199 - Vor 25 Jahren: erste gleichgeschlechtliche Partnerschaft
Newsletter 199
Juli 2026
Diese Ausgabe enthält das folgende Thema:
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Vor 25 Jahren: erste gleichgeschlechtliche Partnerschaft registriert in Genf
Vor 25 Jahren: erste gleichgeschlechtliche Partnerschaft registriert in Genf
eos/hpw. Die Schweiz soll eine Art Ehe light oder Konkubinat plus erhalten. Diesen Frühsommer legte die Kommission für Rechtsfragen des Ständerates einen entsprechenden Gesetzesentwurf vor. Vor einem Vierteljahrhundert führte der Kanton Genf ein solches Gesetz ein, der PACS (Pacte civil de solidarité). Yves de Matteis war Teil des ersten schwulen Paares, das sich nach diesem Gesetz registrieren liess. Heute sitzt er für die Grünen im Grossen Rat Genfs. schwulengeschichte.ch fragte ihn nach seinen Erinnerungen und seinen Zukunftswünschen.
Erinnerungen
Sie waren die Ersten - durch einen Fehler
eos: Vor 25 Jahren wurde in Genf das erste gleichgeschlechtliche Paar im Rahmen des PACS registriert. Du warst Teil dieses Paares. Was kommt dir als Erstes in den Sinn, wenn du an diesen Tag zurückdenkst?
Yves de Matteis (Y.M.): Ich glaube, die beiden Worte, die mir spontan einfallen, sind: Emotion und Aufregung.
Aufregung, weil mein Partner und ich zwar tatsächlich vorhatten, uns nach dem Genfer Gesetz zu "verpacsen", aber wir hatten nicht geplant, die Ersten zu sein. Im Gegenteil, wir dachten, wir würden eher das zehnte oder zwanzigste Paar sein, das vor die Kanzlei tritt. Da ich selbst in der Gruppe GREPA engagiert gewesen war, welche die Grundidee der Genfer Partnerschaft ins Leben gerufen hatte, fand ich, dass es nicht mir zustand, erneut in den Vordergrund zu treten, sondern eher Paaren - gleich- und verschiedengeschlechtlichen -, die ihre Beziehung offiziell machen wollten. GREPA ist das Groupement pour la reconnaissance du partenariat, ein Verein, der von einem lesbischen, einem schwulen und einem heterosexuellen Paar gegründet worden war.
Das Genfer Gesetz für eine Partnerschaft, die sowohl heterosexuellen als auch homosexuellen Paaren offensteht, trat am 5. Mai 2001 in Kraft. Ich hatte meine Pflicht als Aktivist erfüllt, war aber dennoch neugierig, wer von dieser langen, gemeinsam mit anderen geleisteten Arbeit profitieren würde - allen voran der Genfer Anwalt Jean-Pierre Garbade, der, soweit ich mich erinnere, einen Grossteil des Gesetzestextes verfasst hatte.
An jenem Tag rief ich also die Kanzlei an, in der Erwartung, dass bereits viele Paare ihre "Zeremonie" reserviert hätten. Als mir die zuständige Mitarbeiterin sagte, dass sich noch niemand angemeldet hatte - weil das Inkrafttreten des Gesetzes nicht kommuniziert worden war -, dachte ich sofort an ein Frauenpaar, das ich kannte: Florence, eine Französin, und Nina, eine Italo-Kroatin, die nicht zusammen in Genf leben konnten, weil nur Florence eine Aufenthaltserlaubnis besass.
Ich dachte, es wäre eine gute Idee, ihnen vorzuschlagen, eine Partnerschaft einzugehen, weil dies die Formalitäten, um Nina einen legalen Aufenthalt in Genf zu ermöglichen, sicher erleichtern würde. Sie stimmten zu, und wir vereinbarten zu viert einen Termin bei der Kanzlei.
Wir hätten sehr gerne auch das erste heterosexuelle Paar an unserer Seite gehabt, aber wir sollten dieses erste heterosexuelle Paar, das die Kanzlei aufgesucht hatte, erst viel später kennenlernen. Offenbar reichte die Zeit damals einfach nicht.
Aufregung und Feierlichkeit
Neben der Emotion und der Aufregung herrschte auch eine besondere Feierlichkeit. Das ist wohl das Wesen jeder Hochzeit und jeder Zeremonie dieser Art - aber hier verlieh der aussergewöhnliche Charakter, die Tatsache, dass es eine Premiere war, dem Ganzen eine zusätzliche Dimension. Fast schon historisch. Und wir spürten das sehr deutlich.
eos: Welche Vorbereitungen habt ihr getroffen?
Y.M.: Alles ging extrem schnell - wir hatten im Grunde nur das Wochenende zur Vorbereitung. Zwar hätte ich persönlich eine eher intime Zeremonie ohne Gäste bevorzugt, doch wir versandten letztlich eine Pressemitteilung. So kam es, dass der Raum, in dem die Dokumente unterzeichnet wurden, schnell von Fernseh- und Radioteams sowie zahlreichen Printjournalisten gefüllt war. Wir erschienen auf der Titelseite fast aller Westschweizer Zeitungen - aber kaum in der Deutschschweizer Presse.
Daher natürlich eine gewisse Aufregung, weil es eine Premiere war, aber auch weil es - über unseren persönlichen Fall hinaus - eine Anerkennung für alle Menschen in unserer Lage bedeutete, für alle gleichgeschlechtlichen Paare im Kanton und darüber hinaus für alle homosexuellen und bisexuellen Menschen.
Und hier kommt das zweite Stichwort ins Spiel: die Emotion! Natürlich gab es zunächst die Gefühle, wie sie jede Hochzeit oder ähnliche Zeremonie mit sich bringt. Der ganze Tag war davon geprägt. Doch dazu kam eine ganz andere Dimension: nämlich das Gefühl, zum ersten Mal nicht nur als Bürger oder Bürgerin anerkannt zu werden, sondern auch als das, was wir in unserem tiefsten Inneren sind - in unserer persönlichen Identität. Sie war bis dahin zu keinem Zeitpunkt vom Staat anerkannt oder irgendwie berücksichtigt worden.
Zum ersten Mal als homosexuelle Menschen anerkannt
Hier wurden wir zum ersten Mal in unserem Leben - und zum ersten Mal in der Schweiz - auch als homosexuelle Menschen anerkannt. Eine Anerkennung, die durch ein Gesetz institutionalisiert wurde, das von einer Mehrheit des Genfer Parlaments verabschiedet worden war.
Dieses Gefühl, legitim zu sein, in der eigenen Verschiedenheit angenommen, akzeptiert zu werden - und zwar auf höchster Ebene - es wurde von sehr vielen Menschen im Kanton Genf empfunden, unabhängig davon, ob sie selbst ihre Partnerschaft registrieren liessen oder nicht. Das Gesetz selbst gewährte letztlich nur wenige Rechte, da die meisten in die Bundeskompetenz fallen. Aber die symbolische Bedeutung stellte den grössten Wert dieses Gesetzes dar. Und die Medien lagen damit richtig, dass sie zahlreich genau darüber berichteten.
Dieser Tag wird also in unserem Gedächtnis eingebrannt bleiben - und sogar in die Geschichte des Kantons Genf eingehen. Er war damals zudem eine schweizerische Premiere.
eos: Wie verlief dieser Tag, das Fest?
Ich habe nur wenige Erinnerungen. Aber es scheint mir, dass wir alle ins Restaurant gegangen sind und diese Premiere gefeiert haben - ich, mein Partner Patrick, Florence und Nina. Wir haben vielleicht sogar Fotos von diesem Anlass. Aber wir waren vor allem erleichtert, gelassen und froh, dass alles gut gegangen war. Wir hatten nicht unbedingt Lust zu feiern, sondern wollten vor allem von unserem Aufgeregtsein herunterfahren und zur Ruhe kommen.
Eine Jahrhundertlast löst sich auf
eos: Das war ein wichtiger Schritt für homosexuelle Menschen in der Schweiz. Welche Reaktionen gab es in der Community? An welche anderen Reaktionen erinnerst du dich?
Kurz nach diesem Ereignis wurden wir manchmal auf der Strasse erkannt. Wir bekamen positive Zeichen, Aufmunterung, ein Lächeln, einen erhobenen Daumen.
Viel später, manchmal Jahre danach, meldeten sich Menschen bei uns und sagten, dass die Möglichkeit, eine solche Anerkennung zu sehen, eine Reihe von Personen "befreit" habe. Als hätte sich plötzlich eine Zentnerlast - die jahrhundertealt war - aufgelöst.
Für manche Menschen war es der Anlass, das Thema Homosexualität in der Familie zu besprechen - sachlich, fast beiläufig.
Schliesslich konnte "es" so schlimm nicht sein, wenn ja ein Kanton gleichgeschlechtliche Paare anerkannt hatte. Einige Menschen sagten mir, sie hätten dank dieses Ereignisses ihr Coming-out machen können, weil es ihnen einen Anlass bot, das Thema zunächst allgemein anzusprechen, um dann - je nach Reaktion der Familie - zur eigenen Situation und Identität überzugehen. Dieser Tag gehörte also nicht nur uns, sondern auch Tausenden von Menschen, mit denen wir ihn teilten.
Ursprünge von Yves de Matteis' Aktivismus
Augenzeuge von Diskriminierung und Unterstützung durch die Eltern
eos: Du bist heute Mitglied des Genfer Grossen Rates. Wie haben sich dein Aktivismus und dein politisches Engagement entwickelt? Wann und wie hast du dein Coming-out gemacht?
Es war in der Oberstufe (Cycle d’orientation), als ich viele homophobe Anfeindungen gegenüber einem Klassenkameraden spanischer Herkunft aus der Arbeiterklasse seitens Kameraden aus konservativem Milieu erleben musste. Ich schwor mir im Stillen, dafür zu sorgen, dass sich das ändert, wenn ich je die Möglichkeit dazu haben würde. Ich war damals etwa 14 oder 15 Jahre alt.
Ungefähr zur gleichen Zeit machte ich meiner Mutter gegenüber mein Coming-out. Als ich es ihr sagte, reagierte sie völlig unaufgeregt: "Ist das dieses ernste Thema, das du mit mir besprechen willst? Ich sehe das Problem nicht. Du tust niemandem weh, und deshalb sehe ich nichts Schlimmes daran. Ich hatte Angst, es könnte was wirklich Schlimmes sein…"
Im Alter von 17 bis 18 Jahren, als ich ein Jahr als Austauschschüler in den USA verbrachte - in North Carolina, mitten im "Bible Belt" -, war ich tief bewegt von einem afroamerikanischen jungen Mann, der ganz offensichtlich schwul war und mit dem niemand sprach. Weder die schwarze Gemeinschaft - die ihn als Homosexuellen ablehnte - noch die weisse Gemeinschaft - die ihn als Schwarzen und als Homosexuellen ablehnte. Und wenn ich mit ihm sprach, sagten mir manche: "Warum redest du mit ihm? Die Leute werden denken, du seist wie er." Auch diese zweite Erfahrung bestärkte mich in dem Gefühl, etwas dafür tun zu müssen, dass sich vieles verändert - insbesondere für junge Menschen.
Mein Vater erfuhr es viel später, als ich etwa 22 Jahre alt war. Er erfuhr es von einem Freund, der es ihm in einer manisch-depressiven Phase verraten hatte. Und er kam auf mich zu und sagte, dass es ihm kein Problem bereite. Das überraschte mich bei einem eher konservativen Mann, der Mitglied der liberalen Partei und sogar Präsident einer bedeutenden liberalen Vereinigung war, die alle Gemeinden am linken Ufer des Genfersees umfasste (unsere "Goldküste"). Später, als ich als Westschweizer Sekretär von Pink Cross in einer Sendung in der Prime-Time am Wochenende auftreten sollte, sagte ich meinem Vater: "Du hast viele Freunde, vor allem in der liberalen Partei. Wenn dich das stört, werde ich die Teilnahme ablehnen, und jemand anderes wird an meiner Stelle hingehen." Er antwortete mir: "Für meine Freunde, die kein Problem damit haben, sehe ich kein Problem. Und für meine Freunde, die es schockieren würde - nun, die sind schlicht und einfach nicht würdig, meine Freunde zu sein." Noch heute kommen mir jedes Mal unweigerlich die Tränen, wenn ich an diese Worte denke.
Mein Vater war zwar konservativ, ein Mitglied der liberalen Partei, weltgewandt und mit einem gewissen Klassenbewusstsein - aber vor allem war er ein intelligenter, ja brillanter Mann, der es verstand, sich von den Reflexen eines bestimmten konservativen Zeitgeistes zu distanzieren.
eos: Wie sah dein politisches Engagement vor dem PACS aus?
Y.M.: Als ich zum ersten Mal zu Dialogai ging - es war in deren allerersten Räumlichkeiten, die, glaube ich, mit einem Frauen- oder Feministinnen-Verein geteilt wurden -, war ich entsetzt beim Anblick so vieler Männer, die in Zeitschriften blätterten, die wahrscheinlich etwas gewagt waren, zumindest in meinen Augen. Ich bin fast davongelaufen.
Später schloss ich mich der Gruppe "Chrétien et homosexuel" an, die von meinem Freund Jean-Paul Guisan gegründet worden war, der später mein Nachfolger als zweiter Westschweizer Sekretär von Pink Cross werden sollte. Es war die einzige Gruppe bei Dialogai, in der Diskussionen stattfanden, und das war mir vertraut. Damals studierte Jean-Paul Philosophie an der Universität Genf, wie ich auch.
eos: Kannst du, ausgehend von deiner Erfahrung, das Genfer Umfeld der 1990er Jahre beschreiben? Warst du Mitglied von Dialogai?
Der Aktivismus-Weg war durch eine Beteiligung auf allen geografischen Ebenen gekennzeichnet: auf Genfer Ebene als Präsident der GREPA, Vorstandsmitglied von Dialogai, Gründungsmitglied des Genfer Vereins 360, Ehrenmitglied von Lestime, Gründer der AUH - der Association Universitaire Homosexuelle, Vorläufer von Unigaie und dann Think Out -, sowie Mitgründer der Amnesty-Gruppe Genf "Homosexualität und Menschenrechte". Auf Schweizer Ebene war ich bei Pink Cross als Vorstandsmitglied, Westschweizer Sekretär und dann Co-Präsident und im Komitee "Gleiche Rechte für gleichgeschlechtliche Paare". Auf europäischer Ebene bei der ILGA-Europe als Vertreter Europas bei der ILGA, also auf Weltebene als männlicher Vertreter Europas (ILGA=International Lesbian and Gay Association).
Partnerschaft in der Aids-Krise
eos: Warst du direkt an der Entstehung des PACS beteiligt? Wie lief das ab?
Y.M: Ich war Präsident der GREPA, der Groupe pour la Reconnaissance du Partenariat genevois. Und ich war auch auf Schweizer Ebene aktiv, als einer der wenigen Westschweizer im Komitee "Gleiche Rechte für gleichgeschlechtliche Paare" (1993). Die Tatsache, dass Deutsch mein bestes Schulfach war, hat dabei sicherlich sehr geholfen.
eos: Erinnerst du dich an die Diskussionen in der schwulen Community? Waren alle begeistert?
Y.M: Damals war die Frage der eingetragenen Partnerschaft in meiner Erinnerung vor allem damit verbunden, dass das rechtliche Vakuum während der Aids-Jahre sehr viele menschlich unerträgliche Situationen verursacht hatte.
Die Diskussion beschäftigte mich zunächst in den USA, wo ich gerade wohnte, als die ersten Fälle des "Schwulenkrebses", wie man es nannte, auftraten. Aber ich war an der Ostküste, nicht an der Westküste… sonst würde ich diese Zeilen wahrscheinlich nicht mehr schreiben. Später erlebte ich die Diskussionen auch in Genf. Der Aktivismus war für uns während all dieser Jahre untrennbar mit dem Kampf gegen Aids verbunden.
Es ist kein Zufall, dass der erste Welt-Aids-Tag am 1. Dezember 1989 stattfand, im selben Jahr, in dem das erste Land der Welt eine eingetragene Partnerschaft für gleichgeschlechtliche Paare einführte (Dänemark).
Der feministische und lesbische Aktivismus weltweit hat viel dazu beigetragen, die Rechte von LGBTIQ+-Personen voranzubringen - der feministische Kampf ging dem LGBTIQ+-Kampf um mehrere Jahrzehnte voraus, zum Beispiel mit den nationalen Kämpfen für das Freuenstimmrecht. Ich selbst habe sehr von den Ratschlägen und sogar einer Art "Erziehung" durch meine lesbischen Freundinnen profitiert, vor allem Eliane Blanc und Giselda Fernandes, Mitglieder von Lestime, vormals Centre femmes Nathalie Barney, die meinen bereits vorhandenen Feminismus vervollständigten. Immerhin bestand die Literaturliste meines Vordiploms aus zwölf Autorinnen wie Marguerite Duras, Marguerite Yourcenar, Madame de Sévigné, Madame de Staël, George Sand, Colette, Simone de Beauvoir usw.
Vorreiter Genf und der Rest der Schweiz
eos: Der PACS in Genf hatte einen grossen Einfluss auf die Entwicklungen in der Schweiz. Die Genfer Fortschritte gaben dem kantonalen Partnerschaftsgesetzprojekt in Zürich Auftrieb. Partnerschaftsgesetze entstanden zunächst auf kantonaler, dann auf nationaler Ebene und brachten eine spezifische Lösung für homosexuelle Paare. Warum wurde deiner Meinung nach dieser Ansatz gewählt? Und warum lief es in Genf anders?
Y.M: Eigentlich sind es immer vor allem Einzelpersonen, die die Dinge voranbringen. In Genf waren es vor allem drei Paare, die beschlossen, eine Genfer Partnerschaft auf die Beine zu stellen. Ich bin dem bereits bestehenden Verein nur beigetreten, um die Erfahrungen einzubringen, die ich bei der ILGA und bei Pink Cross gesammelt hatte. Da Genf seit über 400 Jahren besonders international geprägt ist, können Ideen zirkulieren, man kann sich von Erfahrungen im Ausland inspirieren lassen und hat eine besonders weltoffene Haltung.
Vergessen wir nicht: In der bedeutendsten Episode der Genfer Geschichte, als Genf dem Einfall der Truppen des Herzogs von Savoyen während der Escalade (11./12. Dezember 1602) widerstand, waren es eine Frau aus Lyon (die Mère Royaume) und Isaac Mercier (ein Soldat lothringischer Herkunft), die sich so hervortaten, dass sie in die Geschichte eingingen. Die "genferischsten" Helden waren also tatsächlich Ausländer. Und heute ist Genf weiterhin sehr durchmischt und profitiert von ausländischen Beiträgen. LGBTIQ+-Aktivisten bilden da keine Ausnahme, und viele haben sehr gemischte Wurzeln - einschliesslich desjenigen, der diese Zeilen schreibt: Obwohl ich einen Grossvater habe, dessen Familie seit dem 15. Jahrhundert in Genf ansässig ist, bin ich ein Viertel Italiener und zur Hälfte Franzose!
Zukunftsperspektiven
Der Bevölkerung grösstmögliche Auswahl bieten
eos: Heute, 25 Jahre später, arbeitet der Bund an einer Art nationalem PACS. Welche Erfahrungen aus dem Genfer PACS, aber auch aus dem Partnerschaftsgesetz und der Ehe für alle sollten deiner Meinung nach berücksichtigt werden?
Y.M.: Die Frage der politischen Strategie ist natürlich sehr wichtig. Zur Zeit der Genfer Partnerschaft - genau 25 Jahre bevor diese Zeilen geschrieben wurden - hatte ich stets betont: Da es sich um ein Gesetz handelt, das auch heterosexuellen Paaren offensteht, und da es keineswegs der Ehe auf Bundesebene entspricht, würde die rechtliche und faktische Gleichstellung erst an dem Tag erreicht sein, an dem gleichgeschlechtliche Paare auch auf Bundesebene eine Partnerschaft oder vielmehr eine Ehe schliessen könnten.
In Genf kann die Genfer Partnerschaft weiterhin sowohl von hetero- als auch von homosexuellen Paaren geschlossen werden, und dasselbe gilt auf Bundesebene mit der Ehe. Es besteht also eine vollständige Symmetrie beider Möglichkeiten, und diese Symmetrie könnte landesweit hergestellt werden, wenn eines Tages im Bund eine Partnerschaft für alle Paare eingeführt wird. Dies für Paare, die mehr Rechte wünschen, aber keine Ehe eingehen wollen, die für manche Menschen eine religiöse oder patriarchale Konnotation hat.
Es ist legitim, der Bevölkerung die grösstmögliche Auswahl zu bieten, um allen Bedürfnissen gerecht zu werden. Es ist nicht Aufgabe der Gesellschaft oder der Politik, Rechte einzuschränken, Lebenswege oder Individuen zu normieren. Heterosexualität ist nicht die einzige sexuelle Orientierung, und das Geschlecht muss ebenfalls nicht starr definiert werden, wenn es der Realität nicht entspricht.
eos: Ein Vierteljahrhundert ist vergangen. Die heutige Gesellschaft ist eine andere als damals: Welche Anforderungen hast du an das Bundesgesetz? Was wäre wünschenswert? Was erscheint dir realistisch? Wie sollte sich die queere Community einbringen? Und welche Bündnisse sind denkbar?
Ich bin nicht sicher, ob ich im Namen der queeren Community sprechen kann. Persönlich fühle ich mich keiner einzigen Gemeinschaft zugehörig (oder vielleicht der der Erde?), weil ich so vielen Zugehörigkeiten angehöre, dass ich mich nicht auf eine einzige beschränken kann. Ich habe in jungen Jahren sehr von der "LGBTIQ+-Community" profitiert, als ich einen Safe Space brauchte, in dem ich wusste, dass alle Menschen um mich herum mir a priori wohlgesonnen und vor allem nicht homophob waren.
Und deshalb kann ich auch kein Gegner des Kommunitarismus sein: Zu viele Menschen in meinem Umfeld brauchen eine Gemeinschaft - sei es eine Gemeinschaft der Geschlechtsidentität, der nationalen, religiösen Zugehörigkeit usw. -, als dass ich Gemeinschaften gegenüber kritisch sein könnte. Sie sind respektabel, sofern sie die anderen und die Vielfalt, der sie selbst angehören, ebenfalls respektieren.
Denn die Gesellschaft ist wesentlich und von Natur aus divers. Würde man eine künstliche Intelligenz fragen, welcher Prozentsatz der Bevölkerung potenziell von einem antidiskriminierenden Verfassungsartikel betroffen sei, das heisst davon erfasst werden könnte, bekäme man eine beeindruckende Zahl. In Genf, wo bereits 40 % der Bevölkerung ausländischer Herkunft sind, käme man wahrscheinlich auf 90 % der Bevölkerung. Und nicht nur Minderheiten: Frauen - die allen möglichen Stereotypen, Vorurteilen, Diskriminierungen und Gewalt ausgesetzt sind - machen 51 % der Bevölkerung aus. Addiert man die anderen Bevölkerungsgruppen hinzu, ergibt sich eine überwältigende Mehrheit. Auch deshalb spreche ich nicht mehr von "Minderheiten"… Das ist ein irreführendes Vokabular.
Wenn man es schaffen würde, all diese Bevölkerungsgruppen zu einem Bündnis zu bewegen, könnte man wahrscheinlich sehr weit kommen.
In Genf verfügt der Kanton bereits über ein Gesetz - verabschiedet in der Menschenrechtskommission, die ich gerade präsidiert habe -, das die gesamte Bevölkerung schützt: Es schützt vor "direkter oder indirekter Gewalt und Diskriminierung aufgrund eines persönlichen Merkmals", nämlich: "insbesondere Herkunft, Alter, Geschlecht, affektive oder sexuelle Orientierung, Geschlechtsidentität, Geschlechtsausdruck, Intersexualität, Behinderungen, körperliche Besonderheiten, soziale oder familiäre Situation, religiöse oder politische Überzeugungen."
Vielleicht werden wir es schaffen, gemeinsam voranzugehen. Ist das realistisch? Ich glaube schon - aber wir werden alle unseren Teil dazu beitragen müssen!
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