Newsletter 196

April 2026

Diese Ausgabe enthält das folgende Thema:

  • Vor 20 Jahren: Erster offen schwuler Regierungsrat der Schweiz

     

Vor 20 Jahren: Erster offen schwuler Regierungsrat der Schweiz

drf. 9. April 2006 - also vor 20 Jahren: Bernhard Pulver wird in Bern als erster offen schwuler Regierungs­rat gewählt. Bis zu seinem Rücktritt 2019 war er Vorsteher der Erziehungs­direktion des Kantons Bern. Pulver hatte sich viele Jahre für gleiche Rechte für gleich­geschlecht­liche Paare enga­giert - etwa bei Pink Cross und den Homo­sexu­el­len Arbeits­gruppen Bern (HAB, heute hab queer bern). Als Grossrat des Kan­tons Bern reichte er 2001 die par­la­men­tarische Initia­tive für eine regist­rierte Partner­schaft für gleich­geschlecht­liche Paare mit ein. 

Nach seinem Rücktritt als Regierungsrat war Bernhard Pulver bis 2025 Präsident des Verwaltungs­rats der Insel Gruppe. Heute ist er Dozent für "poli­tische Steuerung" an der Universität Bern.

Er lebt mit seinem Partner in Bern.

Daniel Frey (drf): Der Satz "Er lebt mit seinem Partner in Bern" tönt ziemlich lapidar. Hättest du Lust, ihn für die Leser:innen unseres Newsletters etwas zu vertiefen?

Bernhard Pulver (B.P.): Dieser Satz tönt in der Tat etwas lapidar, aber in den frühen Neun­ziger­jahren war er für einen Poli­tiker in Wahl­pro­spek­ten und Zeitungs­artikeln schon ziem­lich "revolu­tionär".

Damals gab es noch keine offen schwule Bürgermeister in Paris oder Berlin und keinen schwulen National­rats­präsi­den­ten, geschwei­ge denn einen schwu­len Ober­bürger­meister von München. In dem Sinne bin ich auf diesen Satz sogar etwas stolz.

Aber gerne etwas Vertie­fung: Ich lebe glück­lich verliebt wie eh und je mit diesem Partner zusammen. Er ist ein toller Mann, ein super Lehrer und über­haupt... einfach der Beste.

"Ehe für alle": viel Engagement und langer Atem

drf: Auf schwulengeschichte.ch taucht dein Name vor allem im Zusammen­hang mit dem Partner­schafts­gesetz auf, das ja auf eine Petition mit dem Titel "Gleiche Rechte für gleich­geschlecht­liche Paare" zurück­geht. Trotz der stolzen Zahl von über 85'000 gesam­melten Unter­schriften verschwand das Anliegen im Bundes­haus in irgend­einer Schub­lade - sie wurden im Januar 1995 im Bundes­haus also sprich­wörtlich "deponiert" .

Da das Parlament und allen voran der zuständige Bundesrat Arnold Koller (CVP, AI, Justizdepartement) reglos blieben, kam es zu Demonstrationen. Am 6. Januar 1996 zur "Aktion Lange Bank" und am 17. August 1998 zur "Wecker-Aktion", bei der sich etliche Leute mit Weckern beim Bundeshaus trafen, um die schlafenden Parlamentarier:innen aufzuwecken. Was für Erinnerungen hast du an diese beiden Aktionen?

B.P.: Mir geht vor allem durch den Kopf, wie viel sich seither verändert hat. Ich präsentiere die Geschichte der "Ehe für alle" von der Petition bis zur Volksabstimmung oft in meiner Vorlesung über "politische Steuerung", um zu zeigen, dass sich Engagement lohnt, aber auch einen langen Atem erfordert. In den Neun­ziger­jahren dachten wir in der Schwulen­bewegung ja noch gar nicht an eine For­derung "Ehe für alle", zu undenk­bar und unrealistisch schien uns dies. Die Studierenden staunen dann oft - für sie ist die "Ehe für alle" eine Selbst­verständ­lichkeit. Das zeigt, wie sehr eine aktive Bewegung eine Gesell­schaft verändern kann.

WIR sind Regierungsrat!

drf: Die Freude in unserer Community war gross, als du am 9. April 2006 zum ersten offen schwul lebenden Regierungs­rat eines Kantons gewählt und zum Vorsteher der Erziehungs­direktion des Kantons Bern wurdest. Das war vor 20 Jahren. Und wahr­schein­lich gab es damals noch Lehrer, die sich nicht getrauten, sich als Schwule zu outen. Wie hast du diese Zeit erlebt?

B.P.: Ich war immer selbst­ver­ständ­lich und offen schwul. Das hat sicher Lehrer:innen und Mit­arbeitende motiviert und gestärkt. Dis­kri­mi­nie­rung in meinem Bereich wurde schwieriger, wenn der "oberste Chef" offen schwul ist. Ich lebte das so selbst­verständ­lich, dass es bei mir kaum je zu Fragen führte. Aber damit war Dis­kri­mi­nie­rung nicht einfach weg. Die Medien interessierte das Thema sehr: Fast immer, wenn ein:e Politiker:in sich outete, kamen Fragen an mich, wie ich mit dem offenen Queer­sein so lebe...

drf: Hattest du in dieser Zeit jemals das Gefühl, auf deine Sexualität reduziert zu werden? Wie bist du damit umgegangen? Hat es dich vielleicht sogar genervt?

B.P: Eigentlich nicht. Meine Sexualität war und ist "nur" - aber eben doch - ein Teil meines politischen Engagements.

Ich bin aber der Über­zeu­gung, dass man als Angehö­ri­ger einer Minder­heit in der Öffent­lich­keit durch­aus eine Verant­wor­tung hat, offen hin­zu­stehen. Nur so können wir den Men­schen im Coming-out helfen und viel Leid ver­hin­dern. Es war eindrücklich, wie der derzeitige Mister Gay Europe (Michael Perreira) an einer Ver­an­stal­tung darstellte, wie die Jugend als Schwuler in einem Berg­gebiet noch um die Jahr­tausend­wende extrem schwierig war und wie für ihn queere Vor­bil­der fehlten. Ich denke, es ist unsere Ver­ant­wor­tung, es den Jungen heute und in Zukunft ein­facher zu machen, ohne Angst sich selbst zu sein.

drf: Was bedeutet es für dich heute persön­lich, dass du damals "der erste" warst?

B.P.: Ein kleines bisschen erfüllt es mich mit Stolz. Wobei ich auch sagen muss: Es war natür­lich als Mit­glied der Grünen ein­facher als etwa als Freisinniger, und ich hatte Eltern, die mich ohne Weiteres so akzeptierten, wie ich bin - wofür ich ihnen noch heute dankbar bin.

drf: Das Partner­schafts­gesetz trat am 1. Januar 2007 in Kraft. Die Freude - sicher auch bei dir - war gross. Hattest du damals damit gerechnet, dass 15 Jahre später die Ehe für gleich­geschlecht­liche Paare geöffnet wird?

B.P.: Damals gab es ja die ersten Länder, die den Schritt zur Ehe bereits gemacht hatten. Ich hatte da schon das Gefühl, das sei jetzt zwar für die Schweiz ein grosser Schritt, aber weitere würden folgen.

Gleichgeschlechtliche Ehepaare als "heilsamer Schock"

drf: An dieser Stelle möchte ich dich aus dem HAB-Info vom März 2002 zitieren: "Was den gesell­schafts-poli­ti­schen Fort­schritt anbe­langt, so bin ich über­zeugt, dass schwule und les­bische Ehe­paare oder auch nur regist­rierte Paare beste­hen­den Beziehungs­mustern und Rollen­bil­dern einen guten und heil­samen Schock geben werden." Jetzt haben wir 2026! Ist dieser "heil­same Schock" eingetreten?

B.P.: Ich denke schon. Fakt ist ja: Gleich­geschlecht­liche Paare müssen die eigenen Rollen ent­wickeln und sind nicht in Gefahr, einfach klassische Rollen­muster aufgrund des Geschlechts einzu­nehmen. Wenn ich sehe, wie viel offener und unver­krampf­ter die Jugend­lichen und jungen Erwachsenen heute mit Geschlechter­rollen umgehen: Da ist schon sehr viel passiert - zum Guten. Wir haben da unseren Beitrag dazu geleistet.

drf: Es ist unum­stritten: Wir haben in den letzten Jahr­zehn­ten viel erreicht. Braucht es über­haupt noch eine queere Bewegung? Und in diesem Zusammen­hang: Wie gehst du mit dem queeren Alpha­bet und den fast täglich neu dazu­kommenden Buch­staben um?

B.P.: Es braucht die queere Bewegung weiter­hin unbedingt. Die USA, Ungarn oder die erstar­kende AfD zeigen uns, dass queere Rechte - und generell Bürger­rechte - nie einfach erreicht und gesichert sind. Es braucht den aktiven Einsatz von uns. Das lehrt uns die Geschichte - deshalb gehört die queere Bewe­gung zu unserer Lebens­freude und zu unserer "Lebens­ver­siche­rung" ganz einfach dazu.

Ob der inzwischen etwas recht­haberische Umgang mit der richtigen Verwen­dung der richtigen Buch­staben und Pronomen wirklich der Weis­heit letzter Schluss ist, wird die Zukunft zeigen. Aber ich finde es toll, wie gerade auch Junge heute akzeptieren, dass sich Menschen nicht einfach mehr ins binäre Geschlechter­system einzwängen lassen wollen. Mich stimmt das optimistisch.

60plus: Herausforderung und schöne Gefühle

drf: Als logische Konsequenz aus der Gründung der "Homo­sexuellen Arbeits­gruppen" vor über 50 Jahren in den grösseren Orten der Schweiz haben sich nun in Zürich, Basel und Bern "queerAltern"-Vereine gegründet. Und du wirst im August 61 Jahre alt. Wie gehst du persön­lich mit deinem "queeraltern" um?

B.P.: Hmmm. 60plus ist emotional schon eine Heraus­for­derung.

Anderer­seits muss ich sagen: mir geht es derzeit eigent­lich so gut wie noch nie. Viel geleistet und auch einiges erreicht zu haben, mehr Gelassen­heit zu verspüren und anders auf die Dinge zuzu­gehen - das sind schon auch schöne Gefühle. Ich lerne gerade: Man kann sich auch mit über 60 weiter­ent­wickeln, körper­lich und geis­tig. Das stimmt mich zuver­sicht­lich.

drf: Ich persön­lich habe mir ja immer gewünscht, dass du der erste offen schwule Bundesrat wirst. Kann ich mir diese Hoffnung abschmin­ken?

B.P.: Wohl schon. Derzeit sind auf der linken Seite junge Frauen und Menschen mit Migrations­hinter­grund gefragt. Und das ist ja auch gut so. Aber man weiss nie...

drf: Lieber Bernhard, besten Dank für das spannende Gespräch…