Der freieste Mensch

Torréador - Würmchenmantel

Torréador

Würmchenmantel. Quelle: Historisches Museum Basel.

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Sammlungs Nr.
ID: 2085
Würmchenmantel

"Von da an sorgte der von Kreativität und Phantasie strotzende Künstler, den eine nahe Freundin als 'den freiesten Menschen, den ich je gekannt habe' charakterisierte, bis zu seinem Tod für Gesprächsstoff. Unzählige Gerüchte und Witze rankten sich um den Könner, der mit seinem Freund Péghy zusammenlebte. […] Freddys Homosexualität war das offenste Geheimnis Basels, auf welches aber nur in der hemmungsarmen Zone von Witzeleien und Fasnachtsreimen öffentlich Bezug genommen wurde."

Im September 1986 beispielsweise

"an Freds Abdankung in der Martinskirche, wurden seine Homosexualität und sein Freund Péghy, mit dem er 40 Jahre zusammenlebte, mit keiner Silbe erwähnt. Auch im Nachruf in der Basler Zeitung erschien er […] als Basler Original. Sein Schwulsein wurde von der Öffentlichkeit mit dem Stigma des Unaussprechlichen versehen: er war als hervorragender Modeschöpfer anerkannt, er war als Exzentriker akzeptiert, aber zu einem offenen, undiskriminierenden Umgang mit seinem Schwulsein reichte die Toleranz nicht.


Schon 1938 erschien er als 'Mädchen: Fredienne Spillfrau (La Vedette du Rheinsprung)' in einem fiktiven Filmskript einer Fasnachtszeitung.1 Als 23jähriger war er bereits Kristallisationsfigur des schwulen Image, ein Zeichen seiner frühen Zivilcourage. Allerdings 'erfüllte er eine der Bedingungen, die die Gesellschaft an einen Schwulen stellt: er war und leistete etwas Besonderes' (so Peter Thommen von der Buchhandlung Arcados). […] 


Fred Spillmann an Modeschau 1976

Fred Spillmann

Fred Spillmann an Modeschau 1976.

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Sammlungs Nr.
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Fred Spillmann an Modeschau 1976

Die Meinungen über ihn gingen weit auseinander: war er für manche 'e gruusige Siech', die sich an seiner extravaganten Kleidung, an Perücken, Brillen und Schmuck stiessen, so bewunderten und mochten ihn viele als Persönlichkeit, bei der das Schwulsein bloss ein Mosaikstein im Gesamtbild war. Spillmann verkehrte in der obersten Gesellschaft, er war gern gesehener Gast an grossen Empfängen. Er, der in den mittleren Lebensjahren sehr distinguiert auftrat, spielte die Rolle des Narrs mit Brillanz. 'Sein Narr-Sein hat sich eigentlich nicht auf das Schwulsein bezogen', erinnert sich -minu, 'sondern auf seine Fähigkeit, den Leuten immer ganz böse die Wahrheit zu sagen'. Wäre er aber als 'normaler' Schwuler ohne Exzentrik und Show gleich akzeptiert gewesen? […]


Wie ambivalent die Einstellung der Basler und Baslerinnen war, zeigt die Fasnacht deutlich. Es wurde ihm Ehre erwiesen und seine Stellung als Stadtoriginal gleichsam abgesegnet, wenn er im Pelzmantel neben Péghy auf dem Balkon stand und im Körbchen Champagner herunterliess für die Wagen-Cliquen, die ihm zuprosteten und den Korb mit Zetteln [witzige Schnitzelbank-Gedichte] und Mimosen füllten. […]"

Ein Beispiel:


"'s isch unser scheen Elsbetheschänzli

Bekannt als Heere-Boulevard
   
's het Baim und Gras und warmi Pflänzli
   
Doch d'Fraue fähle ganz und gar.
   
Es haig, so het me immer gheert
   
E Huffe Spielma Fredy dert
   
Die spiele s'Spielma-Spiel uss Jux
   
Aber numme hinteruggs.
"

(Schnitzelbank der 'Fläsche-butzer', 1955)

Ernst Ostertag, Januar 2020

Quellenverweise
1

"Die Alti Dante", Nr.77/1938 (Fasnachtsakten des Staatsarchives Basel)

Auszüge aus: Balthasar Staehelin: Fred Spillmanns Spielraum, in: Männergeschichten, Verlag Basler Zeitung, 1988.