Newsletter 195

März 2026

Diese Ausgabe enthält das folgende Thema:

  • Die Frage, wie Menschen zusammenleben wollen, ist nie endgültig beantwortet

     

Die Frage, wie Menschen zusammenleben wollen, ist nie endgültig beantwortet

hpw. "Es gibt eine Zeit vor der Telearena 1978 und eine Zeit danach", so zitiert die Künstlerin und Soziologin Nina Wakeford Veronica Minder, die Regisseurin des Films "Katzenball". Sie fügt hinzu: "Die Sendung war eine Art Stonewall-Moment für die Schweiz." Die Diskussions­sen­dung des Schweizer Fernsehens zum Thema Homosexualität war bahnbrechend. An der Biennale 2026 ist sie Thema des Schweizer Pavillons. Ich sprach mit Luca Beeler, Dani V. Keller und Nina Wakeford, drei Vertreter:innen der Künst­ler:innengruppe des Projekts "Unfinished Business of Living Together".

Zum ersten Mal vergab die Schweizer Kultur­stiftung Pro Helvetia den Auftrag zur Gestaltung des Bei­trags an der Biennale Venedig über einen Open Call. Die sechs Kunst­schaffen­den Gianmaria Andreetta, Luca Beeler, Dani V. Keller, Miriam Laura Leonardi, Yul Tomatala und Nina Wakeford wagten sich und gewan­nen die Ausschreibung. Im März 2025 fiel die Entscheidung. "Das ist abso­lu­ter Wahn­sinn. Wir erstel­len dieses Pro­jekt in einem Sprint", meint Nina Wakeford. Sie hätten ihre Jobs  und alles bei­sei­te legen müssen, weil sie so sehr an dieses Pro­jekt glaub­ten.

Die Weltlage beeinflusst das Projekt

Die Stimmung habe im letzten Jahr gedreht. Nina stellt fest:

"Wir sehen sicher im Verei­nig­ten König­reich, wie Gelder für Uni­ver­si­täten mit guten Diver­si­täts-Pro­gram­men gekürzt wur­den. Ich will als Aussen­stehende kein unquali­fi­zier­tes Urteil über die Schweiz abgeben, aber viel­leicht haben diese Ver­schie­bungen in der Welt­poli­tik auch einen nega­ti­ven Ein­fluss auf die Finan­zierung unseres Pro­jekts"

Luca doppelt nach:

"Was man wohl all­ge­mein sagen kann: Man spon­sert heute lieber Sport. Da gibt's keine Dis­kussionen. Aber mit unserem Pro­jekt tun wir genau das Gegen­teil. Wir bleiben bei den Pro­blemen und unsere Arbeit soll zu Dis­kussionen führen."

So sind wir mitten drin in der Frage, wie eine Fernseh­sendung, die vor knapp 50 Jahren über die Bild­schirme der neutralen Schweiz flimmerte, zum Fokus­punkt des Schweizer Bei­trags zu einem so wich­tigen Kultur­ereignis wie der Biennale Venedig werden konnte. "Es geht nicht mehr nur um den Tele­arena-Moment als Artefakt, als ein Ereignis, das abge­schlossen in der Vergangenheit liegt. Solche Ereignisse sind sehr lebendig und gegenwärtig", sagt Dani V. Keller. Es sei seitdem viel bewegt und erreicht worden. Viele gingen davon aus, dass etwas Erreichtes für immer garantiert sei. Aber auch dazu gebe es unterschiedliche Perspektiven. "Wir stellen fest, dass gerade jetzt vieles wieder infrage gestellt wird". Nichts ist abgeschlossen, auch nicht die Art und Weise, wie wir zusammen leben. So ist es eben: The Unfinished Business of Living Together.

Alles steht im Kontext

Dani spricht die Ambi­valenz in ihrem Schaffen an.

"Wir arbeiten mit Video und in dem Sinne müssen wir selbst­kritisch sein, denn wir arbeiten natürlich mit allen Mitteln, mit denen das Fernsehen auch arbeitet, mit allen Mitteln der Inszenierung. Es ist eine Her­aus­for­derung, dass wir gleich­zeitig ein bisschen ver­führen und kri­tisch hinschauen."

An der Biennale bespielen verschiedene Länder Pavillons neben einander. "Man beginnt Länder miteinander zu vergleichen. Wo stehen diese Länder mit der Kunst? Das ist ein extrem inter­es­santes Umfeld, das vor allem auch Probleme schafft. Aber es sind inter­es­sante Probleme", meint Dani. Neben dem Schweizer Pavillon stehe zum Beispiel der Pavillon von Venezuela, der nun geschlossen bleibe. Auch der russische wird nicht geöffnet sein. Der US-Pavillon werde extrem politisiert von der ultrarechten Seite. Dani erklärt weiter:

"Wir spiegeln in unserer Ausstellung die Frage zu­rück ins Pub­li­kum: Wo stehen wir? In wel­chem Kon­text bewegen wir uns? - und dies in einem inter­na­tio­na­len Kontext, in dem es ganz viele Länder gibt, wo so eine Sendung wie die Telearena von 1978 nachwievor absolut unmöglich wäre. Es ist also auch die Frage, unter welchem Blickpunkt wir die Sendung heute anschauen und in welchem Kontext."

Oder wie Luca es formuliert: "Wenn wir diesen Pavillon gestalten, müssen wir immer im Hinter­kopf behalten, welche Dynamiken an der Biennale bestehen." Dies beziehe sich auch auf die Tele­arena selbst. Es gibt die Kri­tik an der Aus­wahl der Gäste oder dem Aus­gren­zen der les­bischen Frauen. "Doch es hat viele Bemü­hungen gege­ben, um der Sache gerecht zu werden. Es ist natür­lich nicht so schwarz und weiss."

"Eine Art Homosexuelle Arbeitsgruppe"

Es ist eine sehr diverse Gruppe, die sich für das Biennale-Projekt zusammen­gefunden hat, wie die Kurz-CVs auf der Pro-Helvetia-Web­site zeigen: Gianmaria Andreetta ist ein Schrift­steller und Kura­tor aus Lugano, der in Berlin lebt. Luca Maria Beeler, gebo­ren 1985, ist ein in Zürich ansässiger Kura­tor. Als Direktor der Stadt­galerie Bern entwickelte er ein for­schungs­orien­tiertes, auf Kunst­schaffende aus­gerich­te­tes Pro­gramm. Miriam Laura Leonardi, geboren 1985, ist Künst­lerin und Dozentin im Bachelor of Fine Arts an der Kunst­hoch­schule École cantonale d’art de Lausanne ECAL. Ihre multi­mediale Praxis artikuliert sich in orts­spezi­fischen Instal­la­tio­nen, Skulpturen und Videos. Lithic Alliance ist "ein mehr-als-menschliches Kollektiv", das von Dani V. Keller, geboren 1987, ins Leben gerufen wurde. Es erforscht "mit der Lithosphäre mineralische Energien, Vibrationen und queere Korrespondenz". Dani lebt in Zürich und Brüssel. Yul Tomatala, geboren 1993, ist ein in Genf ansässiger Künstler. Seine Instal­lationen verweben Skulptur, Fotografie und Video. Er beschäftigt sich ein­gehend mit der Entropie der Moderne und der Rolle der Erinnerung in modernen Gesell­schaften. Nina Wakeford, geboren 1968, ist Künst­lerin, Sozio­login und Kunst­dozentin an der Gold­smiths, University of London. Sie hat kürz­lich ihre umfang­reichen Oral-History-For­schungen in der Schweiz für ihre Aus­stellung Concrete Comeback ⚣⚢ Arms Are For Linking abgeschlossen.

Ich bin neugierig, wie diese sechs Kunstschaffenden unter­schied­licher Genera­tionen, wie auch unter­schied­licher geo­gra­fischer, gesell­schaft­licher und künst­lerischer Her­kunft zusammen­fanden. Die Frage löst Heiterkeit aus. "Nicht auf Grindr, das kann ich dir versichern", lacht Nina. Mit Blick auf das historische Umfeld der Telearena schiebt Dani nach: "Nein, wir haben uns natürlich über eine Annonce im HAZ-News gefunden."

Alle hätten schon in ver­schie­denen Kon­stel­la­tionen zusammen­gear­bei­tet, sagt Luca, und für ihn per­sönlich sei durch diese früheren Pro­jekte klar geworden, dass seine Arbeit mit Nina noch nicht abgeschlossen sei. Zuerst war da eine Aus­stellung, die Luca zusammen mit Gianmaria kuratierte. Daran war auch Richard John Jones, ein nieder­ländischer Künstler, beteiligt. Er brachte Nina in die Gruppe, denn auch sie beschäftige sich mit Archiven und damit, wie diese zum Leben erweckt werden können.

"Daraus entstand eine Einzel­aus­stellung in Bern, bei der Dani eine wichtige Rolle spielte. Und dann luden wir Yul und Miriam ein", so Luca. Nina ergänzt: "Dani und ich arbeiteten in Bern für ein Projekt zusammen, aber auch bei Goldsmith als Dani in London lebte." Viele Berührungspunkte, unter­schied­liche Zusammen­arbeiten. "Wir sind definitiv eine Arbeits­gruppe, kein Kollektiv."

Die Rollen seien fluid, sagt Luca. Es sei nicht immer klar, wo die künstlerische Arbeit ende und die kuratorische Aufgabe oder vielleicht das persönliche Engagement beginne.

Nina dazu:

"Das ist wohl so bei Arbeitsgruppen. Das erinnert mich daran, als ich die Archive der Homosexuellen Frauengruppe Zürich durchforstete. Irene Schweizer, die als Sekretärin Briefe schrieb an Frauen, die ver­zwei­felt um Hilfe baten. Das waren Arbeits­grup­pen und jede Person über­nimmt eine Rolle inner­halb der Gruppe, ohne dass man bei allem glei­cher Meinung sein muss. Aber eines ist klar: Wir sind alle der Mei­nung, dass wir den Pavillon machen.

Eigentlich sind wir also eine Art Homo­sexuelle Arbeits­gruppe. Jede:r bringt, was sie:er beitragen kann: einen Foto­kopierer, einen Stift und uns und wir versuchen, einen Pavillon an der Biennale zu bespielen."

Oder wie es Pro Helvetia in einem Social-Media-Post schreibt:

"The exhibition is the result of collaborative artistic and curatorial work. Each member of the group contributes their own expertise, and layers of complexity."

Der Stonewall-Moment der Schweiz

2024 erkundete Nina Wakeford in ihrer Aus­stellung "Concrete Comeback ⚣⚢ Arms Are For Linking" in der Stadt­galerie Bern die Schnitt­stellen zwischen der zivilen Verteidigungs­infra­struk­tur der Schweiz aus der Zeit des Kalten Krieges und den Befreiungs­kämpfen regionaler LGBTQ+-Gemein­schaften. Dafür sprach sie auch mit Veronica Minder, der Regisseurin des Films "Katzenball" aus dem Jahr 2005, in dem die letzten 70 Jahre der Schweiz aus der Sicht von frauen­liebenden Frauen erzählt werden. "'Hast du die Telearena 1978 gesehen?', fragte sie mich. Ich antwortete: Nein, was ist Telearena?", sagt Nina. Sie solle die Sendung anschauen. Es gebe eine Zeit vor dieser Sendung und eine danach. Nina fährt fort:

"Und daraus ent­stand das heutige Projekt. Ich war eine Out­siderin in Bezug auf die Schweiz, mein Wissen über die Geschichte der Schweizer Lesben und Schwulen war aber aufgrund meiner Recher­chen in­zwischen ziemlich gut und für mich war klar: Diese Tele­arena war für die Schweiz eine Art Stonewall-Moment. Der Moment, in dem Protest sichtbar wurde." 

Es sei wichtig, dass jetzt, fast zwei Generationen später daran erinnert werde, wie ausgeprägt Homophobie damals war.

"Die zweite Sendung, die sich mit Homo­sexualität befasste, war die französisch­sprachige Agora. Sie entstand mitten in der beginnenden Aids-Krise. Aber Aids wurde mit keinem Wort erwähnt. Diese Themen haben für uns eine sehr persönliche Bedeutung, daher ist das Projekt auch etwas sehr Persön­liches."

Die Geschichte neu gestalten

Seit der Nomination für die Biennale in Venedig arbeiteten die Künstler:innen aktiv mit den Lesben und Schwulen, die damals an der Telearena und der Agora beteiligt waren, zusammen. Dani sagt dazu:

"Ich traf viele Zuschauer, haupt­säch­lich schwule Männer, und führte Interviews. Dabei kam ich mit verschie­denen Erfahrungen in Kontakt, darunter auch sehr persönlichen. Ich begann, das Ganze in den Kontext zu setzen, wie Medien unsere Wahr­nehmung bestimmter Charaktere, Persön­lich­keiten oder performa­tiver Verhaltens­weisen prägen. All das habe ich in einem Video verarbeitet, in dem eine nonbinäre Drag-Persona durch verschie­dene Szenarien, Szenen und Räume führt.

Auf dieser Reise bewegt sie sich in einer ambi­valenten Position zwischen dem, was sie repräsen­tiert, und der Struktur der medialen Verflachung ihrer Charaktere. Sie hinter­fragt die Tiefe, die uns durch Medien vermit­telt wird, aber auch die Substanz der Medien selbst sowie die medialen Darstellungs­formen und Räume, in denen sie Menschen beein­flussen." 

Es stellten sich Fragen danach, wie wir Gemeinschaft orga­ni­sie­ren und wie wir mit den ver­schie­denen Unter­gruppen umgehen, aber eben auch wie wir die Beziehungen zwischen den Genera­tionen gestal­ten. Seit der Ausstrahlung der Sendung sind fast 50 Jahre vergangen. Auch die damalige Bild­quali­tät ermög­licht einen distanzierteren Blick auf das Geschehen. Daraus ergäben sich Fragen dazu, wie denn die aktuellen Techno­lo­gien unsere Wahr­nehmung von vul­nerab­len Gruppen präge, so Dani.

Nina stellte in der Aus­stellung in der Stadt­galerie Bern das queere Leben in den Kontext des kalten Krieges und der Schweizer Zivil­schutz­bunker. Die Bunker seien quasi in Beton gegossene Welt­politik, sagt sie. So bestimme die Welt­politik die Innen­politik und dadurch das per­sön­liche Leben der einzelnen Men­schen mass­geb­lich. Für das Biennale-Projekt besuchten die Beteilig­ten auch die SRF-Studios. "Was mich dabei besonders beein­druckte, war die schiere Komp­lexität dessen, was hinter der Bühne abläuft, um ein Fernseh­bild zu erzeugen", erklärt Nina. So beeinflusse die Techno­lo­gie und deren Komp­lexität, wie unser Leben dar­gestellt werde.

In der Telearena 1978 waren zwar lesbische Frauen anwesend. Der Moderator schenkte ihren Anliegen aber kaum Beachtung. Stattdessen geriet er mindestens einmal mit einer Teilnehmerin in eine wüste Auseinandersetzung. "Ich glaube, manche von uns möchten Geschichte so erfinden, wie wir sie uns gewünscht hätten." Nina führte Gespräche mit lesbischen Teilnehmerinnen, die noch sehr aktiv seien. Klar sei, dass die Stimmen der Frauen nicht aus den Archiven hörbar gemacht werden könnten, weil sie in der Telearena nicht gehört wurden.

"Also dachten wir: 'Okay, vielleicht wäre es schön, einen kurzen Moment der Gruppe lesbischer Frauen aufzunehmen und ihn in das Stück einzubauen.' Ich denke, das ist ein Beispiel für den künstlerischen und kuratorischen Konsens, Dinge hinzuzufügen und zu erfinden, die nicht Teil der etablierten Geschichts­schrei­bung sind. Das war für unsere Künst­ler:innen­gruppe spannend: Wir gestalten die Geschichte neu. Wir formen den Staat neu. Wir formen den Modera­toren neu. Wir formen den Sprecher neu. Wir formen das Fernseh­studio oder den Bunker neu. All diese Dinge können neu erfunden, nicht nur sentimental betrachtet werden. Ich meine, wir nehmen uns die künst­lerische Frei­heit dazu. Ob uns jemand glaubt oder nicht, das entscheidet das Pub­likum."

Dani fügt dem hinzu:

"Wir liefern keine fertigen Lösungen für bestimmte Fragen, sondern eher Vor­schläge oder, wie ich finde, erfinden wir neue Fragen durch unsere Produk­tionen. Im Grunde geht es darum, die Geschichte aus einem anderen Blick­winkel zu sehen und andere Sicht­weisen vorzu­schlagen."

"Es ist 'unfinished business' und wir schlagen keine Lösung vor, die das Problem löst. Wir schlagen eine Lösung vor, die das Problem weiterhin bestehen lässt", präzisiert Nina.