1986

ZAH-Flugblatt

… vom Mai

Zuvor nochmals Hans Wenger über die Ausgangslage, wie er sie in seinem Beitrag "Wie alles begann", Jubiläumsschrift 20 Jahre Zürcher Aids-Hilfe (ZAH), 2005, geschildert hatte:1 Am Anfang

"galt es, die bestehenden sozialen und gesellschaftlichen Einrichtungen zu befähigen, in ihrem eigenen Wirkungskreis Aufklärung und Beratung anbieten zu können. Schliesslich wollten wir auch die Initiative ergreifen für die Schaffung der dringend notwendigen und damals eben noch fehlenden Einrichtungen (medizinische Anlauf- und Beratungsstellen, Wohnmöglichkeiten, Pflegeangebote). Auch eigene Projekte zur direkten Hilfe für Betroffene (Betreuung, Begleitung, Sachhilfe) mussten möglichst schnell realisiert und laufend den neuen Erkenntnissen angepasst werden."

Im Mai 1986 setzte die ZAH ein erstes eigenes Flugblatt in Umlauf: "Aids wirft viele Fragen auf". Darin stellten sich "Die Initianten" vor:

"[...] Während die Aids-Hilfe Schweiz (AHS) in erster Linie auf nationaler Ebene tätig ist (in enger Zusammenarbeit mit dem BAG, Bundesamt für Gesundheitswesen), konzentriert sich die ZAH, wie alle übrigen regionalen Aids-Hilfen, auf den lokalen Bereich. Die ZAH wurde gegründet, damit Angehörige gefährdeter Gruppen gemeinsam über Aids nachdenken2, aus ihrer Sicht Informationen vermitteln und Massnahmen ergreifen können.

Hauptinitianten der ZAH waren Homosexuelle. Von allem Anfang an haben sie die Zusammenarbeit mit Drogenfachleuten gesucht und gefunden: Auf diese Weise ist auch die zweite von Aids hauptsächlich gefährdete Gruppe, [...] Fixer und ehemalige Fixer, in der ZAH vertreten. Die Fixer direkt in die Arbeit einzubeziehen ist schwierig: Süchtige sind heute in die Isolation gedrängt, was ihnen solidarisches Handeln erschwert."

Doch dieses gemeinsame Nachdenken über Aids und gesellschaftliche Folgen wie neue Vorurteile, Diskriminierungen, Bedürfnisse von Erkrankten u.a.m. war notwendig. Und es musste der sich laufend ändernden Situation entsprechend immer wieder neu getan werden. An anderer Stelle des Flugblattes fuhren die Initianten in diesem Sinne fort:

"Wenn aus Opfern Täter gemacht, das heisst, wenn anstelle des Virus die am meisten Gefährdeten für Aids verantwortlich gemacht werden, dann ist es vorbei mit dem Coming-out, zu dem sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten mehr und mehr Schwule durchgerungen haben. Aufgezwungenes Versteckspiel auf der einen, Schnüffelei auf der anderen Seite könnten wieder beginnen.

Je mehr aber Gefährdete, wie dies mit den Fixern schon geschehen ist, gesellschaftlich an den Rand gedrängt werden, desto schwieriger wird es, die Ausbreitung von Aids zu verhindern. Aids im Untergrund wird zu einer noch grösseren Gefahr, als dies heute schon der Fall ist.

Aids wird nicht durch eine Lebenshaltung, sondern durch ein Virus verursacht. Diese Tatsache, so fürchten viele durch das Virus Gefährdete, könnte in der öffentlichen Diskussion vergessen gehen. [...]

Schon jetzt gibt es Homosexuelle, die ihre Stelle verlieren, weil der Arbeitgeber von ihrem positiven Aids- Antikörpertest Wind bekommen hat.

Die Aids-Hilfe hofft, dass dies Einzelfälle bleiben. Wenn nicht, könnte es bald so weit sein, dass Angehörige aidsgefährdeter Gruppen keine Arbeit mehr bekommen, dass Krankenversicherungen pauschal Vorbehalte gegen sie aussprechen und dass ihnen andere Sozialleistungen vorenthalten werden.

Die Ausbreitung von Aids zu bekämpfen und bereits Erkrankten zu helfen, gelingt am besten in einem Klima ohne Vorurteile. Deshalb möchte die ZAH ihre Arbeit gesellschaftlich verankern, und, wo immer das möglich ist, mit bestehenden sozialen Institutionen zusammenarbeiten. [...]"

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Ernst Ostertag, April 2008

Quellenverweise
1

Jubiläumsschrift 20 Jahre Zürcher Aids-Hilfe, Herbst 2005, Seite 11

Anmerkungen
2

Stephan Inderbitzin erinnerte sich (in einem der Gespräche, die wir 2008 mit ihm führten): "'Gemeinsam über Aids nachdenken': Genau dieses Verb hat das Fass zum Überlaufen gebracht im Konflikt mit den Aktivisten. Sie konnten einfach nicht verstehen, warum man darüber noch nachdenken sollte, wenn es doch an allen Fronten lichterloh brannte…!"