1982

Erste Aufklärung

... durch einen Fachmann

Die Anfrage des Arztes Dr. J. Schädelin vom Berner Inselspital beantwortete Marcel Ulmann von der SOH (Schweizerische Organisation der Homophilen) im Namen der hey-Redaktion. Die Antwort trägt das Datum vom 16. Februar 1982. Nun verfasste Dr. Schädelin seinen angekündigten Artikel. Er erschien im hey (Mai 1982) unter dem Titel:

"Gibt's Sonderkrankheiten für Homos? Geschlechtskrankheiten und ihre Behandlung".1

Daraus einige Passagen:

"Spezielle Probleme bieten Homophile [...] nur unerfahrenen Ärzten, da naturgemäss manche Geschlechtskrankheiten ungewohnte Symptome und Lokalisation aufweisen. Jeder Patient wird auf seine Syphilis aufmerksam, wenn die Krankheit am Penis einsetzt, im After hingegen kann sie dem Patienten wie dem Arzt entgehen, wenn nicht speziell danach gesucht wird. Bei schmerzhaftem, eitrigem Ausfluss aus der Harnröhre denkt jedermann an einen Tripper, wer aber bei einer ganz 'normal' erscheinenden Angina?

[...] Wie zeigt sich denn diese neue Krankheit? Junge, früher gesunde und leistungsfähige Männer bemerken plötzlich vermehrte Müdigkeit, mangelnden Appetit und nehmen ungewollt Gewicht ab, teilweise 5-10 kg. Fieber kann auftreten, während Wochen, ohne dass bei einer Untersuchung etwas Auffälliges gefunden wird; die Ärzte stehen vor einem Rätsel. Erst nach einigen Monaten treten dann eindeutig Krankheitszeichen auf: meist Kurzatmigkeit und hartnäckiger Husten, im Röntgenbild eine Lungenentzündung, für die kein Erreger gefunden werden kann und die auf Antibiotika nicht anspricht. Oder die Patienten entwickeln schmerzhafte Aphten im Mund und bekommen Schluckbeschwerden; auch hier versagt die geläufige medizinische Therapie. Noch andere Patienten entwickeln später multiple kleine, dunkle Hauttumoren, die bei der genauen Untersuchung im Mikroskop als Kaposi-Sarkom erkannt werden, ein extrem seltenes Geschwür, das bisher nur in Afrika bei jungen Patienten aufgetreten war.

Für Spezialisten sind diese Krankheiten nicht völlig neu. Diese Art der Lungenentzündung, die Pneumocystis, und die übrigen seltenen Infektionen wurden wiederholt bei Patienten beobachtet, die wegen Krebskrankheiten, Bestrahlungen und angreifenden Medikamenten in schlechtem Allgemeinzustand hospitalisiert waren. Völlig ungewohnt ist hingegen, dass junge, bisher gesunde Männer solche Krankheiten entwickeln. Spezialuntersuchungen haben gezeigt, dass diese Patienten - fast ausschliesslich Homosexuelle - eine stark geschwächte Abwehrreaktion gegen Virusinfektionen aufweisen, [...].

Da diese seltenen Krankheitsbilder auch unter den Ärzten in Europa noch kaum bekannt sind, ist jeder Patient mit solchen Krankheitserscheinungen in eigenem Interesse gehalten, den behandelnden Arzt auf seine Veranlagung, auf eventuellen Poppers-Gebrauch aufmerksam zu machen, damit rechtzeitig an diese neue Krankheit gedacht wird und nicht wertvolle Zeit bis zur wirksamen Therapie verstreicht. [...]

Wir Ärzte sehen uns verpflichtet, dieser Krankheit in allen Einzelheiten nachzugehen. Vor allem wäre interessant zu wissen, ob sie früher schon in Einzelfällen aufgetreten, aber nicht erkannt worden war. Wir sind dankbar um Hinweise auf ähnliche Verläufe [...]. Nur so werden wir hoffentlich einen Weg finden, dieses gefährliche Leiden optimal zu behandeln und wo immer möglich zu vermeiden."

Beratungsstellen vermitteln Kontakte zu Ärzten

Eventuelle Antwortschreiben und Hinweise auf diesen Artikel konnten nicht gefunden werden. Dafür gibt es in den Akten der SOH eine

"Ärzteliste AIDS, Stand 16. August 1983 (wird laufend ergänzt)",

ausgestellt für die Beratungsstellen in Zürich und Bern. Sie enthält Namen und Adressen der zuständigen Ärzte von Kantons- oder Universitätsspitälern samt den Telefonnummern. Es handelt sich um die Daten aus (wohl vorerst) 12 Kantonen und aus dem Bundesamt für Gesundheitswesen (BAG).2

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Ernst Ostertag, August 2007

Quellenverweise
1

hey, Nr. 5/1982, Seite 6

2

Original im sas