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Oktober 2021

Diese Ausgabe enthält folgende Themen:

  • Schwulsein vor 200 Jahren: Jakob Stutz (1801-1877)

Schwulsein vor 200 Jahren: Jakob Stutz (1801-1877)

Stutz, Inschrift

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Inschrift am Geburtshaus von Jakob Stutz, heute. Quelle: Foto von Ernst Ostertag, 2002.

Urheber
Foto: Ernst Ostertag
Herausgeber
Besitzer: Schwulenarchiv Schweiz, Zürich
Rechte
© Ernst Ostertag
Sammlungs Nr.
ID: 3022
Inschrift am Geburtshaus von Jakob Stutz, heute

eos. In den Lesebüchern der Schulen des Kantons Zürich gab es noch bis zur Mitte des letzten Jahrhunderts Geschichten und Gedichte des Lehrers Jakob Stutz. Dieser Mann aus dem Zürcher Oberland beobachtete seine Zeitgenossen und die Umstände ihres Daseins mit Sorgfalt genau. Er zeigte in seinen "Gemälden aus dem Volksleben", wie hart es für sie war und wie so manches zu verändern und erleichtern wäre, besonders durch bessere Bildung. Davon verwirklichte er vieles mit den Schulkindern, führte das Handwerken, Musik- und Theaterspielen ein, aber auch so praktische Dinge wie die Schulsparkasse und eine Schülerbibliothek. Seine Schriften und Theaterstücke zu politischen Einsichten und Neuerungen, wie etwa das vierteilige Drama zum "Brand von Uster" machten ihn zur weit herum bekannten Persönlichkeit.

Dennoch litt er lebenslang an seinem, wie er es nannte, "verkehrten, widernatürlichen Geschlechtstrieb", der ihn mehrfach Arbeitsstellen kostete und schliesslich in die Verbannung und Armut trieb. Er starb etwas über 75-jährig bei seiner Nichte. Sie hatte ihm für die letzten zehn Lebensjahre eine sichere Bleibe geboten.

Viele der Zeitgenossen und ganze Generationen der Nachwelt ehrten ihren Volksdichter und Schulreformer und gaben seine Schriften - manche davon in Zürcher Mundart - immer wieder neu heraus. Dazu gehörte auch die Autobiografie "Siebenmal sieben Jahre aus meinem Leben". Sie wurde zum Volksbuch. Das aber, was ihn vor Gericht brachte und zum Sträfling machte, blieb zuhinterst schubladisiert verschwiegen und ging "vergessen".

In einer Festschrift zum 200. Geburtstag "Jakob Stutz, 1801-1877, Stationen eines Lebens" setzte deren Verfasser Walter Müller im Frühling 2001 einen Abschieds-Spruch aus dem Nebelspalter von damals auf die letzte Seite:

Zum Tod von Jakob Stutz

Wie ischt dis Herz a eus'rem Völchli ghanget,

Wie häd dis Lied das ganzi Volch erfreut,

Wie hädmer g'wartet und wie hädmer planget,

bis uf de Tisch Du Neu's häst g'leit.

Du häst das Spröchli eusre schöne Gaue

zur wahre Sprach gmacht wyt und breit;
Und i der Sprach, wie chan mer's Völchli g'schaue

Und kennt sys Fühle, Schmerz und Leid.

Ja, das sind Bilder, die tüend nie vergah,

Die händ de stolzist Titel Dir erworbe,

De ganz Kanton seits und die Schwyz seit's nah:
De bescht Volksdichter ist mit Dir eus g'storbe.

Nicht ganz vergessen

Dennoch, mit dem Ende des Weltkriegs 1945 verging das "Vaterländische" und die Volksweisen der Eltern und Grosseltern verstummten. Man hatte Neues vor, den Aufbau, die Konjunktur, das Fallen der Grenzen. Die neue Bedrohung lag nun im kommunistischen Osten.

Erst vor der Schwelle zur Jahrtausendwende kam der Gedanke auf an eine Dichterfeier im Zürcher Oberland und gewann Gestalt mit dem Projekt eines Velo- und eines Wanderweges, der die Lebensstätten von Jakob Stutz miteinander verbinden sollte. Das würde dem ganzen Landstrich neue Impulse schenken.

Der Bau wurde realisiert und lockte sofort viele Besucher von jung bis alt zum Erkunden der weitläufigen Strecke. Dieser "Jakob-Stutz-Weg" führt vom Pfäffikersee, wo ein Dichtermuseum eröffnet wurde, hinauf zum Weiler Isikon mit dem Geburtshaus, dann durch Wälder hinüber ins Tösstal nach Wila und endet schliesslich via Tablat und Blitterswil ganz oben in Sternenberg, dem höchstgelegenen Dorf des Kantons. Er ist gut 23 km lang und es gibt daran elf Stationen mit Hinweistafeln und Bildern zu den entsprechenden Abschnitten im Leben von Jakob Stutz. Heute werden Wander- und Veloweg zehn Jahre alt. Eine Erneuerung ist notwendig und auch schon im Gange. Seit 2020 existiert ein Renovationskonzept der Koordinationsstelle "Natürli Zürioberland Kultur" in Bauma.

Von Vormund und Pfarrherren gefördert

An beiden Wegen liegen auch jene Orte, die dem mit 14 Jahren plötzlich zum völlig mittellosen Vollwaisen gewordenen Jakob Stutz Heimstätte wurden, an denen er zudem wichtige weitergehende Förderung erhielt. Denn seine hohe Begabung erkannten die Gebildeten von damals: Vormund, Pfarrherren und Führer geistlicher Gemeinschaften. Ihnen hatte er alles zu verdanken, was ihm lieb war, Schulung, Bücher, das eigene Schreiben und die erste Arbeitsstelle in der stadtzürcherischen Blinden- und Taubstummenschule. Sie öffneten ihm den Weg zur Nutzung jener Anlagen und Fähigkeiten, die ohne Gönner sich nie hätten entfalten können.

Aber das Andere, seine "unnatürliche" Veranlagung und das nicht restlos Verdrängen- und Verzichten-Können, es machte ihn zum Undankbaren, zum Verräter an seinen Helfern und schliesslich zum Straffälligen und Geächteten. Daran litt er lebenslang und fand nie einen Ausweg. Einzig seinem Tagebuch anvertraute er sich an einigen wenigen Stellen. So schrieb der fast 40-Jährige am 4. September 1841, also vor 180 Jahren:

"Warum gibt es Menschen, denen man Vernunft und Verstand nicht absprechen kann, die einen verkehrten, widernatürlichen Geschlechtstrieb gleichsam mit auf die Welt bringen? Die sich auch unter den günstigsten Umständen nie und nimmer entschliessen können, zu heirathen? Sage mir doch ein Mensch, ich bitte sehr dringend, woher das kommen möge? Schreiber dies gehört leider auch unter diese Klasse von Menschen, die gewiss die unglücklichsten auf Erden sind."

Die Spannung zwischen Dichter-Existenz und stets drohendem Absturz ins Verfemt-Sein, die Jakob Stutz's Leben unlösbar prägte, mochte ihn hellhörig für andere machen, die auf ihre Weise gleichfalls Behinderte und Geknechtete waren. Seine blinden und seine gehörlosen Schüler erzielten Fortschritte, die Aufsehen erregten. Er unterrichtete sie im Brunnenturm an der oberen Spiegelgasse im Zürcher Oberdorf, wo er auch wohnte. Dort vorbei führte der Weg, den die verurteilten Straftäter aus dem Gefängnis zum Frondienst an den Schanzen nahmen. Er sah sie täglich.

Theaterstück "Der Brand von Uster"

Nach dem Aufstand der Heimweber im Zürcher Oberland, denen die neuen Fabriken bei Uster ihren Lebensunterhalt genommen hatten und nach dem Abbrennen der verhassten Fabrik im November 1832 folgte das Aufspüren der Verzweifelten, ihre Haft, Verurteilung und Zwangsarbeit, während viele der nun vaterlosen Familien verhungerten. Jakob Stutz verfolgte das schreckliche Geschehen, dachte über dessen Umstände, die Menschen und deren hartes Dasein nach. Er kannte sie wohl genug aus seiner Jugend als Verdingbub und Bauernknecht. So entstand sein Wunsch nach einer Form der Belehrung des Volkes und die Idee, ein vierteiliges Theaterstück zu schreiben, worin er die Tat selbst schildern, aber auch die Ursachen und Hintergründe auf die Bühne bringen wollte, sodass jeder sie selber miterlebten konnte. Das ganze Drama nannte er "Der Brand von Uster oder: Die Folgen verabsäumter Volksaufklärung in Wort und Tat, ein Zeitgemälde". Es erschien 1836 und wurde rasch zum viel diskutierten Ereignis und anhaltenden Erfolg im ganzen Volk, auch bei Politikern. Schliesslich kam Verständnis auf für die Nöte der Landbevölkerung. Es gab Ansätze zur Linderung. Vor allem aber wurden Veränderungen der Arbeitsbedingungen in den Fabriken angestossen.

In seinem Vorwort schrieb Jakob Stutz:

"Als mir die Namen der Gefangenen, ihre Heimatsorte, ihre Äusserungen und Handlungen näher bekannt wurden, da traten (…) die Bilder meines Jugendlebens vor meine Seele. Manchen, der nun in Ketten klirrend an mir vorüber wankt, sah ich als harmlosen Knaben spielen, hörte ich als lebensfrischen Jüngling jauchzen, und es durchzuckte schmerzhaft mein Herz, wenn diese sonst gutmütigen Menschen als böswillige Verbrecher beurteilt wurden. Lange hielt ich in Gedanken dem unheilvollen Ereignis nach, und immer klarer erkannte ich die Beweggründe, welche zu der strafbaren Handlung hintrieben. Zum innigsten Mitleid gesellte sich der Wunsch, meinen unglücklichen Heimatgenossen (…) Trost zu gewähren (…) dadurch, dass ich versuchte, einem grösseren (…) Publikum die Überzeugung beizubringen, es seien die Verurteilten keine gemütsverdorbene Bösewichte, sondern Menschen, die unter irrigen politischen Ansichten, unter Misskennung der industriellen Verhältnisse und unter banger Furcht vor der Zukunft eine Tat begingen, die ihnen als gerecht und notwendig vorkam, die aber dem schon geläuterten Verstande und noch mehr dem strengen Gesetze als grobes Verbrechen erscheinen musste. Indem ich nun den Quellen des Übels nachgespürt, reiheten sich mehrere Generationen jenes Bergvölkleins vor meinem Blicke; treulich gab mir die Erinnerung Bericht über ihre Lebensweise und Denkart. (…) So erhielt ich ein Gemälde von Wahrheit, und die vorliegenden Schilderungen dürfen keineswegs als Gebilde der Poesie gelten. (…)

Wenn eine meiner Hauptabsichten (…) ist, den vom Unglück Betroffenen milde Beurteilung (…) zu verschaffen, so geht eine andere Hauptabsicht darauf hin, heilsame Belehrung zu verbreiten und dies einerseits unter meinen näheren Landsleuten selbst, andererseits aber unter denjenigen, die auf das Schicksal dieser Leute Einfluss üben mögen. (…) Da kommen wir auf die Hauptquelle des Unglücks bei Uster: es ist die unglaubliche Versäumnis, die im Schulwesen stattgefunden hatte und die den lächerlichsten Vorurteilen und Ansichten Raum gab. (…) Mache man die unteren arbeitenden Klassen mit der Erdkunde, mit der Geschichte bekannt, die törichten Ansichten werden bald verschwinden. Wahrlich die Bergländer des Kantons Zürich sind von guten natürlichen Anlagen keinesfalls entblösst: Herz und Verstand sind empfänglich. Möge darum mit immer grösserem Eifer die Volksbildung gefördert werden."

Das Theaterstück trug tatsächlich zur sehr direkten und handfesten Belehrung weiter Kreise bei, auch ausserhalb des Kantons. Doch schliesslich ging es vergessen. Noch einmal, 1988, kam es zu einem Revival. Aber nicht als Theater, das Drama wurde zum fünfteiligen Hörspiel umgeschrieben.

Schicksalsbruder und Zeitgenosse

Im selben Jahr 1836, als "Der Brand von Uster" gedruckt wurde und erstmals auf eine Bühne kam, erschien im relativ nahen Glarus ein anderes Buch, das ebenso rasch hätte erfolgreich und bahnbrechend werden sollen. Aber zwei Jahre später wurde es zusammen mit dem eben herausgekommenen zweiten Band verboten und konfisziert. Es war das Werk von Heinrich Hössli: "Eros. Die Männerliebe der Griechen; ihre Beziehungen zur Geschichte, Erziehung, Literatur und Gesetzgebung aller Zeiten." Hössli war ein Schicksalsbruder von Jakob Stutz. Doch statt daran lebenslang zu leiden, erkannte er, dass dieser Eros nicht Schicksal, sondern Natur, Teil seiner Natur war und weder Krankheit, Verbrechen oder gar Sünde sein konnte. Diese Erkenntnis zu veröffentlichen kostete Hössli die Existenz. Er starb arm und ausgestossen. Jakob Stutz wurde mit seinen Schriften berühmt. Doch das Ausleben seines Schicksals machte ihn zum Geächteten und Verbannten, auch er starb arm und verstossen. Es ist kaum anzunehmen, dass diese beiden "Artgenossen" etwas voneinander wussten.

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