Newsletter 194

Februar 2026

Diese Ausgabe enthält die folgenden Themen:

  • Buchempfehlung "Thomas Mann, ein Leben"

  • Unsere Geschichte im Display Magazin

  • Milchbälle beleben die Tradition der KREIS-Bälle neu

  • Vormerken: 12. Mai 2026 Generalversammlung schwulengeschichte.ch

   

hpw. In diesem Newsletter publizieren wir eine Buch­empfehlung für die Bio­grafie "Thomas Mann, ein Leben" von Tilmann Lahme. Wir danken David Streiff für den brillanten Text.

Mit diesem Beitrag möchten wir den News­letter um eine neue Ru­brik erwei­tern und in unregel­mässigen Abständen Hinweise auf herausragende Bücher veröffentlichen, die sich mit dem Thema Homo­sexuali­tät beschäftigen und eventuell einen neuen Blick­win­kel eröffnen. Wir laden unsere Abonnenten hiermit ein: Sendet uns eure Texte zu interessanten Büchern, Sach­bücher oder Belle­tris­tik, an: info@schwulengeschichte.ch

Buchempfehlung "Thomas Mann, ein Leben"

Ein Text von David Streiff

Dass Thomas Mann zeit­lebens unter seinem, wie man das damals nannte, konträren Begehren litt, war ein offenes Geheim­nis schon zu seinen Leb­zei­ten, auch wenn es ein Tabu blieb. Dabei sprechen seine wich­tigsten Erzäh­lungen und Romane, manch­mal ver­steckt, man­chmal ver­blüffend deut­lich von seinem Begehren: "Tonio Kröger", "Der Tod in Venedig", "Der Zauberberg", "Joseph und seine Brüder", "Doktor Faustus" und schliesslich "Felix Krull".  

Auch nach dem Erschei­nen seiner Tage­bücher, in denen oft Stellen zu finden sind, in denen Thomas Mann von seinen sexuellen Qualen spricht, galt es als unfein, davon aus­führ­licher zu sprechen. 

Seither haben sich die Zeiten geändert. Erste wissen­schaft­liche Auf­sätze erschienen noch in den Neun­ziger­jahren, vor unge­fähr zehn Jahren erzähl­ten mehrere Arti­kel von Manns letzter Liebe, dem damals jungen Kellner im Dolder, Franz Westermeier.

2013 erzählte Hans Pleschinski im Roman "Königs­allee" von Manns Liebe zum jungen Klaus Heuser, 2021 beschäf­tigt sich Colm Toibin in Roman­form mit Manns homo­ero­tischem Begehren ("Der Zauberer"). Martin Frank, berühmt für "De Fögi isch en Souhung", erdach­te sich 2021 in "Venedig, 1911" Tadzio, den Knaben aus dem Tod in Venedig, als Stricher neu, und auf Manns 150sten Geburts­tag hin erschie­nen noch­mals Bücher zu diesem Aspekt: eines davon ist das 2024 erschie­nene Buch von Oliver Fischer "Man kann die Liebe nicht stärker empfinden" zur Jugend-Freund­schaft zwischen Thomas Mann und Paul Ehrenberg.

Das zweite, weitaus gewich­tigere in Umfang und Bedeu­tung - das Buch, um das es hier geht - stammt von Tilmann Lahme, der sich schon lange mit Publi­ka­tionen zur Familie Mann ver­dient gemacht hat. Es sind: 2009 "Golo Mann, eine Bio­gra­phie", 2015 "Die Manns, Geschich­te einer Fami­lie", und 2016 "Die Briefe der Manns, ein Familien­por­trät".

Nun also hier seine Bio­gra­fie, 2025 erschie­nen und ein Spiegel-Best­seller. Sie trägt den schlich­ten Titel "Thomas Mann, ein Leben", woraus deut­lich wird: es ist nicht eine ergänzende weitere Bio­gra­fie, sondern etwas mit dem grossen Anspruch, DIE gültige Bio­gra­fie zu sein nach den vielen, die es schon gibt.

Manns Homosexualität als Kern der Lebensleistung

Das Neue darin ist, dass Lahme darin EIN Thema im Leben und Werk heraus­arbei­tet und zum Kern der Lebens­leis­tung von Thomas Mann erklärt, und das ist seine Homo­sexuali­tät. Er zeich­net den Weg nach, den Mann mit seiner schwulen Veran­la­gung gegangen ist, und wie sehr er im Schreiben Mög­lich­keiten sah, seine Gefühle zu ver­arbei­ten.

Lahme zeigt auf, dass der junge Thomas Mann sich völlig klar war über seine Neigung, aber dann jene Schritte zu machen bereit war, die ihn gesell­schaft­lich retteten und zur Gründung einer Familie führten, mit allen Verzichts­leistungen und Belohnungen, die sich daraus ergaben.

In den ersten Kapiteln des Buches beschäftigt Lahme sich mit der Korrespon­denz zwischen Thomas und Heinrich - Thomas, der bei seinem älteren Bruder Rat sucht, und Heinrich, der für Thomas' Prob­leme nur Ableh­nung und Spott übrig hat. Mehr Hilfe bekommt Thomas von seinem Mit­schüler Otto Grauthoff. Denn dieser em­pfin­det eben­falls die "ver­wirrende Liebe zu Menschen des eige­nen Geschlechts". Zur Auf­klärung über ihre Gefühle dient der damalige Best­seller "Psychopathia sexualis" von Richard von Krafft-Ebing, der in der zweiten Auflage von 1889 der "conträren Sexual­empfin­dung" ein aus­führ­liches Kapitel widmet. Die beiden Betroffenen müssen erkennen, dass sie zu den "Stief­kindern der Natur" gehören, und müssen Strategien finden, damit umzu­gehen.

Spätestens ab hier ist der interessierte Leser, und dazu gehören die Abonnenten des News­letter von schwulengeschichte.ch, gefesselt und gefangen durch Lahmes Erkennt­nisse und seine brillante Art, sie aus­zu­brei­ten und in grössere Zusammen­hänge zu stellen, und wird das Buch nicht weg­legen, ohne es zu Ende gelesen zu haben.

Aufräumen mit dem Verharmlosen

Das hat auch damit zu tun, dass Lahme, im Wissen um die älte­ren grossen Bio­gra­fien von Klaus Harpprecht und Hermann Kurtzke, sich hier auf Thomas Manns unaus­geleb­te Homo­sexuali­tät fokussieren und auf alle Abgründe hin­weisen kann, die er in seinem öffent­lichen Auf­tre­ten cachiert hatte. Bei aller Genauig­keit in der Nutzung von Quellen steckt in diesem Buch ein gewisser Furor, der auf­räumt mit allem Ver­schwei­gen und Ver­harm­losen.

Im Auf­decken dieser Wider­sprüche zeigt Lahme auf, wie es aus­gerech­net diese Doppel­deutig­keiten und Ver­steck­spiele sind, die das litera­rische Werk von Thomas Mann zu einer so lohnenden Lek­türe machen. Daniel Kehlmann in der Besprechung des Buches (Die Zeit, 5.6.25) schreibt: "Das offene Geheim­nis, das natür­lich auch für seine Familie nicht im Mindesten geheim war (und vermut­lich auch nicht für viele homo­sexuelle Leser), wurde zum vitalen Glut­kern seiner Kunst, zu ihrem Lebens- und Kraft­kern."

Kehlmanns Rezen­sion schliesst mit einer Empfeh­lung: "Lahmes Werk ist eine der packendsten Künst­ler­bio­grafien über­haupt, eine grandiose Lebens­erzählung, in der uns der 'Zauberer' zum ersten Mal als tragische und wider­sprüch­liche Person ent­gegen­tritt. Man möchte, so denkt man beim Lesen immer wieder, trotz all seinem Genie und Erfolg nun wirk­lich nicht Thomas Mann gewesen sein. Unbedingt aber möchte man sein Werk lesen, jetzt mehr denn je."

Unsere Geschichte im Display Magazin

hpw. Im letzten Herbst kamen die Macher des Schwulen­magazins Display auf uns zu. Sie schlu­gen vor, in jeder Aus­gabe eine Seite unserer Geschich­te zu wid­men und mit unserer Web­site zu verlinken. Diese gross­artige Idee liessen wir uns nicht entgehen. Wir danken der Redak­tion von Display für ihre Unter­stützung!

Im aktuellen Heft werden die KREIS-Bälle beleuchtet, die damals Zürich zum Schwulen­mekka Europas machten. Das Thema passt zur Ball­saison von Silvester bis Fasnacht - und es hat einen weiteren Bezug zur Gegen­wart: Die Milch­jugend, laut Selbst­beschreibung "grösste Jugend­organi­sation für les­bische, schwule, bi, aro-ace, trans und inter­geschlecht­liche Jugend­liche und für alle da­zwischen und ausser­halb" nahm 2017 den Faden der KREIS-Bälle wieder auf.

Milchbälle beleben die Tradition der KREIS-Bälle neu

hpw. Kurz nach dem Ende des 2. Welt­krie­ges, im Jahr 1948 orga­nisierte DER KREIS den ersten Ball im Theater­saal des Restau­rants Eintracht, dem heu­ti­gen Theater Neumarkt, in Zürich. Die Anlässe nahmen über die Jahre immer grössere Dimen­sio­nen an. Ab 1957 fol­gten dann aber Jahre der Repres­sion mit Tanz­verbot, Ver­trei­bung aus der Stadt Zürich, letzt­end­lich dem Ende der Bälle und der Orga­ni­sa­tion DER KREIS. Seit 2017 erle­ben die KREIS-Bälle ein Revival in den Milch­bällen der Jugend­orga­ni­sa­tion Milch­jugend. Der Histo­riker Tobias Urech war damals Vor­stands­mit­glied dieser Orga­ni­sa­tion. Ich sprach mit ihm darüber, warum die queere Jugend die Tradition wieder­belebte.

Tobias Urech erzählt: "Wir orga­ni­sierten damals ja schon Partys. Die nannten wir Molke 7. Aber dann kam die Idee, es wäre doch toll, wir könnten auch mal 'schick' feiern, Frauen in Anzügen, Männer in glitzernden Ball­klei­dern oder wie auch immer." Der Kon­takt zum Neumarkt bestand zu diesem Zeitpunkt schon. 2016 hatte das Theater sein 50-jähriges Jubiläum als städtisches Schau­spiel­haus gefeiert. In diesem Rahmen soll­ten auch die KREIS-Bälle gewür­digt werden und daraus ent­stand eine Zusam­men­arbeit.

Der Kontakt zum KREIS

"Wir wurden wahr­schein­lich durch den Film Der Kreis auf die gleich­namige Orga­ni­sa­tion auf­merk­sam. Der Film erschien 2012 und war eine grosse Sache. Das war auch das Grün­dungs­jahr unserer Orga­ni­sa­tion. Zum ersten Mal wurde die queere Geschich­te in einem Film dar­ge­stellt", erinnert sich Tobias Urech. Damals zu Beginn der Jugend­orga­ni­sa­tion habe man sich mit den Vor­kämpfer:innen der queeren Geschich­te befasst, dies im Sinne des Community Buildings. "Das passierte weniger historisch moti­viert, sondern als Teil des Aktivismus."

Am Anfang steht immer eine Zeitschrift

Die Parallelen zum KREIS seien damals ziem­lich offen­sicht­lich gewesen. Was 2012 gegrün­det wurde, war ja noch nicht die Milch­jugend. Es war ein Verein, der die Zeit­schrift Milchbüechli heraus­geben sollte. Da habe sich der Bezug zum KREIS von selbst ergeben. Der Kreis sei ja auch zuerst mal eine Zeit­schrift gewe­sen, stellt Tobias Urech fest. Nach und nach seien neben der Zeit­schrift andere Aktivi­täten dazu gekommen. So kam es 2014 zur erste Milch­reise, zu der sich die Teil­neh­menden für ein Wochen­ende in ein Pfadi­heim zurück­zogen. Zum Programm­punkt Queer-History waren Röbi Rapp und Ernst Ostertag zu Gast. Florian Vock, heute im Vor­stand des Pink Cross, inter­viewte die beiden Zeit­zeugen.

Und wie der Kontakt zu Röbi und Ernst ent­stan­den ist? Offen­bar hatte Ernst Ostertag das Milchbüechli in die Hände bekommen. "Er schrieb uns in einem Mail, er freue sich darüber, dass wir den Akti­vismus wieder auf­leben lassen", wie sich Tobias Urech erin­nert.

Der zehnte Milchball

Am 13. Februar 2026 findet der zehnte Milch­ball statt - aus­nahms­wei­se nicht im Neumarkt-Theater sondern im Comedy-Haus beim Albis­rieder­platz in Zürich. Also hat selbst Corona dem Ereig­nis nichts anha­ben können. Auch in den Jahren 2020 und 2021 fanden Veran­stal­tungen statt. Tobias Urech rela­ti­viert: "2020 war es halt kein Ball. Die Gäste sassen mit Masken im Saal und ich führte als Mona Gamie auf der Bühne durch ein Podiums­ge­spräch. Aber es fand eine Veran­stal­tung statt."

Vormerken: 12. Mai 2026 Generalversammlung schwulengeschichte.ch

hpw. Die Generalversammlung unseres Vereins findet am Diens­tag, 12. Mai um 18.30 Uhr im Kultur­haus Helferei an der Kirch­gasse 13 in 8001 Zürich statt. Wei­tere Informa­tionen wer­den wir unseren Mit­glie­dern zukommen lassen.

Noch nicht Mitglied? Erfahre hier, wie Du unser Projekt unter­stützen kannst.