1978

Eindrücke zur Sendung

Ein Kommentar, ein Zeuge

Es gab nur wenige Beschreibungen darüber, wie sich die Sendung in Details abgespielt hatte. Man muss sich aus zahllosen Äusserungen ein Bild zu machen versuchen, wohl wissend, dass nur eine der immerhin vorhandenen Kopien den vollen Einblick vermitteln kann. Allerdings, den Druck der damaligen Zeit auf Macher und Teilnehmer vermag auch sie nicht wiederzugeben. Stephan Miescher hat diese Stimmung nachgezeichnet:1

"Ein ausgewähltes Publikum äusserte sich in seinen Voten weniger zu den im Stück aufgegriffenen Aspekten [...], sondern ereiferte sich über die Stellung von Homosexuellen in unserer Gesellschaft. Für einmal dominierten die schwulen Stimmen und brachten ungewohnt aggressiv ihre Anliegen vor. [...] Beiden Lagern, Schwulen und Heterosexuellen, wurde Intoleranz vorgeworfen. Einige Heterosexuelle argumentierten mit solch einem engen, fundamentalistischen Bibelverständnis, dass sogar von katholischer Seite festgestellt wurde, die Kirche sei in 'Misskredit' geraten."

Joe Stadelmann

Joe Stadelmann

Joe Stadelmann, 1940-2003. Autor der Theaterszenen der Telearena des Schweizer Fernsehens vom 12.4.1978 zum Thema 'Homosexualität'. Quelle: 20782735/64129123.

Urheber
Fotograf: Christian Lanz
Herausgeber
Besitzer: RDB, Ringier Dokumentation Bilder
Rechte
© RDB
Sammlungs Nr.
ID: 0191
Joe Stadelmann, 1940-2003

Joe Stadelmann setzte den Titel

"Telearena - wofür, weshalb, wieso?"

über sein Nachdenken zu dem, was in der Sendung geschah. Publiziert im hey:2

"Mein Gott, drei Jahre habe ich darum gekämpft, dass das Thema Homosexualität in die Telearena aufgenommen wird. Hat sich das gelohnt oder stehen wir vor einem Scherbenhaufen, wie einige voreilige Blätter behaupten? Bitte verstehen Sie mich richtig, lieber Leser. Ich will hier keine Rechtfertigung meiner Arbeit leisten [...] Es scheint mir nur wichtig, jetzt von der Hysterie (in den eigenen Reihen und in den anderen) wegzukommen, zum Gespräch. [...]

Das Strohfeuer der letzten Telearena war während Tagen das Gesprächsthema in der ganzen deutschen Schweiz. Auch in jenen Kreisen, in denen man diesem Tabu bis anhin stur ausgewichen war [...].

Das Strohfeuer ist vorbei, aber eine noch immer heisse Glut ist geblieben. Nützen wir sie. Für uns selber, indem wir über das Wort Toleranz weniger sprechen, aber umso mehr nachdenken. [...] Welcher Mechanismus wird da in Gang gesetzt, dass wir alle so Angst vor dem 'anderen' haben, dass wir es verspotten, verlachen und verachten müssen? (z.B. 'Lueg emal die säb Zwätschge det'.) Ich halte die Intoleranz für eine seelische Krankheit. [...]

Die Glut könnte aber auch für die Heteros genützt werden. 700 Briefe habe ich nach der Sendung gelesen. In den meisten spürt man eine Lust nach mehr Information. Nun glaube ich aber, dass dieses Wissen [...] im persönlichen Gespräch effizienter wirkt als jede Aufklärungsarbeit durch die Medien. [...]

Wer lacht und schimpft über das Verhalten der Lesben in der Sendung? Ich nicht. Mir schien, dass hier eine Wunde aufgerissen wurde, und der Verbandstoff fehlt. Es ist wahr, die Frauen stehen nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch in unseren Kreisen im Abseits. [...]

Fangen wir doch [...] an, unsere eigene Toleranz zu erproben, oder sollte wahr sein, dass man am anderen das am meisten fürchtet und verdrängt, was man selbst noch nicht bewältigt hat? Wärmen wir uns an der Glut eines Strohfeuers, das dann nicht ganz vergebens gebrannt hat. 'Warm sein' muss ja nicht unbedingt ein Schimpfwort sein. Es könnte auch für 'Mensch sein, Partner sein' stehen."

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Ernst Ostertag, Mai 2007

Quellenverweise
1

Stephan Miescher, Männergeschichten, Seite 130, Basel 1988

2

hey, Nr. 6/1978, Seite 4