1979

Auf dem Bundesplatz

Neue Kontakte, eine Entgegnung

CSD-Ansprache von Irma Krieg-Morath

CSD-Ansprache von Irma Krieg-Morath

Irma Krieg-Morath spricht am Nationalen Schwulen- und Lesben-Befreiungstag vom 23. Juni 1979 in Bern.

Urheber
Fotograf: unbekannt
Herausgeber
Besitzer: Sammlung Max Krieg, Bern (MK)
Rechte
© MK
Sammlungs Nr.
ID: 0188
Irma Krieg-Morath spricht am Nationalen Schwulen- und Lesben-Befreiungstag vom 23. Juni 1979 in Bern

Am ersten "Nationalen Schwulen- und Lesbenbefreiungstag" (CSD Bern) vom 23. Juni in Bern, dem zweiten CSD in der Schweiz, trat Frau Krieg auf dem Bundesplatz als eine der Rednerinnen auf, um zu zeigen, dass auch Eltern mitbetroffen sind und für die Rechte ihrer Kinder einstehen und an deren Seite mitkämpfen. Max Krieg erinnert sich:

"Mit zitternden Knien hat sie dagestanden und anfänglich kaum sprechen können."

"Inzwischen wandten sich auch etliche Lesben und Schwule mit ihren Beziehungs- und Kontaktproblemen an die Elternkontaktstelle. Daraus ergaben sich langzeitige freundschaftliche Schriftwechsel, teils auch mit sehr jungen Personen. Zwei oder drei davon wurden gar regelmässige Gäste im Haus von Mutter Krieg. Auch Kontakte zum Kinder-Sorgentelefon wurden etabliert. Bezeichnend war die höfliche Umgangsform unter den Mitgliedern der Vereinigung und mit den Anfragenden. Nur selten wurde zur vertraulichen Du-Form übergegangen. Am ehesten noch mit den Jüngsten, zum Beispiel mit Erich, der sie auch mit 'Liebe Irma' anschreiben durfte."

Am 24. November 1979 erschien in der Berner Zeitung BZ die Entgegnung auf einen von Unkenntnis und Unverständnis zeugenden "frommen" Leserbrief.1 Diesmal nannte sich Frau Krieg mit vollem Namen samt Angabe des Wohnortes und schrieb:

"[...] Man weiss noch viel zu wenig, dass es auch im sexuellen Bereich Abweichungen gibt, dass das aber weder Charakter- noch Glaubenssache ist. Die Gesellschaft hört immer nur von den Homosexuellen, die unangenehm auffallen. Von den anderen, die am Arbeitsplatz Überdurchschnittliches leisten, ein zurückgezogenes Leben führen (müssen), wohltätige Institutionen in reichem Masse beschenken, liest und hört man nichts. Die meisten müssen sich immer noch verstecken, sind ins Ghetto gedrängt und haben nicht die Gelegenheit, eine Freundschaft aufzubauen, die den ganzen Menschen mit einbezieht. Wen wundert's, wenn so Verbrechen vorkommen?

Von vielen Leuten wird die Bibel nur im Zusammenhang mit der Sexualität wörtlich ausgelegt. Wollte man nach dem Buchstaben gehen, dürften die Frauen die Haare nicht abschneiden und bei der Hosenmode nicht mitmachen. [...]

Würden alle Eltern ganz und in der Öffentlichkeit zu ihren lesbischen Töchtern und ihren homosexuellen Söhnen stehen, und würden sich alle Betroffenen getrauen, gemäss ihrer Veranlagung zu leben, dann würde sich die Situation für alle Beteiligten schlagartig verbessern. Viel, viel unnötiges Leid wäre damit aus der Welt geschafft! [...]"

Nach oben

Ernst Ostertag, Mai 2007

Quellenverweise
1

Berner Zeitung BZ, 24. November 1979, Seite 25