1987

Vereinsversammlung

... am 9. Juli

Die erste Versammlung des Vereins Zürcher Aids-Hilfe (ZAH) fand in der Geschäftsstelle statt, also an der Turbinenstrasse 10. Sie war auf den 9. Juli 1987 um 18.30 angesetzt und dauerte bis 00.45 Uhr. Das Protokoll erwähnte 50 anwesende Personen. Unter ihnen vier stimmberechtigte Vertreter der Kollektivmitglieder:

  1. Die Arbeitsgruppe für Aids-Fragen Region Winterthur,
  2. die Auffangstation Zürich-Tiefenbrunnen,
  3. Notschlafstelle Zollstrasse in Zürich und
  4. die HAZ (Homosexuelle Arbeitsgruppen Zürich), vertreten durch Pascal Wehrle.

Während der Versammlung kam es unter anderem zur Auseinandersetzung um die generelle Zielsetzung der Aids-Hilfe in der Schweiz: Roger Staub und die von ihm vertretene Linie der vorrangigen Präventionspolitik, wie sie von der Aids-Hilfe Schweiz (AHS) betrieben wurde, auf der einen Seite; auf der anderen Seite die ZAH, welche vor allem Testpositive, Erkrankte und Sterbende aus allen Bereichen in den Mittelpunkt ihrer Tätigkeiten stellte. Das hatte sich im Lauf der Zeit vom Herbst 1985 bis zum Sommer 1987 aus den anfallenden Bedürfnissen im regionalen Umfeld ergeben.

Roger Müller, der das Protokoll verfasste, behandelte diese Auseinandersetzung in recht diplomatischer Form unter Traktandum 4, Genehmigung des Protokolls der Gründerversammlung vom 5.11.1985:

"Gründungsmitglied Roger Staub berichtet, dass er die Gründung der ZAH gefördert habe als lokales Dach für verschiedenste Aktivitäten. Er sei sehr betrübt, dass die Idee Schiffbruch erlitten habe und es tue ihm leid, dass er als Tagespräsident die Gründungsversammlung geleitet habe."

Die wirkliche Auseinandersetzung war, gemäss Schilderungen von Zeugen, teilweise recht emotionsgeladen. Man hatte sich - im damaligen Moment - nicht mehr richtig verstanden und das artete fast zu einem Glaubenskrieg aus.

Stephan Inderbitzin dazu (in seinen "Notizen und Kommentare zur ZAH" vom April 2008):1

"Auch hier muss deutlich festgehalten werden, dass wir alle eigentlich zu Opfern unserer eigenen Tätigkeiten geworden waren, wenn man bedenkt, unter welchem Leistungsdruck wir standen und wie sich gleichzeitig die Reihen um uns bereits heftig lichteten durch die Erkrankung und den Tod von vielen Freunden, Bekannten und Mitkämpfern."

Dieser Konflikt, so die Zeugen, sei zwar unter der gegebenen personellen Zusammensetzung bedauerlich und wohl unausweichlich gewesen, habe jedoch letztlich zu einer positiven Klärung geführt: Prävention blieb auf der regionalen Ebene im Rahmen der richtungweisenden Vorgaben der nationalen AHS ein weiterhin wichtiges, aber zweitrangiges Ziel. Die konkrete Alltagsarbeit in Relation zur Zahl der Beratungs-, Betreuungs- und (Sterbe-)Begleitungsfälle bildete mitsamt den Verbindungen zum gesamten Umfeld den Hauptteil der ZAH-Aktivitäten. Auf diese Linie schwenkten auch - praxisbedingt - die Aids-Hilfe-Gruppen in anderen Regionen des Landes ein und so ergab sich eine sinnvolle Teilung und Ergänzung der nationalen und regionalen Aufgaben.

Der neue Vorstand setzte sich nach den Wahlen aus neun Mitgliedern zusammen. Präsident blieb Hans Wenger, neu hinzu kam Elisabeth Habersaat, die später Vizepräsidentin wurde. Die Geschäftsstelle führten ab 15. Januar 1987 Markus Oertle und André Aeschbach.

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Ernst Ostertag, April 2008

Quellenverweise
1

Stephan Inderbitzin, Notizen und Kommentare zur ZAH von Ende Mai 1985 bis Mitte September 1986. Übermittelt an Ernst Ostertag 13. April 2008