Newsletter 119

November 2019

Diese Ausgabe enthält die folgenden Themen:

  • Gottes schwule Lieblinge
  • United by Aids - Ausstellung noch bis 10. November

Gottes schwule Lieblinge

Hinrichtung auf der Kyburg

Foltertod eines elfjährigen Knaben auf der Kyburg (Zürich)

Hinrichtung eines elfjährigen Knaben auf der Kyburg (ZH). Quelle: Zentralbibliothek Zürich, Ms F 16, S. 234a.

Urheber
Zeichner: unbekannt
Herausgeber
Besitzer: Zentralbibliothek Zürich
Rechte
© Zentralbibliothek Zürich
Sammlungs Nr.
ID: 3064
Hinrichtung eines elfjährigen Knaben auf der Kyburg (ZH)

jb. Gleichgeschlechtlich Liebende fallen in monotheistisch geprägten Kulturen aus der Geschichtsschreibung heraus. 2500 Jahre Unterdrückung im Namen eines Gottes dürfen nicht aus dem Gedächtnis der Menschheit gelöscht werden. Homosexuelle wurden aus der Gesellschaft hinausgedrängt und für alles, was schief lief, verantwortlich gemacht. So wurden zwischen 1641 bis 1791 allein im Landgericht Kyburg (Kanton Zürich) 78 Personen wegen Sodomie und Bestialität zum Tod verurteilt und hingerichtet. Der Hass und die Hatz sind noch nicht zu Ende. Homosexuelle Flüchtlinge aus christlichen und muslimischen Ländern berichten von Verfolgung und Todesdrohung, noch im Jahre 2019. Einzelne Bibelstellen werden von homophoben Fundamentalisten aus dem Zusammenhang gerissen und als autoritative Belegstellen für die Verurteilung angeführt. Die Bibel böte aber auch ganz andere Lesarten, die dem theologischen Gehalt der Texte und der Tragik gleichgeschlechtlich Liebender viel besser entsprechen würden als die üblichen und oft missverstandenen Text-Fetzen zur Homosexualität.

Der oder die gleichgeschlechtlich Liebende gehört zu jenen Menschen, denen gemäss dem alttestamentlichen Propheten Jesaja der Arm Jahwes gereicht wird (Jes 53,3-5):

"Verachtet war er und von den Menschen gemieden, ein Mann von Schmerzen, leiderfahren; wie einer, vor dem man seinen Blick abwendet, den man verabscheut, von niemandem beachtet. Aber wahrlich, unsere Krankheiten trug er, unsere Schmerzen hielt er aus; wir nahmen an, er sei von Gott geschlagen, gebeugt und getroffen worden. Doch er wurde wegen unseren eigenen Sünden durchbohrt, zerquetscht wegen unseren Missetaten. Die Strafe lag auf ihm, damit wir Ruhe hatten; seine Wunden brachten uns Heilung."

Am Ende der Tage erhebt ihn Jahwe und reicht ihm seinen Arm.

Die Beschäftigung mit den Leidenden der Bibel lohnt sich, um die Situation der schwulen Sündenböcke, der gesellschaftlichen Aussenseiter allgemein und der Angehörigen sexueller Minderheiten im Besonderen zu verstehen. Solchen Menschen widmet sich Jesus beispielsweise in seiner Bergpredigt. Die Linie liesse sich weiterziehen, beispielsweise zum heiligen Sebastian. Dessen von Pfeilen durchbohrter Leib inspirierte ab dem Mittelalter die christliche Bildkunst, so als ob die Künstler bei der biblischen Gestalt Hiob selbst Mass genommen hätten. Denn er sagt von sich, dass ihn die Pfeile Gottes trafen und in ihn eindrangen (Hiob 6,4). Der alttestamentliche Hiob war ebenfalls eine solche schmerzensgeplagte Kreatur. Gewaltiges Leid kam über den begüterten, gottesfürchtigen Mann. Er stimmte ein nicht enden wollendes Klagelied über sein Unglück an. Er verfluchte den Tag seiner Geburt, haderte mit seinem Gott, rang mit ihm, forderte ihn heraus, befragte ihn, warum gerade er, Hiob, mit allem Leid dieser Welt überschüttet worden sei. Umso überraschender ist sein Fazit (Hiob 1,21):

"Nackt kam ich aus dem Leib meiner Mutter; nackt kehre ich in die Erde zurück. Jahwe hat gegeben, Jahwe hat genommen; der Name Jahwes sei gepriesen."

Der geflüchtete afrikanische Homosexuelle

An Hiob erinnert der geflüchtete afrikanische Homosexuelle, der uns im Zusammenhang mit einem Dokumentarfilm seine Geschichte anvertraute: Vor ein paar Jahren fiel er in seiner Heimat beinahe einem Lynchmord zum Opfer und wurde dabei schwer verwundet; er landete im Gefängnis, ertrank auf seiner Flucht im Mittelmeer beinahe, schleppte sich unter Schmerzen auf der Balkanroute Richtung Zentraleuropa, kam mittellos als Asylsuchender in der Schweiz an und erhielt schliesslich eine Aufenthaltsbewilligung. Er klagt nicht etwa seinen Gott an, der ihm all diese Prüfungen auferlegt hat, sondern dankt ihm für die Errettung vor dem Mob, der ihn mit der Bibel in der Hand töten wollte, und für den Arm, der ihn, den Ertrinkenden, aus dem Wasser zog.

Wie Hiob nicht schuld ist an seinem Schicksal, ist der Homosexuelle nicht schuld, dass er gleichgeschlechtlich liebt; aber er weiss um das Schicksal, von der Familie und von der Gesellschaft verstossen zu sein. Und er kennt auch die Schuld, die auf der Familie und ihrem sozialen Umfeld lastet, weil die Angehörigen, um der Gesellschaft zu genügen, einen oder eine der ihren verstossen haben, nur weil er oder sie gleichgeschlechtlich liebt. Der Flüchtling aus Afrika entzündet in einer Kirche seines Asyllandes eine Kerze, aus Dankbarkeit und im Gedenken an seine Lieben.

Auch der jüdische Homosexuelle Jerry Rosenstein, der die Konzentrationslager überlebte, spricht nicht von Rache, sondern er sieht es so (Friedrich Dönhoff: Ein gutes Leben ist die beste Antwort – Die Geschichte des Jerry Rosenstein. Diogenes Verlag, Zürich, 2014, 105):

"Jerry zwinkert mir zu: 'A good life is the best revenge!' 'Ein gutes Leben ist die beste Rache?' Jerry überlegt. 'Rache trifft es nicht. Revenge meint etwas anderes. Könnte man vielleicht mit Antwort übersetzen.' Er schaut aus dem Fenster. Ein gutes Leben ist die beste Antwort."

Akzeptanz nicht so selbstverständlich

Aus der Sicht eines gut situierten, selbstgefälligen, weissen Homosexuellen eines westlichen Staates mag solches Reden überholt, banal oder lächerlich klingen, glaubt er doch, über alle oder doch die meisten Rechte auch als Homosexueller zu verfügen, der Rede von Gott enthoben und vom gesellschaftlichen Mainstream getragen zu sein. Das mag tatsächlich so sein. Die Konzentrationslager und Schwulenregister sind verschwunden. Doch ein Blick über den eigenen Gartenhag hinaus oder eine ehrliche Rückschau auf die eigene Geschichte belehrt uns, dass die Akzeptanz für queere Menschen überhaupt nicht selbstverständlich ist.

Aus diesem Grund lohnt sich die Auseinandersetzung mit einer Figur wie Hiob. Natürlich wollen die Homosexuellen keine Jammerlappen, keine Opfer, keine Sündenböcke sein, und sie wollen auch nicht ständig als tragische Figuren, die zum Scheitern verurteilt sind, oder als lächerliche Witzfiguren dargestellt werden, wie dies im Film des 20. Jahrhunderts lange Zeit geschah. Aber um an Statur zu gewinnen, müssen sie wissen, aus welchem Urgrund, aus welcher Substanz heraus sie ihren Lebenssinn beziehen. Solche Bodenhaftung trägt sie auch dann, wenn sich ihre persönliche oder gesellschaftliche Situation einmal (wieder) verschlechtern sollte. Aus christlicher Sicht besteht Hoffnung: Queere Menschen gehören zu Gottes Lieblingen.

Zur Geschichte der Ächtung von Homosexuellen auf schwulengeschichte.ch

In der Schweiz engagiert sich vor allem Queeramnesty für LGBTI-Flüchtlinge

United by Aids - Ausstellung noch bis 10. November

United by AIDS - Ausstellungsplakat

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Noch bis zum 10. November ist im Migrosmuseum für Gegenwartskunst die Sammelausstellung "United by AIDS - An Exhibition about Loss, Remembrance, Activism and Art in Response to HIV/AIDS" zu sehen. In den Zeiten der AIDS-Krise gingen Kunst und Aktivismus oft gepaart und beides geschah meist aus einer sehr direkten Betroffenheit heraus. Gezeigt werden Arbeiten von 40 Künstlerinnen und Künstlern wie Rosa von Praunheim oder Keith Haring. Begleitend zur Ausstellung erschien die Anthologie "United by AIDS – An Anthology on Art in Response to HIV/AIDS"

Aids und seine Folgen auf schwulengeschichte.ch

Informationen zur Ausstellung und zur Anthologie auf migrosmuseum.ch