1985

Grundsätzliches

... damals und heute

Die Pressekonferenz vom 2. Juli 1985 in Bern wurde zum Markstein im Umgang des Landes mit der Krankheit Aids, aber auch mit seinen homosexuellen Mitbürgern.

Denn die schwulen Gründerorganisationen der Aids-Hilfe Schweiz sind mit diesem Tag zu einem Faktor geworden, der nicht mehr ignoriert werden konnte: Die offizielle Zusammenarbeit von Schwulen mit der Bundesbehörde BAG (Bundesamt für Gesundheitswesen) und den Universitätsspitälern mehrerer Kantone war jetzt sichtbare Tatsache und geschah in der gemeinsamen Anstrengung, eine die Gesamtbevölkerung bedrohende Epidemie zu verhindern.

Das konnte nur durch Offenheit und Aufklärung geschehen. Sie bildeten die Grundlage jeder funktionierenden Prävention. Es ging um alle und nicht um eine ausgrenzbare Minderheit. Es ging unterschiedslos um jeden Einzelnen im ganzen Land.

Im Prinzip gilt das noch heute.

Diese Pressekonferenz war auch die Geburtsstunde dessen, was später von der WHO (Weltgesundheits-Organisation der UNO) anerkannt und zur Nachahmung empfohlen wurde:

"The Swiss Aids-Model".

Die Konferenz illustrierte aber auch das Modell unserer direkten Demokratie, in der initiative Einzelbürger sich zusammenschliessen können, um mit staatlichen und anderen Stellen vereint auf unkomplizierte, unbürokratische Weise Ideen und Massnahmen zum Wohl aller zu verwirklichen.

Heute ist nicht das Prinzip der damaligen Prävention, wohl aber die Situation anders. Sie ist nicht weniger dramatisch. Aids ist zur chronischen Kankheit geworden, doch unheilbar geblieben. Und über die Krankenkassenprämien zahlt die Allgemeinheit für jeden Aidskranken grosse Summen bis an sein Lebensende. Das könnten Politiker nutzen. Hier lauert eine Gefahr für die Gay-Community.

Heute weiss man, die neuen Medikamente machen das Blut fast frei von Aids-Viren (HIV). Die bekannten Verhütungsmassnahmen werden nicht mehr konsequent angewendet. Dies, obwohl man ebenfalls weiss, dass Neuinfizierte besonders ansteckend sind. Die Zahl von neu Angesteckten steigt. Das ist die Situation heute.

Sie zu entschärfen ist dringend. Hier bieten die neuen Aids-Tests mit einem Pieks in den Finger und dem Resultat in 20 Minuten eine brauchbare, kostengünstige Alternative. Ist das Resultat positiv, können die modernen Medikamente sofort eingesetzt werden, was den Verlauf der Krankheit und ihr Ansteckungspotential bremst. Ein wirksamer Schutz des Betroffenen und aller anderen.

Wenn wir wiederum mutig vorgehen wie seinerzeit im Sommer 1985 und in den Jahren danach, dann machen wir jetzt den Aids-Check-up und die Tests für andere Infektionen wie Syphilis etc. zur Routine. Sie sollen so selbstverständlich werden wie es beispielsweise die Dentalhygiene geworden ist. Man geht ja deswegen zwei bis drei Mal pro Jahr zum Zahnarzt, um Zeitaufwand und Geld für unangenehme längere Behandlungen zu reduzieren. Intakte Zähne sind wohl mindestens so wichtig wie virenfreies Blut.

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Ernst Ostertag, März 2008 und September 2011