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Juli 2022

Diese Ausgabe enthält folgendes Thema:

  • 50 Jahre HABS

  

50 Jahre HABS

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eos. Am 25. Juni feierte die nun habs - queer basel heissende Organisation ihr grosses Jubiläumsfest in der Kaserne Basel. Marco Müller verfasste dazu einen geschichtlichen Rückblick. Er ist auf die wichtigsten Tätigkeiten und Ereignisse fokussiert und weist auf etliches im queeren Basel hin, von dem heute kaum jemand weiss, dass es in der HABS geboren wurde.

Im folgenden Bericht nimmt Marco Müller auch die jüngere Zeit in den Fokus, jene Jahrzehnte, die in der Schwulengeschichte noch nicht erwähnt sind.


Die Homosexuellen Arbeitsgruppen Basel-Stadt (HABS) wurde 1972 gegründet, in einer Zeit, in der die Frauen in der Schweiz gerade mal seit einem Jahr das Stimmrecht besassen, es an verschiedenen Orten noch gesetzliche Konkubinatsverbote gab und die Polizei Schwulenregister führte.

Erst letztes Jahr hat die Schweizer Stimmbevölkerung die "Ehe für alle" angenommen. Die mittlerweile in habs queer Basel umbenannte Organisation sieht immer noch Handlungsbedarf in vielen Bereichen.

In der HABS bestimmen die Mitglieder in einer jährlichen Generalversammlung und einer thematischen Vereinsversammlung über die Geschicke des Vereins. Die HABS funktioniert als Plattform, welche die Arbeitsgruppen trägt und offen ist für neue Projekte im Sinn ihrer Statuten. Arbeitsgruppen mit Peer-to-Peer-Angeboten sind die Basis der HABS: Vom "HABS-Beratungstelefon", das auch Teil des "LGBT+Helpline"-Teams ist, über die Gruppen "Schwule Väter", "Bi- & Pansexuelle" sowie dem "Basel Trans Treff".

Jeden Dienstag wird die HABS zur Gastgeberin für Queers verschiedenster Communities und Generationen: Die ZischBar in der Kaserne Basel, ursprünglich 1984 als Alternative zur kommerziellen Gay-Szene errichtet, ist heute beliebter denn je.

Projekte, die wegziehen

Filme sind in der queeren Kultur ein wichtiges Medium. So begleiten Film-Projekte die Geschichte der HABS. 2008 gründeten vier Schwule "luststreifen - queer cinema basel". 2018 verliess das nun queer-femininistische "Luststreifen - Queer Film Festival Basel" die HABS als eigener Verein.

Auch andere Gruppen verliessen die HABS, um sich in neuem Rahmen weiter zu entwickeln. So wurde 1986 aus der AIDS-Gruppe der HABS, die Aids-Hilfe beider Basel. Oder jüngst der Jugendtreff anyway, welcher sich der Milchjugend anschloss. Ein langjähriges Mitglied der HABS hat diese Vorgänge einmal mit Kindern verglichen, die aus dem Elternhaus ausziehen. Hilft es schlussendlich der Community, dann hat die HABS ihre Aufgabe erfüllt.

Politisch und gesellschaftlich viel bewegt

Bewegen konnte die HABS in den letzten 50 Jahren einiges. In den 1970-ern war die HABS unter dem Motto "Raus aus den Toiletten" mit Aufklärungsarbeit in der Öffentlichkeit für die Gleichberechtigung Homosexueller sowie der Suche nach Räumlichkeiten für ein erstes Büro und Lokalen für Discos beschäftigt. Insbesondere die "Katakombe" entwickelte regionale Anziehungskraft und wurde zu einem grossen Erfolg, andererseits zur Belastungsprobe der jungen HABS. Der Mietvertrag wurde damals aufgelöst und die HABS fand keine Räumlichkeiten mehr. Das erste Auftreten einer schwulen Gruppe an einer Demo überhaupt, an der 1. Mai-Demo 1975 in Basel, sowie erste öffentliche Podiumsdiskussionen und Beratungen sind sicher nennenswerte Schritte.

In den 1980ern hiess es «rein in die Strassen» und die "Gay 80" in Anlehnung an die Gartenausstellung "Grün 80" in Basel war eine glänzende Idee, die viel Aufmerksamkeit bekam. Der grosse Schatten über den 1980ern war natürlich HIV und Aids. Es entstand bereits im Sommer 1983 eine eigene Aids-Gruppe.
Schon 1987 machte ein Basler Grossrat und HABS-Mitglied beim Parlament Vorstösse zur Anerkennung homosexueller Lebensgemeinschaften.

Wesentlich zur Thematisierung homosexueller Identität beigetragen hat in diesen Jahren die 1988 in der Kaserne gezeigte Ausstellung "Männergeschichten. Schwule in Basel seit 1930". Sie wurde als selbständiges Projekt nicht von der HABS organisiert, aber von ihr unterstützt.

In den 1990ern entstand eine vielfältige Community mit neuer politischer Agenda auf nationaler Ebene. Es wird auch immer wieder von einer euphorischen Stimmung in der Community erzählt, in Basel am Beispiel des Schwulen- und Lesben-Zentrum "SchLeZ". Es gab Abende, an denen das Lokal so überfüllt war, dass Besucher:innen abgewiesen werden mussten.

Diversifizierung und veränderte Gewohnheiten

Die Situation Ende der 1990er-Jahre bildete die Ausgangslage ab 2000: Basel war von einer Diversifizierung von LGB-Gruppen geprägt, schweizweit setzte mit Pink Cross und LOS eine Professionalisierung des LGB-Lobbyings ein. Das Ziel des Rechts auf gleichgeschlechtliche Partnerschaft war noch nicht erreicht, dafür gab es bedeutende Erfolge im Umgang mit HIV/Aids.

Mit Internet und Mobilität veränderten sich für die Basler LGB-Community zudem die Begegnungsorte, und auch das SchLeZ stand als Ort und Anlaufstelle ab 1997 nicht weiter zur Verfügung.

Das Geschehen der letzten Jahre kann mit dem Fokus auf "Standby, Mitmischen, Einmischen, Gestalten" beleuchtet werden. "Standby" spielt auf die überdauernden Elemente an, steht für Infrastruktur, für gemeinsame Zielvorstellungen aufgrund einer übereinstimmenden Wertebasis oder für ein gewisses finanzielles Potenzial. "Mitmischen" steht für Beteiligung, fürs Anstoss-Geben und für die Vernetzung. "Einmischen" für politische Forderungen, für Interessensvertretung und kritisches Begleiten. Und "Gestalten" meint sowohl die Arbeiten in den Arbeitsgruppen wie auch die Option, die HABS zu nutzen, sie zu formen, sich einzubringen und eigene Ideen umzusetzen.

Im Gegensatz zum sehr aktiven Lobbying der HABS in den 1970ern war das Lobbying ab 2000 sowohl von veränderten Aufgaben und Themen als auch von der veränderten LGBT*-Landschaft in der Schweiz gekennzeichnet: Hinsichtlich Fragen von rechtlicher Bedeutung - so zum Partnerschaftsgesetz oder zu einem in der Bundesverfassung verankerten Diskriminierungsschutz - gibt es mit Pink Cross und LOS schweizweit agierende LGB-Verbände, die für ein Lobbying in Bern prädestinierter sind als lokale HA-Gruppen. Deshalb bezieht sich die HABS in ihrem politischen Lobbying auf spezifisch lokale Anliegen. Nennenswert sind sicher der Fall "Capleton", die Gespräche mit dem Basler Bischof oder "Kein Verbot von Lambda-Istanbul".

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Horizonterweiterung und Jubiläum

Die moderne LGBT*-Bewegung bekam vor über 50 Jahren mit den Stonewall-Riots eine besondere Aufmerksamkeit. Als Aufbruch mit revolutionärem Anspruch verfolgte sie aber schon bald darauf eine "Single-Issue-Politik": Sie fokussierte auf Anliegen, die unmittelbar auf die Rechte von LGBT*-Menschen zielten.

Die habs queer Basel fragt sich deshalb, wo steht die LGBT*IAQ-Bewegung heute? Wie vernetzt sie sich mit anderen sozialen Bewegungen? Was ist ihr emanzipatorischer Anspruch? Was bedeutet Intersektionalität angesichts von Klimaungerechtigkeit? Was könnten Kritik an fossilem Kapitalismus und "imperialer Lebensweise" mit Queer-Politics zu tun haben? Am 21. Juni 2022 - also exakt 50 Jahre nachdem die HABS als Gruppe in Basel gegründet wurde - fand eine Podiumsdiskussion dazu statt.

Am 9. Juni 2022 wurde im Stadtkino Basel nochmals der Film von Rosa von Praunheim gezeigt "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt". Eine persönliche Einladung hat Rosa von Praunheim abgelehnt, da er nicht mehr gerne reist. Wir haben aber eine Karte mit den besten Wünschen zum Jubiläum und ein Buch mit Widmung von ihm erhalten.

Die Hauptveranstaltung zu 50 Jahren HABS fand am 25. Juni 2022 in der Kaserne Basel statt. Nach Begrüssung mit Piano und Gesang diskutierten Vertreter von LOS, Pink Cross, HABS, anyway sowie Alt-Ständerat Claude Janiak und Alt-Grossrat Ueli Tschamper über Coming Out & politischem Engagement. Darauf folgten Ansprachen des Regierungspräsidenten von Basel-Stadt und einer Regierungsrätin von Basel-Landschaft sowie von Vertretern befreundeter Organisationen.

Der Männerchor "schmaz" aus Zürich und "The Ballroom Orchestra", eine 7-köpfige Frauenband aus der Region Bern, stimmten auf die spätere Jubiläumsparty ein, die als Club-Nacht im Rossstall der Kaserne Basel bis in die frühen Morgenstunden dauerte.

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