Newsletter 183

März 2025

Diese Ausgabe enthält die folgenden Themen:

  • 20-Jahre QueerOfficers Switzerland: neue Inhalte auf unserer Website

  • Vorankündigung GV Verein schwulengeschichte.ch am Dienstag, 20.05.2025

 

20-Jahre QueerOfficers Switzerland: neue Inhalte auf unserer Website

dbr. Vor einiger Zeit erhielt die Redaktion von schwulengeschichte.ch eine Chronik von QueerOfficers Switzerland zugesandt, erstellt vom früheren Vereinspräsidenten Beat Steinmann. Die Gliederung - eine nüchterne Auflistung von Fakten - entsprach dem Umfeld Militär. Für unsere Website fand ich eine solche Auflistung aber nicht passend. So machte ich mich auf die Suche nach Geschichten und Hintergründen. Sie sind jetzt auf unserer Website zugänglich.

Die Chronik lieferte einerseits eine gute Grundlage. Darauf konnte ich aufbauen. Andererseits ist das Militär eine wichtige Organisation der Schweizer Gesellschaft. (Fast) jeder männliche Bürger wird mit ihr konfrontiert. Das gilt auch für mich. Grund genug, mich daran zu setzen und die Geschichte von QueerOfficers Switzerland aufzuarbeiten.

Mit Gründungsjahr 2005 ist der Verein zwar noch jung. In der Geschichtsschreibung gibt es die Regel, die jüngsten zehn Jahre nicht zu beschreiben. So bleiben uns nur wenige Jahre des Wirkens von QueerOfficers, die wir derzeit abbilden können. In dieser kurzen Zeit hat der Verein aber so viel bewegt, dass es sich lohnt, seine Geschichte zu erzählen.

Warum gerade ich diese Aufgabe übernahm, war mir selbst nicht klar. Zum Militär, zu Waffen und der gewaltsamen Lösung von Konflikten hatte ich schon immer ein ambivalentes Verhältnis. Bereits in der Oberstufe hielt ich einen Vortrag über Gandhi und sein Konzept des gewaltlosen Widerstandes. Es interessierte mich brennend, wie der Mensch Konflikte lösen kann, ohne Gewalt anzuwenden. Ich war später auch dabei, als es um eine Schweiz ohne Armee ging. Ich sah und sehe aber auch, dass bei vielen Angriffen in der Welt eine bewaffnete Verteidigung Menschenleben rettet und auch manchmal Leid abwendet.

Seit geraumer Zeit beschäftigen uns die Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten. Da fällt es schwer, zu denken, das gehe uns alles nichts an und wir würden schon irgendwie schadlos davonkommen. Zu nahe sind die Konflikte und zu stark verschieben sich gerade Gewissheiten, dass sie uns nicht betreffen würden.

Die Armee, ein wichtiges Thema für die Schweiz

Meine Militärzeit hatte ich nach Rekrutenschule und ein paar Wiederholungskursen mithilfe einer psychiatrischen Ausmusterung beendet. Dass ich schwul bin, war mir damals noch nicht bewusst. Ich hatte ein grosses Unbehagen und fühlte mich machtlos. Erst der Entscheid, kein Essen mehr zu mir zu nehmen, brachte mir die Selbstbestimmung zurück. Die Hilflosigkeit der Organisation dieser Situation gegenüber führte schliesslich zur Befreiung vom Militärdienst.

Aber auch dies oder vielleicht gerade dies befreite mich nicht davon, die Schweizer Armee als eine wichtige Organisation in meinem Leben zu betrachten. Vielleicht wollte ich mit der Aufarbeitung der Geschichte von QueerOfficers auch gerade für mich selbst Antworten auf Fragen bekommen. Das Resultat ist nun neu auf unserer Website zu finden - pünktlich zum 20-jährigen Bestehen des Vereins.

Ich bin dabei auf einige spannende Fragen gestossen. Diejenige nach dem Sinn von bewaffnetem Widerstand und damit nach einer Armee war allerdings nicht dabei.

Fragen zum Selbstverständnis von QueerOfficers Switzerland

Zum Beispiel kam die Frage auf, ob es richtig ist, dass ein Verein, der die Akzeptanz von Homosexualität in der Armee zum Ziel hat, nur die Elite, das heisst Offiziere aufnimmt. Seit 2013 gibt es zwar für alle Armeeangehörigen die Möglichkeit, sich am Verein zu beteiligen. Vorher war es aber gewollt, dass sich die Mitgliedschaft nur auf Offiziere beschränkte. Zum Teil war dies wohl ein Ausdruck des Selbstverständnisses der Gründer. Sie waren alle Offiziere und orientierten sich an bestehenden Offiziersgesellschaften. Dass sich Offiziere organisierten und dabei oft unter sich blieben, hatte Tradition.

Ein anderer Grund war die Hoffnung, so habe ich nun erfahren, dass in einer stark hierarchischen Organisation eine Offiziersgesellschaft schneller Akzeptanz mit ihren Anliegen finden würde. Die Botschaft war: QueerOfficers Switzerland sind keine Gegner der Armee sondern bereit, Verantwortung zu übernehmen und die hierarchischen Regeln einzuhalten. Das sollte Vertrauen bei der Führungsebene der Armee schaffen.

Durch die Nähe der Dienstgrade bestanden zu vielen Personen der Armeeführung bereits Beziehungen, die für die Arbeit genutzt werden konnten. Und schliesslich hat die Beschränkung auf Offiziere wohl auch mitgeholfen, gemeinsame Ziele und Vorgehensweisen zu definieren, ohne lange, basisdemokratische Diskussionen führen zu müssen.

Wie unabhängig kann eine Offiziersgesellschaft queere Anliegen vertreten?

Eine andere Frage war die nach der nötigen Distanz und der Unabhängigkeit der Organisation. Inwieweit kann man dem Verhalten von Armeeangehörigen kritisch gegenüber stehen, wenn man selbst ein Teil der (obersten) Führung ist? Diese Frage ist schwer zu beantworten, denn es gibt keine Vergleichsmöglichkeit mit Vereinigungen, die anders organisiert sind. Mit dem Outing, das Mitglieder bei öffentlichen Auftritten oder Vorstandsmitglieder durch ihre Nennung mit Bild auf der QueerOfficers-Website machen, werden diese ein Stück weit zu Identifikationsfiguren. Sie zeigen eine Facette von sich, die im Militärbetrieb sonst nicht sichtbar wird. Das kann Hemmschwellen abbauen und schafft durch die Sichtbarkeit Akzeptanz. 

Zu den Angeboten von QueerOfficers gehört auch Beratung. Sie wird selten in Anspruch genommen. Das kann daran liegen, dass die Probleme in der Armee nicht so gross sind, von den offiziellen Stellen aufgenommen und gelöst werden. Vielleicht weist diese Tatsache aber auch darauf hin, dass die Distanz zu hohen Chargen für Soldaten eben doch (zu) gross ist oder der Vereinigung nicht genug Distanz zum Militärbetrieb zugetraut wird. Das bleiben allerdings Spekulationen.

Die Nähe zur Armeeführung war für die Anliegen der QueerOfficers Switzerland ein entscheidender Vorteil. Die Forderung nach Diversity Management und die Kontrolle, ob dieses auch gelebt wird, gelangte über die Beziehungen, die über die Offiziersstrukturen schon bestanden, sehr schnell zu den Entscheidungsträgern. Oft hatten diese ein offenes Ohr und so konnten rasche und grundlegende Veränderungen geschehen.

Warum gefällt einem ein Umfeld, in dem man sich verstecken muss?

Die dritte Frage, die mich beschäftigte, war ganz persönlicher Natur: Wie kann jemand, wie der ehemalige QueerOfficers-Präsident Beat Steinmann, der mein Interviewpartner war, von einer Organisation begeistert sein, in der er sein Schwulsein verstecken musste?

Im TA-Media-Artikel vom 1. September 2021 "Homosexuelle im Militär - Er hat bei Schwulenwitzen mitgelacht - und dann die Armee verändert", steht dazu:

"Sich zu outen, wäre ihm bis in die Nullerjahre nie in den Sinn gekommen. 'Meine Karriere wäre wohl vorbei gewesen. Ziemlich sicher.' Er wäre nicht mehr befördert worden, vielleicht hätten sie ihn sogar unehrenhaft medizinisch entlassen. Es gab damals einen medizinischen Code fürs Schwulsein, den die Ärzte ins Dienstbüchlein eintrugen. Trotz allem war Aufhören für ihn nie eine Alternative, zu gut gefiel ihm die Arbeit im Militär."

Auch im Gespräch mit mir betont Beat Steinmann, seine Arbeit habe ihm so viel Freude gemacht, dass er die Nachteile in Kauf genommen habe. Der Unterschied zum Zivilleben sei für ihn auch nicht so gross gewesen. Für ihn stellte sich deshalb die Frage nicht, ob er nicht besser woanders Karriere machen sollte.

Schliesslich kämpften das Militär wie auch die Gesellschaft im Allgemeinen mit denselben blinden Flecken und Vorurteilen - was beim Milizsystem der Schweizer Armee nicht überrascht. Zu der Zeit, als man im Militär seine Homosexualität verstecken musste, war es auch in weiten Teilen der Gesellschaft, in der Wirtschaft oder im Sport etwa, nicht angezeigt, zu seiner Homosexualität zu stehen. Beat Steinmann war vom Militär begeistert. Da nahm er in Kauf, seine Homosexualität zu verstecken, schliesslich hätte er dies auch in anderen Arbeitsumgebungen tun müssen.

QueerOfficers Switzerland

Die Geschichte von QueerOfficers, die nun auf unserer Website zu lesen ist, beruht auf Erzählungen von Beat Steinmann und auf Zeitdokumenten. Beat war von 2007 bis 2017 Präsident des Vereins. Ihm gebührt ein grosser Dank auch dafür, dass er Dokumente und Bilder zur Verfügung stellte, die die Geschichte untermauern und bereichern.

Viele QueerOfficers treten heute öffentlich auf. Auch queere Menschen im Militär, die nicht dem Verein angehören, outen sich öfter als noch vor zwanzig Jahren. Das ist gut so und mit ein Verdienst von QueerOfficers Switzerland.

Trotzdem erleben queere Menschen im Militär nach wie vor Diskriminierungen. Das ist nachzulesen im Studienbericht "Diskriminierung und sexualisierte Gewalt aufgrund des Geschlechts und/oder der sexuellen Orientierung in der Schweizer Armee", den die Schweizer Armee in Auftrag gegeben hat. Unten findet sich ein Link zur Studie, einer Zusammenfassung und weiteren Informationen. Dazu mehr in einem späteren Newsletter.

Am 24. März 2025 kann der Verein QueerOfficers Switzerland das 20-jährige Jubiläum feiern. Schwulengeschichte.ch gratuliert ganz herzlich und wünscht weiterhin viel Erfolg bei den vielfältigen Tätigkeiten.

Vorankündigung GV Verein schwulengeschichte.ch am Dienstag, 20.05.2025

hpw. Der Trägerverein dieser Website lädt alle Mitglieder zur jährlichen Generalversammlung am Dienstag, 20. Mai 2025 um 18.30 Uhr im Kulturhaus Helferei, Kirchgasse 13, 8001 Zürich. Newsletter-Abonnenten, die noch nicht Mitglied sind, können dies bis im Mai noch werden oder auch direkt an der GV ihren Beitrag bezahlen.

Generalversammlungen sind das zentrale Mitentscheidungsorgan eines Vereins. Neben den vorgeschriebenen Traktanden können hier auch Ideen zur Weiterentwicklung der Website diskutiert und initiiert werden. Der Vorstand des Vereins schwulengeschichte.ch freut sich auf euer Erscheinen!