1984/1985

Gründung der ZAH

"Wie alles begann"

Hans Wenger

Hans Wenger

Hans Wenger, Gründungsmitglied und erster Präsident der Zürcher Aids-Hilfe (ZAH) . Foto um 1985.

Urheber
Urheber: Foto Leu, Zürich
Herausgeber
Besitzer: Sammlung H. Wenger/F. Eiselin, Zürich
Rechte
© H. Wenger und F. Eiselin, Zürich
Sammlungs Nr.
ID: 0238
Hans Wenger, Gründungsmitglied und erster Präsident der Zürcher Aids-Hilfe (ZAH)

In der Jubiläumsschrift 20 Jahre Zürcher Aids-Hilfe von 2005 erinnerte sich ZAH-Gründungsmitglied Hans Wenger an die Anfänge. Sein Rückblick "Wie alles begann" geht auf den ersten AIDS- Informationsabend mit Dr. Ruedi Lüthy zurück, der am 13. Dezember 1984 im Auditorium Nord des Zürcher Universitätsspitals stattgefunden hatte. Denn unmittelbar danach trafen sich einige Teilnehmer zu einem Gespräch. Dazu Hans Wenger:1

"Trotz all dieser schlechten Nachrichten machte sich bei uns in der Folge eine Art Hoffnung breit, dieser existenziellen Bedrohung durch gegenseitige Solidarität begegnen zu können, durch ein mutiges Engagement der Schwulen selbst. Sie hatten ja bereits diesen ersten frühen Informationsanlass [...] gefordert und organisiert. Noch während der Veranstaltung warben sie für die Errichtung einer Aids-Hilfe Schweiz und verteilten Einzahlungsscheine à 5 Franken an die Zuhörer.

Einige von den Männern, beruflich im Medienbereich, im Gesundheitswesen, am Theater und in der Sozialarbeit tätig, trafen sich unmittelbar nach diesem Anlass im Restaurant Al Forno. Sie alle waren geschockt vom Ausmass dieser neuen und offensichtlich sexuell übertragbaren Krankheit. Trotzdem war man sich schnell einig, dass man dagegen etwas tun musste.

Die damals herrschende Unkenntnis und die Hilflosigkeit der Medizin bedeuteten für viele der möglicherweise bereits Betroffenen eine Katastrophe. Dazu kam, dass die medizinische Forschung sich zuerst nur widerwillig mit einem Phänomen wie Aids beschäftigte. Schliesslich betraf diese neue Krankheit ja nur eine noch häufig verachtete Minderheit.

Vor diesem Hintergrund fühlten wir uns herausgefordert und beschlossen, eine souveräne Zürcher Aids-Hilfe aufzubauen [...]"

In der Jubiläumsschrift 20 Jahre Zürcher Aids-Hilfe (ZAH) äusserte sich auch Dr. med. René Jaccard:2

"Zwei Monate nach Praxiseröffnung erschien S. zur ersten Konsultation, ein junger Mann mit positivem Antikörpertest [...]. Durch seine Anregung kam es im Frühjahr 1985 zur Unterredung mit Hans Wenger, [...] Präsident der sich konstituierenden ZAH: Es ging darum, Ärzte ausfindig zu machen, die willens waren, Aidskranke in ihren Praxen zu betreuen. Ohne zu wissen, worauf ich mich einliess - das war zu jenem Zeitpunkt auch gar nicht möglich -, sagte ich zu, wurde ZAH-Mitglied und bin es heute noch.

Die ersten zehn Jahre waren schwierig und schmerzhaft. Wir alle [...] mussten erfahren, dass das HIV weit gefährlicher war, als anfänglich angenommen [...]. Die schweren Erkrankungen junger Menschen und die stetig steigenden Todesfälle schienen nicht abzureissen [...]. Viele Betroffene zweifelten damals grundsätzlich die Hilfsbereitschaft des 'medizinischen Establishments' an.

Gleichzeitig wurden in der Bevölkerungsmehrheit der Nichtbetroffenen Stimmen laut, die flächendeckende Zwangstestungen und die Tätowierung aller Positiven forderten. Die ZAH war unter diesen Bedingungen Sammelbecken divergierender Meinungen und Interessenvertreterin jener, die am schlimmsten unter HIV/Aids litten. Sie entwickelte Präventionsstrategien, gewährte Selbsthilfegruppen von Betroffenen Raum, unterstützte einzelne Betroffene und ihre Angehörigen. Für mich wurde bald klar, dass auch unter den HIV/Aids-betreuenden Ärzten grosse Spannungen existierten, die unsere Arbeit behinderten. [...]"

Noch einmal Hans Wenger im Abschnitt "HAZ" (Homosexuelle Arbeitsgruppen Zürich) derselben Jubiläumsschrift 20 Jahre Zürcher Aids-Hilfe (ZAH):3

"Einen Vorstand für die ZAH zusammenzustellen, war eine ganz besondere Herausforderung. Betroffen war ja eigentlich die ganze sexuell aktive Bevölkerung. Das war uns vom ersten Augenblick an klar. Zunächst galt es, einen Weg zu finden, mit den bestehenden Gruppierungen so zusammenzuarbeiten, dass keine Doppelspurigkeiten entstanden. Die [...] HAZ hatte ja bereits ein bewährtes Beratungsangebot - also wollten wir mit ihr zusammenarbeiten. Ebenfalls sehr wichtig war [...] die AHS (Aids-Hilfe Schweiz) und [...] die Elternvereinigung Drogenabhängiger Jugendlicher (DAJ). Wir wollten auch an Prostituierte gelangen."

Nach oben

Ernst Ostertag, April 2008

Quellenverweise
1

Jubiläumsschrift 20 Jahre Zürcher Aids-Hilfe, Herbst 2005, Seite 10

2

Jubiläumsschrift 20 Jahre Zürcher Aids-Hilfe, Herbst 2005, Seite 14

3

Jubiläumsschrift 20 Jahre Zürcher Aids-Hilfe, Herbst 2005, Seite 11