198 - Stonewall Riots / 1. Nationaler Schwulenbefreiungstag
Newsletter 198
Juni 2026
Diese Ausgabe enthält die folgenden Themen:
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"Nieder mit dem Zwang zur Heterosexualität" - Erinnerungen an Stonewall und an den ersten Nationalen Schwulenbefreiungstag in Bern
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Generalversammlung 2026 des Vereins schwulengeschichte.ch
"Nieder mit dem Zwang zur Heterosexualität" - Erinnerungen an Stonewall und an den ersten Nationalen Schwulenbefreiungstag in Bern
drf. Es begann im Juni 1969 in New York in der Bar Stonewall Inn. Der gewalttätige Aufstand von queeren Menschen gegen die repressive und diskriminierende Behandlung nicht nur durch die Polizei dauerte im Juni 1969 in New York sechs Tage. Warum sich diese Rebellion ausgerechnet an diesem 27. Juni 1969 entflammte und wie sie begann, ist nicht genau überliefert.
Die Gäste der Bar Stonewall Inn in der Christopher Street waren vorwiegend Menschen, die in etablierten Lokalen keinen Zugang hatten: obdachlose Jugendliche, lateinamerikanische und schwarze trans Frauen, schwule Sexarbeiter und Butches - also in den Augen der Mehrheitsgesellschaft allesamt besonders verachtenswerte Menschen. Aber an diesem denkwürdigen 27. Juni setzten sich die Gäste der Bar zur Wehr - offenbar urplötzlich und mit allem, was sie ergreifen konnten. Die verdutzten Peiniger zogen sich (vorerst) zurück.
Am 28. Juni 1970 feierten in New York im Central Park je nach Schätzungen bis zu 10'000 Menschen den ersten Jahrestag des Aufstandes in der Christopher Street - organisiert von der soeben gegründeten Gay Liberation Front. Heute gelten die Stonewall Riots als Geburtsstunde der modernen Schwulen- und Lesbenbewegung und wir feiern weltweit im Juni und Juli den CSD, den Christopher Street Day oder die Pride. Dass sich queere Communities allerdings bereits lange vor Stonewall organisiert hatten, wird dabei gelegentlich unterschlagen. Die Ereignisse im Juni 1969 liessen die Forderungen nach mehr Rechten und Anerkennung auf jeden Fall lauter und schärfer werden.
Die Stonewall Riots vom Juni 1969 waren ein Wendepunkt im Kampf für Gleichbehandlung und Anerkennung von Schwulen, Lesben und anderen queeren Menschen. In der Schweiz wurde dies im März 1971 in der damaligen Zeitschrift club68 wunderbar umschrieben:
"Anstatt sich unter den Gummiknüppeln zu krümmen, strömten zornige Männer und Frauen aus allen Richtungen daher und prügelten sich mit den aus der Fassung geratenen Gesetzeshütern. Das war man sich von den schwulen Weichlingen nicht gewöhnt."
Erster Nationaler Schwulenbefreiungstag
Der erste nationale Christopher Street Day der Schweiz fand am 23. Juni 1979 in Bern statt - also zehn Jahre nach Stonewall. Die Organisatoren der Homosexuellen Arbeitsgruppen Bern (HAB) und der Schweizerischen Organisation der Homophilen (SOH) nannten den Anlass: "Erster Nationaler Schwulenbefreiungstag - 10 Jahre Christopher Street Day".
Begrüsst wurden die Demonstrierenden während der Schlusskundgebung mit den Worten: "Ich begrüsse alle Lesben, Schwulen und andern normalen Menschen, die hier anwesend sind." Der Schlusskundgebung vorangegangen war eine Demonstration durch die Berner Altstadt, an der etwa 300 Lesben und Schwule teilgenommen hatten.
"Die Leute am Strassenrand schauten anders als bei sonstigen Demonstrationen, nämlich besonders ernst, manchmal starr und v.a. sehr aufmerksam. (…) Wir aber hatten den Plausch, zum ersten Mal national und so zahlreich zu demonstrieren."
So schrieb das HAB-Info, die Vereinspostille der Homosexuellen Arbeitsgruppen Bern. im Juli 1979 in seiner ausführlichen Berichterstattung über den "Schwulenbefreiungstag". Die Forderungen damals lauteten "Gleiche Rechte für Schwule", "Weg mit dem Berner Homoregister", "Wir fordern unsere Menschenrechte". Dabei schliesse - war im HAB-Info lakonisch zu lesen - der Ausdruck "Schwule" auch die Lesben mit ein, bekanntlich trage "die Sprache patriarchalische Züge".
Die Reden an der Schlusskundgebung zeigten, dass hinter den gemeinsamen Parolen unterschiedliche politische Vorstellungen standen. Legte der Vertreter der SOH das Hauptgewicht auf die Hoffnung auf Abbau der Diskriminierung, betonte ein Schwuler aus Genf, dass die Unterdrückung der Homosexualität nur mit der Überwindung des Kapitalismus und nicht durch reformistische Politik wie etwa in der Schwulenbewegung der USA aufzuheben sei. Die Vertreterin der Lesbeninitiative Bern (LIB) hob hervor, dass Heterosexualität eine gesellschaftliche Zwangssituation darstelle, die direkt mit der Unterdrückung der Frauen verbunden sei.
Ein Mitglied der HAB ging auf die Forderungen und Aktivitäten ein: Mit der Petition, die soeben lanciert wurde, sollte das Berner Homoregister abgeschafft werden. Neben einem wirksamen Datenschutz wurde zudem die Herabsetzung des strafrechtlichen Schutzalters auf 16 Jahre und die Abschaffung psychiatrischer "Therapien" an Homosexuellen gefordert. - Heute stellen wir fest: Knapp 50 Jahre später tun sich das Parlament und der Bundesrat mit dem Verbot von sogenannten Konversionstherapien noch immer schwer.
Das anschliessende Fest verlief anders als geplant: Mündlich war mit dem Oberkellner des Bürgerhauses in der Berner Neuengasse eine Saalreservierung vereinbart worden. Am Samstagnachmittag aber erklärte der Chef des Bürgerhauses nichts von der Abmachung zu wissen. Da nichts Schriftliches vorliege, könne der Saal nicht zur Verfügung gestellt werden. Eine Saalverweigerung am Nationalen Schwulenbefreiungstag: "Es konnte kaum klarer gezeigt werden, wie notwendig der Schwulenkampf ist", war im HAB-Info zu lesen. Und "auf diese Repression werden die Organisatoren - sie haben darin schon viel Übung - mit juristischen Massnahmen und Öffentlichkeitsarbeit reagieren."
Da im Verlaufe des Samstags aber kein anderer Saal aufzutreiben war, fand das Fest halt im Freien auf dem "Schänzli", notabene in "unserem Revier" statt - dort nämlich, wo man in Bern (damals) immer wieder auf promenierende und sich ausstellende Schwule treffen konnte. Dazu war im HAB-Info vom Juli 1979 zu lesen:
"Wie ein Transparent deutlich machte ("Schwule, kommt heraus"), sind wir in unserem Kampf darauf angewiesen, dass immer mehr Lesben und Schwule ihr Versteck verlassen und sich mit uns organisieren. Nicht zuletzt aber brauchen wir die Unterstützung aller anderen fortschrittlichen Kräfte. Weg mit den Homoregistern! Nieder mit dem Zwang zur Heterosexualität!"
Reaktionen
Der erste Nationale Schwulenbefreiungstag war ein paar Tage später auch Thema im Berner Stadtrat. Gemäss der Berner Zeitung vom 29. Juni 1979 verlangte zu Beginn der Stadtratssitzung Otto Bütikofer das Wort und wunderte sich, dass die Behörden eine Bewilligung für die Demo erteilt hatten. "Sein Protest richte sich nicht gegen diese Menschen, sondern gegen das, was sie tun", zitierte die Berner Zeitung den Stadtrat der EVP. Der Ratspräsident schnitt ihm aber das Wort ab: Was er sagen wolle, könne nicht Gegenstand einer persönlichen Erklärung, sondern allenfalls eines parlamentarischen Vorstosses sein.
Und auch die Leserbriefspalten in der Berner Zeitung füllten sich und diese wurden im HAB-Info vom Juli 1979 gerne wiedergegeben. "Dass sich die Schwulen in Bern noch wichtigmachen wollen, um vor der Gesellschaft zu glänzen, ist nun doch der Gipfel der Frechheit", schrieb etwa Emma Aebi aus Lyss. Zum grossen Glück gebe es noch "saubere Gesinnung" auf dieser Welt - das bezeuge der Wirt, der sein Lokal nicht für Homosexuelle zur Verfügung stellte. "Saubere Gesinnung ist ebenso wichtig, wie sauberes Wasser, wenn die Menschheit weiterleben soll! Dort, wo der Mensch keine Achtung vor der Schöpfung hat, da hat er auch keine Achtung vor sich selbst. Ist es da noch ein Wunder, wenn ein Homosexueller Sorgen und Nöte hat?"
Dieser Leserbrief könne nur aus Unkenntnis und Unverständnis geschrieben worden sein, antwortete Irma Krieg. "Es wird so recht deutlich, wie wenig und falsch die Öffentlichkeit über Homosexuelle orientiert ist - eine Minderheit, die sich ihre Andersartigkeit nicht selbst aussucht. Würden alle Eltern ganz und in der Öffentlichkeit zu ihren lesbischen Töchtern und ihren schwulen Söhnen stehen, und würden sich alle Betroffenen getrauen gemäss ihrer Veranlagung zu leben, würde sich die Situation für alle Beteiligten schlagartig verbessern - viel unnötiges Leid wäre damit aus der Welt geschafft!" Irma Krieg ist die Mutter von Max Krieg. Sie hat 1976 die erste Kontaktstelle für Eltern von Schwulen und Lesben gegründet.
Und jetzt: Trump - "Well, that stink"
Schliessen wir an dieser Stelle den Kreis wiederum zu Stonewall. 2016 erklärt der damalige US-Präsident Barack Obama den Ort rund um die Bar Stonewall Inn in der Christopher Street zum Stonewall National Monument - zur Gedenkstätte für die Geschichte der queeren Bewegung. Seitdem erinnert unter anderem der kleine Park gegenüber der Bar an die Stonewall Riots.
Dann kam Donald Trump. Dieser unterzeichnete 2025, kurz nach der Amtseinführung als Präsident die Executive Order 14168. Sie schreibt der Bundesregierung und bundesfinanzierten Einrichtungen die Unterlassung jeglicher Förderung der "Gender-Ideologie" vor. Die Regierung mahnte daraufhin wiederholt den für das Stonewall National Monument zuständige National Park Service, die Sprache und die Symbole an öffentlichen Orten zu überwachen und gegen Diversitätsprogramme vorzugehen. Im Februar 2025 wurden so alle Verweise auf trans und queere Menschen sowie das Wort "Transgender" von der offiziellen Website des Stonewall National Monument entfernt.
Und tatsächlich: Als der Schreiberling dieser Zeilen im Februar 2025 die offizielle Webseite des Stonewall National Monuments besuchte, musste er feststellen, dass unter anderem eine Videoserie über die Geschichte des Stonewall-Aufstandes entfernt worden war. Statt der Videos erschien einen Moment lang allerdings ein Bild eines Stinktiers und der Hinweis "Well, that stink". Wer heute auf der Website surft, stellt fest, dass jetzt im Zusammenhang mit Stonewall von einer LGB-Bewegung gesprochen wird - die übrigen Buchstaben wurden gestrichen. Wollen wir tatsächlich zulassen, dass unsere Geschichte wiederum zum idealisierten Bild zurückgedreht wird, wo der junge, attraktive und schwule Schönling - wie etwa im Film "Stonewall" aus dem Jahr 2015 - den Aufstand anführte? Nein, wir wollen und müssen die Tatsache zulassen, dass die beiden historisch belegten Schlüsselfiguren des Aufstandes, Marsha P. Johnson und Sylvia Rivera nicht einfach als "Transvestiten", sondern als trans Frauen bezeichnet werden!
Geschichte
Die weltweite Gay Liberation Bewegung, die Befreiungsbewegung von queeren Menschen, begann am 27. Juni 1969 in New York an der Christopher Street. Das war damals kein friedlicher Umzug. Das war eine Explosion.
Alles, was wir heute im Pride-Monat Juni feiern, geht auf diese Anfangszeit zurück, hat dort seine Wurzeln und veränderte und erweiterte sich fortlaufend in den 57 folgenden Jahren bis heute. Die Befreiung ist dann erreicht, wenn alle Menschen der Community auf der ganzen Welt keine Sonderbehandlung erfahren, wenn alle fraglos gleichberechtigt sind.
Christopher Street Day (und darauffolgende Seiten)
CSD Bern: Homo-Register (und darauffolgende Seiten)
Generalversammlung 2026 des Vereins schwulengeschichte.ch
hpw. Die Generalversammlung des Vereins schwulengeschichte.ch vom 12. Mai 2026 im Kulturhaus Helferei in Zürich war rege besucht.
Die anwesenden Mitglieder genehmigten die Bilanz 2025 und das Budget für das laufende Jahr einstimmig. Dem Vorstand wurde für seine Arbeit Dank ausgesprochen und die Decharge per Akklamation erteilt. Ebenfalls genehmigt wurde eine Statutenrevision. Sie sieht vor, dass die Kontrollstelle auch aus einer einzigen Person bestehen kann. Bisher waren zwei Revisoren vorgesehen. Der langjährige Revisor Franz Freuler zieht sich altersbedingt von seinem Amt zurück. Der Vorstand bedankte sich für seine Unterstützung des Vereins seit seiner Gründung und überreichte einen Blumenstrauss. René Forster wurde als Revisor wiedergewählt. Der Vorstand, bestehend aus Hans Peter Waltisberg (Präsident), Mauro Smedile (Kassier) und Daniel Bruttin (Redaktion), wurde wiedergewählt.
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