre alt. Nur fünf Jahre später wusste ich klar von meiner anderen Art der erotischen Anziehung. Und ich wusste aus Gesprächen, von Beobachtungen: das ist Schande und ein absolutes Geheimnis. Niemand darf davon erfahren. Es wäre die Zerstörung meiner Zukunft. So war die Zeit damals.

1937 war Walter Boesch 32, Akademiker und Mitarbeiter einer wichtigen Zeitung. Und sein Name erschien im Skandalblatt im Zusammenhang mit einer Stricher-Affäre. Da musste eine Erzählung konstruiert werden, die jenes Geschehen übertünchte. Möglich, dass sie sukzessive Gestalt annahm und für Walter Boesch sozusagen Wirklichkeit wurde. Sieben Jahre später zog er nach Zürich.

Nach diesen Überlegungen kam ich zum Entschluss, die Boesch-Legende stehen zu lassen und ihr die historischen Tatsachen gegenüberzustellen. Beide gehören zur Geschichte dieses Lebens, zur Geschichte jener Zeit. Selbst nach 1950, als ich erste Kontakte zu Homosexuellen aufnahm, lebten fast alle verdeckt. Das war Normalität. "Niemals auffallen!" hiess die Devise. Man schützte sich gegenseitig.

Kehren wir zu Walter Boesch zurück.

Anfang Oktober 1944 siedelte er nach Zürich, weil er eine Anstellung als Feuilleton-Redaktor beim Tages-Anzeiger erhielt. Bereits ab Anfang 1945 erschien sein Name im Impressum. Er war Leiter des Feuilletons und Kulturteils der Zeitung geworden und blieb in dieser Stellung bis zur Pensionierung 1966. Dazu schrieb er von Anfang bis zum Ende seiner Tätigkeit jene unter dem Kürzel "-oe-" vielbeachteten Theaterkritiken über die Premieren im Schauspielhaus, also während dessen "grosser Zeit". Die von ihm getroffene Auswahl von (neuen) Büchern und Autoren und seine Rezensionen wurden auch in Fachkreisen geschätzt und zitiert.

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Ernst Ostertag, Juni 2006, August 2026

Weiterführende Links intern

Guggu-Kampagne

Quellenverweise
1

Guggu, Nr. 34 vom 16. September 1937

2

Untersuchung gegen verschiedene Homosexuelle durch das Amtsstatthalteramt Luzern-Stadt, 1937, C 20/8

3

Laut Mitteilung von Frau Pia Gemperle vom Stadtarchiv Luzern an Rolf Thalmann, 23. März 2026