1988

Zeitzeugen berichten

... ein Betroffener, eine Helferin

Von Hunderten teilweise erschütternden Berichten, Interviews, Briefen seien nur zwei herausgenommen. Sie erschienen im Jahresbericht 1988 der Zürcher Aids-Hilfe (ZAH):1

"Eine Gesprächsgruppe der ZAH mit 10 Aids-Kranken und 2 Begleitern verbrachte am 19./20. November 1988 ein gemeinsames Wochenende in Brusata (TI). Einer der Kranken schilderte dieses Erlebnis unter dem Titel 'Zusammen vorwärtsgehen':

Für mich war das Gruppenwochenende in Brusata eine sehr wertvolle Erfahrung. Das nahe Zusammenleben und die verschiedenen Gruppentherapien ermöglichten mir ein sich langsam steigendes inneres Öffnen [...] meinen gesunden wie kranken Mitmenschen gegenüber. Das Wochenende war für mich auch eine Bereicherung in Bezug auf bewusstes Sein mit Höhen und Tiefen. Für mich [...] bieten solche Tage die Möglichkeit zu lernen, meine Empfindungen, Gefühle und Ängste sowie auch mein Glücklichsein in meine jetzige Lebenssituation umzusetzen, mein Umgehen mit ihr offen und ehrlich zu gestalten [...]. Danke."

Als Überschrift für ihren Bericht wählte die Betreuerin Brigitta Walser einen Schlüsselbegriff im Kontakt zu ihrem Aids-Kranken, "Die Telefonnummer":

"X., der von mir zu begleitende und zu betreuende Aidskranke, der mir im November 1988 zugewiesen wurde, wusste nicht, ob er meine Telefonnummer wollte. Er wolle mich nicht ausnützen und wisse darum nicht, ob er sie, eben die Telefonnummer, annehmen könne. Er wolle sich mir unter keinen Umständen aufdrängen. Ich hätte sicher wenig freie Zeit und bräuchte diese ohne Zweifel für wichtigere Dinge, als sie mit ihm zu 'vertelefonieren'.

Er sagte, dass er noch nie solche Leute gekannt hätte. Leute wie ihr, von der Aids-Hilfe, die einfach so kämen. Die anriefen und dann auch wirklich daständen, vor der Wohnungstüre, die sich mit ihm unterhalten würden, einfach so. Zeit hätten für ihn.

Er sass auf seinem Bett, war müde. Ich gab seinen Pflanzen Wasser, band die Zeitungen zusammen, redete mit ihm. Er wandte ein, dass er nur dasitze, mir zuschaue beim Aufräumen. Er fühlte sich nicht allzu wohl, es war ihm unangenehm, mir nur zuschauen zu können. Sagte immer und immer wieder, dass ich es doch einfach stehen lassen sollte.

Ich war froh, meine Hände beschäftigen zu können, sie zitterten dann weniger, unbemerkter. Er wollte nicht, dass ich die zusammengebundenen Zeitungen allein hinuntertrage. Natürlich trug ich sie zusammen mit ihm die zwei Treppen hinunter, bevor ich ging. Das war schnell erledigt.

Das Verabschieden ging viel langsamer. Er wollte mich noch zum Bus begleiten. Konnte sich nicht entscheiden, welche Schuhe er anziehen sollte. Die Jacke war ebenfalls ein Problem. Ich wartete, dann stiegen wir, jetzt ganz langsam, das Treppenhaus hinunter. Er trödelte, schaute noch in seinen Briefkasten, begann seine Post zu sortieren. Ich wartete. Wir gingen, immer langsamer werdend, in Richtung Busstation.

Als der Bus dann kam, umarmte ich ihn und versprach, am nächsten Montag anzurufen. Er nickte nur, er hatte plötzlich Tränen in den Augen, konnte nicht reden, nur noch nicken. Ich sagte, dass er aufpassen solle, sich nicht erkälten solle, mich anrufen solle. Er nickte immer bloss, konnte nicht reden. Dann fuhr ich im Bus weg.

Einen Moment lang glaubte ich, dass ich ganz sicher zerbrechen müsste."

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Ernst Ostertag, April 2008

Quellenverweise
1

Beide veröffentlicht im Jahresbericht der ZAH von 1988