"Schöpfungsordnung"

… ausgrenzend

Christus-Johannes-Gruppe

Christus-Johannes-Gruppe

Christus-Johannes-Gruppe aus Sigmaringen. Konstanzer Kunstkreis 1310-1320. Erschienen im 'Kreis' 4/1952.

Urheber
Künstler: Konstanzer Kunstkreis
Herausgeber
Besitzer: Deutsches Museum Berlin
Rechte
© erloschen
Sammlungs Nr.
ID: 0373b
Christus-Johannes-Gruppe aus Sigmaringen

Da die drei abrahamitischen Religionen auf "Heiligen Schriften" und den jeweiligen Traditionen ihrer Auslegung basieren, muss stets berücksichtigt werden, dass es nie eine Aufzeichnung und Auslegung geben kann, die unabhängig wäre von Erfahrungshintergründen und Standpunkten der ursprünglichen Verfasser oder Aufzeichner "göttlicher Offenbarungen" und der späteren Kommentatoren. Auch diese Religionen teilen mit allen Erscheinungen die heilsame Tatsache, dass sie relativ sind.

Oft aber wurde diese Tatsache verschwiegen, geleugnet, abgestritten, verdrängt. Wo dies geschah, entstanden und entstehen noch heute Spekulationen: Es werden unveränderbare, angeblich unaufgebbare Wahrheiten und Auslegungen göttlicher Gesetze postuliert und darauf basierende Schöpfungs-, Welt- oder Gesellschaftsordnungen hervorgebracht, an die es unbedingt zu glauben gilt, nach denen Frau und Mann zu leben haben. Das führt zur Spaltung. Da sind auf der einen Seite die rechtschaffenen Gläubigen, auf der anderen Seite die Ungläubigen oder Ketzer, die es zu bekämpfen gilt. Das hat fatale Auswirkungen. Die Geschichte ist voll von Beispielen.

Die Evangelien nennen die Vertreter einer Tradition von unveränderbar Festgeschriebenem "Schriftgelehrte". Sie waren bekanntlich nicht die Freunde Jesu. Schon Johannes der Täufer schalt sie je nach Übersetzung "Otterngezücht" oder "Schlangenbrut" (Matthäus 3,7). Jesus nannte sie "Heuchler" (Markus 7,6), weil sie die göttlichen Gebote höher stellten als den Geist Gottes, der bekanntlich weht, wo er will.

Und dieser Geist kann sehr wohl in einem homosexuell lebenden Einzelmenschen oder in einer gelebten homosexuellen Partnerschaft wehen; er braucht dazu weder Predigerpult noch Hochaltar oder Kanzel.

Wie unter allen Menschen gibt es auch unter Homosexuellen solche, denen gelebte Religion ein inneres Bedürfnis ist. Leicht hatten und haben sie es nie, denn meist zerbricht das vom Elternhaus Übernommene an der homosexuellen Lebensart - und von Kirchenvertretern wie von religiösen Gemeinschaften kam und kommt fast immer das ausgrenzende "Nein". Hunderttausende Homosexuelle sind daran zerbrochen, sie haben sich umgebracht oder fristeten ein Dasein in vielfachen Formen neurotischen Verklemmtseins. Auffallend viele Homosexuelle bezeichnen sich als völlig gesund, aber "religionsgeschädigt".

Wo liegt der Grund dieser fatalen Situation?

Vielleicht: Weil der Gott der abrahamitischen Religionen als ein Wesen vermittelt wurde und vermittelt wird, das im Unterschied zu den übrigen antiken Göttern keinen Sinn für Humor, dafür aber ein klares Problem hat mit

  • der Rolle des Weiblichen,
  • dem nackten menschlichen Körper,
  • jeder Form von frei und lustvoll ausgeübter Sexualität im allgemeinen und
  • ganz besonders mit gleichgeschlechtlicher Sexualität.

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Ernst Ostertag, Oktober 2007