Newsletter 197

Mai 2026

Diese Ausgabe enthält die folgenden Themen:

  • Syphilis - ein hartnäckiger Wiederkehrer

  • Dienstag, 12. Mai 18.30h: Generalversammlung des Vereins schwulengeschichte.ch

Syphilis - ein hartnäckiger Wiederkehrer

dbr. Wie bei allen sexuell über­trag­ba­ren Krankheiten erzählt die Geschichte der Syphilis nicht nur von medi­zi­ni­schen Fortschritten. Die Krankheit musste oft auch als Vorwand für Repression von nicht konformer Sexua­li­tät herhalten. So geschehen in Zürich, nachdem in den 1960er-Jahren die Syphiliszahlen weltweit anstiegen. Aber auch das Gegenteil konnte gesche­hen: In Basel kam es zu dieser Zeit zur ersten direkten Zusammenarbeit der Schwulenszene mit einer Behörde. Wer die Geschichte von HIV und Aids kennt, findet schnell Par­al­le­len.

Syphilis ist heute heilbar. Verschiedentlich führten Bemühungen zu ihrer Eindämmung oder Behandlungserfolge dazu, dass die Krankheit als ausgerottet erklärt wurde. Trotzdem folgt der schein­baren Ausrottung immer wieder eine neue Welle von Krank­heits­aus­brü­chen. Warum ist dies so? 

Von der Entdeckung Amerikas bis ins 19. Jahrhundert

Es wird allgemein angenommen, dass die ersten Seefahrer die Krankheit aus der Neuen Welt mitgebracht haben. Sie verbreitete sich, ausgehend von Hafenstädten, schnell in den Ländern Europas. Der lockere Umgang mit Sexualität, der damals vor­herrsch­te, begünstigte ihre Verbreitung. Behandlungen gab es kaum. Wie schon bei der Lepra wurden auch mit Syphilis infizierte Personen abgesondert.

Damals war es üblich, die Konstellation von Sternen und Planeten für die Verbreitung von Krankheiten verantwortlich zu machen. Er­staun­lich früh setzte sich aber die Er­kennt­nis durch, dass die Krank­heit sexuell über­tra­gen werde. Weil sie mit auf der Haut sicht­baren Symptomen wie Pusteln, Geschwüren und vernarbten Köpfen einherging, behandelte man sie seit Anfang des 16. Jahr­hunderts bis ins frühe 20. Jahr­hundert hinein mit dem da­ma­li­gen Mittel für Hautkrankheiten: Quecksilber. Kranke wurden, oft über Monate, mit quecksilberhaltigen Salben eingeschmiert. Die Folge war eine Vergiftung des Körpers. Die Menschen star­ben oft an der Behandlung, bevor sie an der Krankheit gestorben wären.

Die Hygienebewegung

In der Mitte des 19. Jahrhunderts konnte Dr. med. Ignaz Semmelweis nachweisen, dass Krankheitserreger durch Des­in­fek­tion eingedämmt werden können. Aufgrund dieser Erkenntnis wurde Hygiene für die Krankheitsbekämpfung immer wichtiger. Es entstand eine Bewegung, die sich der Sozialhygiene verschrieb. Weil die Syphilis als Krankheit von Prostituierten galt, wurden For­derungen laut, diese zu überwachen. Man begann zwischen 1850 und 1900, in verschiedenen europäischen Staaten Zwangs­unter­suchungen bei Prostituierten durchzuführen und sie zu re­gis­trie­ren. Tatsächlich ging in dieser Zeit die Anzahl Fälle zurück.

In England entstanden im Zuge dieser Entwicklung sogenannte "Sittlichkeitsvereine". Diese wollten noch weitergehen und die Prostitution als Ursache der Verbreitung von Geschlechts­krank­hei­ten bekämpfen und letztlich verbieten. Auch in der Schweiz wurden solche Vereine gegründet. Die medizinische Bekämpfung der Krankheit wurde damit stark mit moralischen Zielen verknüpft.

Die Strategie der Registrierung von Prostituierten, aber auch der Versuch, deren Tätigkeit ganz zu verbieten, war nur beschränkt erfolgreich. Die Krankheit verbreitete sich weiterhin über nicht registrierte Kontakte. Infizierte Männer wurden durch die Regis­trie­rung nicht erfasst. Ihre Kontakte zu Ehe- und anderen Frauen blieben im Dunkel. Zudem ist anzunehmen, dass auch damals Kontakte unter Männern üblich waren.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden in der Schweiz jährlich nur etwa 40-70 Syphilistote registriert. 1890 wurde der anonyme Totenschein eingeführt. Dadurch schnellte die Zahl der erfassten Syphilistoten hoch: um 1900 wurden jährlich 150-200 Fälle registriert. Die Anonymisierung liess es also zu, dass Todes­ursachen weniger tabuisiert waren und deshalb ehrlich genannt wurden.

Ein erstes Heilmittel mit Komplikationen

1909 kam es zu einer wirklich bedeutenden Entdeckung: Paul Ehrlich und Sahachiro Hata entwickelten ein erstes wirksames chemotherapeutisches Mittel: Salvarsan. Gleichzeitig entdeckte der deutsche Immunologe und Biologe August von Wassermann ein serologisches Verfahren zum Nachweis der Syphilis, den Wassermann-Test.

Die Euphorie in Ärztekreisen und in der Presse war gross. Man sprach bereits von der bevorstehenden Überwindung der Syphilis.

Aber die erhoffte Ausrottung der Krankheit fand nicht statt. Salvarsan war wirksam, aber kompliziert in der Anwendung. Es erforderte monatelange intravenöse Injektionsserien. Ein Wirkstoff war Arsen, ein Gift, das anfänglich in hoher Dosierung enthalten war und damit zu Vergiftungen führen konnte. Die Reduktion des Arsens schaffte Abhilfe, allerdings sank dadurch die Wirksamkeit des Mittels. Viele Patienten brachen die Behandlung wegen der Komplikationen frühzeitig ab. Besonders Menschen in ärmeren Verhältnissen konnten sie sich nicht leisten, auch hinderte die mit der Syphiliserkrankung einhergehende Stigmatisierung viele am Arztbesuch.

Den Ursachen auf der Spur

Mit dem ersten Weltkrieg stiegen die Syphilisinfektionszahlen wieder massiv an. 1920/21 führten das Schweizerische Gesund­heits­amt, die Schweizerische Gesellschaft zur Bekämpfung von Geschlechtskrankheiten und die Schweizerische Ärzte­kom­mis­sion eine Untersuchung durch, um eine solidere Übersicht zu bekommen. 76% der Allgemeinpraktiker und sogar 95% der Spezialisten, wie etwa Dermatologen, beteiligten sich daran, sodass verlässliche Zahlen erarbeitet werden konnten.

Die Ergebnisse waren schliesslich weit weniger dramatisch als angenommen. In der Untersuchungszeit wurden die Daten von 15607 Patienten erfasst, von diesen wurde bei knapp 60% eine Gonorrhö und bei etwa 40% eine Syphilis diagnostiziert.

Gemessen an der damaligen Bevölkerungszahl waren nur etwa 0,4% von den beiden Krankheiten betroffen. Brigitte Ruckstuhl und Elisabeth Ryter zitieren in ihrer Publikation "Zwischen Verbot, Befreiung und Optimierung" von 2018 den Verfasser des zusam­men­fassenden Berichts: Er könne diejenigen angenehm über­raschen, "welche unter dem Eindruck der Kriegsereignisse und der Kassandrarufe aus dem Auslande, eine viel stärkere Durch­seuchung unseres Landes befürchtet hatten."

Dabei waren etwa doppelt so viele Männer wie Frauen in­fi­ziert. Am ver­breitetsten waren Geschlechts­krank­heiten bei Männern zwischen 20 und 24 Jahren, also in der Gruppe, die vor der Ehe sexuell aktiv war. Die meisten von ihnen stammten aus den urba­nen Zentren Lausanne, Genf, Basel und Zürich.

Als Infektionsquellen gaben Frauen zu 80% den Ehemann und zu 13% ausser­eheliche Kontakte an. 40% der Männer nannten Pro­sti­tuierte als Quelle, die Antworten der übrigen 60% waren breit verteilt. Man kann davon ausgehen, dass sexuelle Kontakte zwi­schen Männern hier vertreten sind. Dazu finden sich aber selbst­verständlich keine Zahlen. Das Verschweigen homosexueller Kon­tak­te war damals (um 1920) normaler Selbst­schutz. Wer wollte seine Existenz riskieren?

Sexualität war allgemein in der öffentlichen Wahrnehmung immer noch etwas, das der Fortpflanzung in der Ehe diente. Ausser­ehe­liche sexuelle Beziehungen zum anderen Geschlecht wurden zwar zur Kenntnis genommen, galten aber immer noch als uner­wünsch­te Ausnahmen. Dieser landläufigen Meinung wider­spra­chen aller­dings die Aussagen der Betroffenen zur Infek­tions­quel­le, vor allem bei den Männern.

Heilung ist möglich

1943 wurde zum ersten Mal in den USA Penicillin zur Behand­lung der Syphilis ein­gesetzt, mit gross­artigem Erfolg: Patienten im ers­ten und zwei­ten Stadium der Krank­heit konnten geheilt werden. Innert zehn Jahren sank die Rate der gemel­deten Syphilis-Fälle in den USA von 94 957 auf 6454 im Jahr 1955. Fachleute pro­gnos­ti­zierten auch jetzt wieder, dass die vollständige Ausrottung nahe sei. Der Optimismus war aber verfrüht, wie der weitere Verlauf zeigt.

Sex zwischen Männern gerät in den Fokus

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war Homosexualität nicht nur tabuisiert, sondern wurde in den meisten westlichen Ländern straf­rechtlich verfolgt. Erst nach dem ersten Weltkrieg, in den "Golden Twenties" lockerten sich die Sitten wieder. Es wurde für kurze Zeit einfacher, Homosexualität zu thematisieren und zu leben.

Erst mit der Inkraftsetzung des neuen Eidgenössischen Straf­gesetzbuches (StGB) entkriminalisierte die Schweiz 1942 die Homo­sexua­li­tät - als erstes europäisches Land. Sicher bis zu dieser Ent­kri­mi­na­lisierung waren die Männer wohl vorsichtig, ihrem Arzt von der Möglichkeit eines homosexuellen Über­tra­gungs­wegs zu berich­ten. So konzentrierte sich die Auf­merk­sam­keit und die Bekämp­fung weiterhin lange auf die heterosexuellen Übertragungswege und dort bekam besonders die Prostitution viel Aufmerksamkeit.

Für die Zeit vor 1940 gibt es zwar Hinweise darauf, dass sexuelle Handlungen zwischen Männern bei Syphilis-Ansteckungen eine Rolle spielten. Diese Übertragungswege wurden aber noch nicht thematisiert, wenn es darum ging, wie Geschlechtskrankheiten dezimiert werden können.

Erst nach dem Zweiten Weltkrieg geriet auch die Übertragung von Mann zu Mann in den Fokus. In den darauf folgenden Jahr­zehn­ten schien sich Syphilis gar vornehmlich in jener Gemeinschaft von Männern zu verbreiten, die Sex mit Männern (MSM) haben.

Die Liberalisierung der westlichen Gesellschaft ab den 1960er-Jahren ermöglichte es, dass über vielfältige sexuelle Praktiken gesprochen werden konnte. Erst unter diesen Umständen konn­ten zuständige Stellen direkt auf betroffene Bevöl­kerungs­gruppen zu­ge­hen, die früher nicht einmal wahr­ge­nommen worden waren.

Schwulengeschichte.ch dokumentiert zwei Möglichkeiten, wie bei einem Anstieg der Syphi­lis-Ansteckungen mit MSM umgegangen wurde. Zürich verstärkte in den 1960er-Jahren die Repression, während es in Basel schweizweit erstmals zu einer beispielhaften Zusammenarbeit der Gesundheitsbehörden mit dem KREIS und dem Club Isola kam.

In den 1980er-Jahren tauchte HIV und Aids auf. Dies zwang das Gesundheitswesen, sich mit Übertragungswegen zwischen Männern zu befassen. In den Präventionskampagnen bekamen Männer, die Sex mit Män­nern haben, einen zunehmend grösseren Platz. Mit dem Aufkommen von HIV stiegen auch die Zahlen bei Syphi­lis wieder. Das Kondom, das zur Verhinderung von HIV-Ansteckungen propagiert wurde, brachte aber bei Syphi­lis-Übertragungen wesentlich weniger Schutz. 1987 wurden in den USA mit 14,6 Syphilis-Fällen pro 100 000 Einwohnern ein Höchststand verzeichnet. Public-Health-Organisationen in der westlichen Welt starteten Kampagnen zur Eindämmung der Krankheit, mit unterschiedlichem Erfolg.

In den 1990er-Jahren gingen die Syphilis-Fälle wieder zurück. Dies kann mit den intensiven Präventionskampagnen zusammen­hängen, die zur Verhinderung von HIV-Ansteckungen an die ganze Bevölkerung, aber besonders auch an die stärker betrof­fenen MSM gerichtet waren und bald auch vor anderen STI warn­ten. Eventuell führte auch die Angst vor HIV/Aids zu Zurück­hal­tung oder Veränderungen bei sexuellen Aktivitäten.

Erneuter Anstieg der Syphilis-Ansteckungen um die Jahrtausendwende

Mit den retroviralen Therapien, die die HI-Viren bis unter die Nachweisgrenze reduzierten, rückte das Schreck­gespenst HIV/Aids etwas in den Hintergrund. Die Bedrohung durch Krankheiten verschwand bei vielen MSM aus dem Bewusstsein. Auch das neue Internet mit den Dating-Platt­for­men und die Zunahme des Drogen­kon­sums beim Sex brach­ten einen Anstieg von risiko­behaf­tetem Verhalten.

So stiegen die Ansteckungen mit Syphilis seit der Jahr­tau­send­wen­de wieder an. Eine neue Welle einer schon mehrmals aus­gerottet geglaubten Krankheit trifft jetzt vor allem Männer, die Sex mit Männern haben. Verschiedene nationale Statistiken sprechen davon, dass etwa 80% der neuen Fälle in dieser Bevöl­ke­rungs­grup­pe festgestellt werden.

Wie werden wir die Syphilis endlich los?

Die Syphilis ist nicht die einzige Krankheit, die sich nicht ausrotten lässt. Der Optimismus der Nachkriegszeit nach 1945 hat in vielen Bereichen Ziele für möglich gehalten, die wir so nicht erreicht haben und vielleicht auch nicht erreichen werden. Die Ausrottung von heilbaren Krankheiten, wozu auch die Syphilis gehört, fand nicht statt. Gerade bei der Syphilis sprechen einige Eigenschaften dafür, dass sie wohl kaum ganz unter Kontrolle zu bringen ist.

So verläuft die Syphilis in Phasen. Sie ist nur in den aktiven Pha­sen übertragbar, dann aber sehr leicht. Dies Aus­brü­che ver­schwin­den von selbst wieder. Die Krank­heit wird dadurch un­sicht­bar und wird deshalb oft nicht erkannt und behandelt. Gegen Syphi­lis gibt es keine Schutzimpfung. Eine überstandene Infektion schützt kaum vor Neuansteckungen.

Tabu und Scham, die immer noch mit sexuell über­trag­baren Krank­hei­ten einhergehen, halten viele davon ab zum Test zu gehen oder eine lückenlose Part­ner­nach­ver­fol­gung zu ermög­lichen.

Durch die Globalisierung und rege Reisetätigkeit verbreiten sich auch Krankheiten schneller und über grössere Distanzen. Feh­len­de medizinische Versorgung ist in vielen Teilen der Welt immer noch Realität. Internet und Dating Apps ermöglichen schnelle ano­ny­me Sexualkontakte, eine Abklärung der Risiken bleibt dabei oft auf der Strecke.

Sobald Ansteckungen zurückgehen, wird zudem auch die Prä­ven­tion zurückgefahren, sei es, weil man glaubt, das Ziel erreicht zu haben oder aus Spargründen.

Mediziner empfehlen darum Personen, die häufig wechselnde, sexuelle Kontakte haben, sich zweimal im Jahr auf Syphilis zu testen. Damit kann die Krankheit erkannt und frühzeitig behandelt werden. Diese Empfehlung zeigt, dass nie­mand mehr davon aus­geht, die Krankheit aus­zu­rot­ten, dass aber gute Chancen beste­hen, die Syphilis mit einem engmaschigen Monitoring gut unter Kon­trol­le zu behalten.

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Quellen:

Dienstag, 12. Mai 2026 18.30h: Generalversammlung des Vereins schwulengeschichte.ch

hpw. Der Vorstand des Vereins schwulengeschichte.ch lädt alle Mitglieder und diejenigen, die noch Mitglieder werden wollen, ein zur diesjährigen Generalversammlung. Sie findet statt am Dienstag, 12. Mai 2026 ab 18.30 Uhr im Kulturhaus Helferei, Kirchgasse 13, 8001 Zürich.

Die Generalversammlung bietet die Möglichkeit, einen Einblick in die Aktivitäten des Vereins zu bekommen, Ideen für die Weiter­ent­wick­lung zu diskutieren und gemütlich mit geschichts­inter­es­sier­ten Menschen zusammen zu sein.