Newsletter 126

Juni 2020

Diese Ausgabe enthält folgendes Thema:

  • Hut ab vor Bernhard Vogelsanger, dem Opernkönig von Schwamendingen

  

Hut ab vor Bernhard Vogelsanger, dem Opernkönig von Schwamendingen

Bernhard Vogelsanger

Bernhard Vogelsanger

Weltklasse in der Vorstadt. Bernhard Vogelsanger im Zuschauerraum seines Opernhauses. Quelle: Das Magazin.

Urheber
Foto: Emanuel Ammon
Herausgeber
Besitzer: Emanuel Ammon
Rechte
© Emanuel Ammon, AURA Foto Film Verlag
Sammlungs Nr.
ID: 2094
Weltklasse in der Vorstadt

hpw. Vor 100 Jahren wurde Bernhard Vogelsanger geboren. Vor 25 Jahren starb er - im Juni 1995. Er wollte das Grab seiner Mutter besuchen, als er zusammenbrach. Wenige Tage später starb er. Zu diesem Zeitpunkt lebte ich in Amsterdam. An meinem letzten Tag in Zürich vor meinem Auswandern, es war an Auffahrt 1992, sass ich mit einem meiner besten Freunde im Café in der Halle des Zürcher HB. Die Atmosphäre eines Feiertags im damaligen Zürich war etwa so, wie die während des Lockdown dieses Frühjahrs. Die Bahnhofshalle war ebenso leer und viel mehr hatte auch nicht offen wie in diesem Jahr im April - ausser das Les Arcades im HB. Es sassen vielleicht 6 Leute da, alles Männer, wahrscheinlich alle schwul. Irgendwann stürmte die Kellnerin einem Gast, der aus dem Café kam, hinterher und schrie: «Schwule Säue wie dich wollen wir hier nicht.» Ihre Stimme war weitherum zu hören. Das war Zürich damals und ich war froh, am nächsten Tag abreisen zu können. Der Mann, der da aus dem Café verjagt wurde, war nicht Bernhard Vogelsanger. Aber die Geschichte kam mir in den Sinn, als ich sein Portrait auf schwulengeschichte.ch einarbeitete.

Ich kannte Bernhard Vogelsanger nicht persönlich, wahrscheinlich vom Sehen her schon. Er muss mir in seiner Exzentrizität aufgefallen sein. Vogelsanger hat sich nicht aus dem Staub gemacht, obwohl die Zürcher Gesellschaft Menschen seiner Art nicht wohlgesinnt war. Was ich erlebt habe, war das Ende des engstirnigen Zürichs. Vogelsanger hat sein ganzes Leben in diesem Umfeld verbracht. Aus ärmeren Verhältnissen stammend konnte er sich seinen Traum nicht erfüllen. Zwar durfte er als Schüler die Welt der Oper kennenlernen. Ein Beruf am Opernhaus blieb ihm verwehrt. Interessiert hätten ihn die Ausstattungen. Doch das dafür notwendige Studium an einer ausländischen Kunstakademie konnten sich seine Eltern nicht leisten. So wurde er Dekorateur.

Das kleinste Opernhaus der Welt

Sich dem feindlichen Klima beugen? Aufgeben? Seine Identität verleugnen? Nein, auch in der Genossenschaftswohnung in Schwamendingen, die er bis zu ihrem Tod mit seiner Mutter teilte,  konnte er das verwirklichen, was ihm am Herzen lag. Es war dann nicht das Opernhaus am Bellevue, aber hier konnte er wenigstens jedes Detail selbst bestimmen, halt mit den Mitteln, die er hatte. Das war nicht einfach, denke ich. Der sensible Bernhard Vogelsanger wuchs in schwierigen elterlichen Verhältnissen auf. Er betreute seine Mutter bis zu ihrem Tod. Es ist ja nicht so, dass die Arbeiterklasse damals den Schwulen besonders wohlgesinnt war, im Gegenteil. In der reichen Gesellschaft konnte man sich ein Paradiesvogel-Dasein leisten. Darüber berichtet das Portrait von Fred Spillmann, das wir im Februar-Newsletter vorstellten. Aber in Schwamendingen war das anders. Und doch, Bernhard Vogelsanger liess sich nicht beirren. Er lebte seinen Traum, so wie’s halt ging. Er tauchte in die Opernwelt ein, kaufte sich aus seinem Ersparten teure Schallplatten, als diese noch auf 78 Touren liefen. Er konnte sich nur Teile seiner geliebten Aufführungen leisten. Also sang er die fehlenden Arien gleich selber, wenn er die grossen Geschichten in seinem Schuhschachteltheater ein paar Freunden und Freundinnen vorführte. Bernhard Vogelsanger betrieb nämlich das vielleicht kleinste Opernhaus der Welt. Er baute die Kulissen, gestaltete die Puppen, ihre Kostüme, inszenierte die Dramen. Er betrieb das alles ganz allein und nur wenige waren auserkoren, seinen Vorstellungen beiwohnen zu dürfen.

Sich treu geblieben

In seinem Umkreis war Bernhard Vogelsanger ein geachteter Mann. An der Arbeit war er sehr beliebt. Seine Persönlichkeit, sein selbstbestimmtes Auftreten, die Inszenierung seiner Person im Alltag konnte niemand übersehen. Seine extravaganten Kleider vom Flohmarkt und das schwarze Toupet fielen auf. Das Magazin (Beilage des Zürcher Tages-Anzeigers und der Berner Zeitung) widmete ihm 1988 eine Titelgeschichte. Das Schweizer Fernsehen zeigte einen Dokumentarfilm über Vogelsanger. Er hätte im Alter eine Berühmtheit werden können. Doch darum ging es ihm nicht. Als «zuviel der Umtriebe» empfand er den Medienrummel. Ihm ging es darum, sich treu zu bleiben und seine Leidenschaft auszuleben. Das schien ihm normal. Davon liess er sich nicht abbringen. Das braucht Rückgrat und auch immer wieder eine gehörige Portion Mut.

Damals im Les Arcades entgegnete ich beim Bezahlen der Kellnerin mit Blick auf die anderen fünf Männer an den Tischen um mich herum: «Wenn Sie hier keine schwulen Säue bedienen wollen, dann sind Sie aber sehr schnell arbeitslos.» - Meine Begleitung war beeindruckt: «Da sind einige Köpfe rot angelaufen um uns herum.» Doch mit der Courage von Bernhard Vogelsanger konnte ich mich nicht messen.

Ich danke Christian Wapp, dass er dieses Portrait zu schwulengeschichte.ch beitrug, und Niklaus Wyss, dass er uns seinen stimmungsvollen Text aus dem Magazin überliess.