203 - Adolf Ferrari: Dritter Stolperstein
Newsletter 203
November 2026
Diese Ausgabe enthält die folgenden Themen:
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Dritter Stolperstein für ein schwules Opfer des Nationalsozialismus aus der Schweiz
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Zum Tod von Karl Scheuber, dem ersten Leiter des schmaz
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Veranstaltungshinweis Jakob Stutz
Dritter Stolperstein für ein schwules Opfer des Nationalsozialismus aus der Schweiz
hpw. Am 21. September 2026 wurde in Cham (ZG) ein Stolperstein im Gedenken an Adolf Ferrari gesetzt. Nichts deutete bei seiner Geburt 1914 darauf hin, dass sein Leben 1944 im KZ Buchenwald ein so grauenhaftes und frühes Ende nehmen sollte. Und bis vor kurzem war auch in seinem Geburtsort nichts darüber bekannt. Der Historiker und Schriftsteller Dr. Michael van Orsouw holte Adolf Ferrari aus der Vergessenheit zurück – durch einen Zufallsfund.
"Ich glaube, dass ihm grosses Unrecht widerfahren ist. Da haben wir als Nachgeborene eine Verantwortung, wenn wir die Möglichkeit haben, etwas korrigierend einzugreifen", schreibt van Orsouw auf die Frage, warum er die Geschichte von Adolf Ferrari aufgearbeitet habe. Der Name sagte bis vor wenigen Monaten weder ihm noch irgendjemandem im Kanton Zug etwas.
Van Orsouw war für eine andere Recherche im Archiv der Zeitgeschichte der ETH in Zürich und wartete auf Akten. Zum Zeitvertreib gab er "Cham" in die Findmittel des Archivs ein und blieb an einer kurzen Notiz hängen. "Ich bin unsicher, weil es schon eine Weile her ist. In Erinnerung habe ich nur den kurzen Hinweis: 'Adolf Ferrari, geboren in Cham, ermordet im KZ Buchenwald.' Den genauen Wortlaut weiss ich nicht mehr." Es war die Knappheit dieser Notiz, die ihn fesselte.
Adolf Ferrari kann niemand mehr helfen, aber Michael van Orsouw fand, dass er das tun musste, was er tun konnte und versuchte, die Lebensgeschichte zu rekonstruieren. Wie kam es, dass einem Menschen aus Cham ein solches Schicksal widerfuhr - die Schweiz blieb ja im Zweiten Weltkrieg unbesetzt.
Viel Material war zu dem jungen Chamer nicht zu finden. 1914 wurde er in Cham an der Knonauerstrasse 14 geboren, da wo jetzt der goldig schimmernde Stolperstein auf ihn aufmerksam macht. 1933 wurde die Familie des Landes verwiesen. 1941 verhaftete die Polizei Adolf Ferrari im baden-württembergischen Metzingen. Grund war seine Homosexualität, wie es in den Polizeiakten vermerkt ist. 1944 wurde er im KZ Buchenwald ermordet. Seine Habseligkeiten stellten die deutschen Behörden ordnungsgemäss seiner zehn Jahre jüngeren Schwester zu. In Cham bekam niemand etwas von diesem schrecklichen Ableben eines Sohnes der Gemeinde mit. Keine Todesanzeige, keine eingesandte Mitteilung, nichts.
Michael van Orsouw ist es trotzdem gelungen, das Schicksal von Adolf Ferrari zu rekonstruieren, vor allem auch anhand von Informationen über sein Umfeld. Er publizierte den ergreifenden Artikel "Der Chamer, der im KZ zu Tode kam" in der wissenschaftlichen Zeitschrift Tugium.
Wir bekamen freundlicherweise die Erlaubnis, Ausschnitte davon auf schwulengeschichte.ch zu veröffentlichen. Ihm sei es ein Anliegen, dass der Stolperstein in Cham weitere Breitenwirkung erzielen kann. Der Verein schwulengeschichte.ch dankt dem Autor dafür, aber vor allem auch für seine grossartige Arbeit.
Am 21. September 2026, es ist ein Montagmorgen, als der Stolperstein in einer besinnlichen Atmosphäre durch einen Gemeindearbeiter vor dem Geburtshaus Adolf Ferraris gesetzt wird. Der Gemeindepräsident ist anwesend, die Pfarrer der katholischen und der reformierten Kirchgemeinde, Medienvertreter, Michael van Orsouw selbst und ein Vertreter des Vereins Stolpersteine Schweiz.
Dem Opfer einen Ort geben
Im Beitrag des Regionaljournals Zentralschweiz des Schweizer Radios ist der reformierte Pfarrer Michael Sohn zu hören: "Wir geben ihm einen Ort, den er verloren hatte. Wir erinnern uns an das geschehene Unrecht und bewahren seinen Namen vor dem Vergessen."
Der Gemeindepräsident George Helfenstein sagt gegenüber SRF: "Ich habe mir lange überlegt: Ist man jetzt stolz darauf, dass eine Gemeinde so einen Stolperstein bekommt, aufgrund der Geschichte, die ja dahinter steckt? Worauf man stolz sein kann, ist, dass man die Geschichte wieder aufgreift, gerade in der heutigen Zeit, dass man versucht, sich zu erinnern. Deshalb ist es gut, dass dieser Stolperstein jetzt in Cham angekommen ist."
Michael van Orsouw bestätigt, dass die Zusammenarbeit mit der Gemeinde problemlos gewesen sei. "Auch beim Setzen des Stolpersteins half der Werkhof Cham sehr unbürokratisch."
Die Familie Ferrari-Meier verliess Cham 1933 nicht freiwillig. Sie wurden des Landes verwiesen wegen eines Vergehens von Vater Ferrari. Mehr als einmal bat er den Zuger Regierungsrat noch, den Landesverweis aufzuheben. Doch die Regierung blieb hart. Hätte man anders reagiert, wäre Adolf Ferrari junior nicht in Süddeutschland wegen Homosexualität verhaftet und er wäre nicht in einem KZ ermordet worden.
Dem Online-Newsportal zentralplus erklärt Michael van Orsouw, die Mitschuld des Regierungsrats sei aus heutiger Sicht schwierig zu beurteilen. "Rechtlich gesehen habe er richtig gehandelt. Zwar wirke die Ablehnung der Gesuche aus heutiger Sicht kaltherzig: 'Aber angesichts der Weltwirtschaftskrise und dem aufblühenden Nazismus war für Herzenssachen wohl kein Platz.'" Gegenüber schwulengeschichte.ch erörtert er seine Sichtweise: "Es ist einfach, Jahrzehnte später Entscheidungen zu kritisieren. Deshalb bin ich auch in diesem Fall vorsichtig. Aber der Vorwurf der Kaltherzigkeit ist gewiss berechtigt."
Stolpersteine machen die grosse Weltgeschichte einsichtig
Der Stolperstein für Adolf Ferrari ist der dritte in der Schweiz, der an ein schwules Opfer des Nationalsozialismus erinnert. Die Geschichten hinter den beiden anderen bisherigen Steinen für Josef Traxl und Arthur Bernhard Vogt sind auf unserer Website ebenfalls dokumentiert.
Insgesamt sind bis jetzt rund 100 Steine in der Schweiz gesetzt worden. Weltweit sind es über 100'000 Stolpersteine in mehr als 30 Ländern. Somit sind die Stolpersteine das grösste dezentrale Mahnmal der Welt. In der Schweiz engagiert sich der gemeinnützige Verein Stolpersteine Schweiz "für das Gedenken an Opfer des Nationalsozialismus [...], die zumindest einen Teil ihres Lebens in der Schweiz verbrachten, von den Schweizer Behörden nicht oder unzureichend geschützt oder gar an Nazideutschland ausgeliefert wurden", wie auf dessen Website zu lesen ist.
Anlässlich der Stolpersteinsetzung in Cham sagte das Vorstandsmitglied Prof. Jakob Tanner, emeritierter Geschichtsprofessor, bekannt von der Bergier-Kommission Schweiz-Zweiter Weltkrieg, gegenüber dem "Echo der Zeit": "Wir sind der Meinung, wir sollten an individuelle Schicksale erinnern, auch weil man mit ihnen eine Geschichte erzählen kann, die dann die grosse Weltgeschichte einsichtig macht." Zuerst habe man die Befürchtung gehabt, dass Menschen diese Steine mit Füssen treten, weil sie ja auf dem Trottoir eingelassen sind. "Wenn man das empirisch untersucht, dann stimmt das gerade nicht. Menschen machen eher einen Bogen drum herum."
Die Erinnerung lebt im Alltag
Michael van Orsouw meint dazu im SRF-Regionaljournal: "Die Stärke der Stolpersteine liegt darin, dass sie im Alltag der Menschen sind. Man muss nicht in ein Museum gehen, kein Denkmal anschauen gehen. Sie sind in den täglichen Alltag der Menschen integriert. Die Menschen laufen hier vorbei, wenn sie in die Schule gehen, wenn sie einkaufen gehen, wenn sie arbeiten gehen - und da gibt der Stolperstein den Hinweis: Hallo, hier war mal jemand und hallo, hier gibt's eine wichtige Geschichte." Eine wichtige Einordnung angesichts von Entwicklungen in Deutschland: Fünf Tage nach der Stolpersteinsetzung in Cham verbot nämlich der Stadtrat des sächsischen Heidenau weitere Stolpersteine. Das Gedenken an die NS-Opfer wurde auf den Friedhof verbannt - eben genau weit weg vom Alltag.
Die Stolpersteinsetzung fand an einem Montagmorgen statt. Man wollte die Zeremonie auch Schulklassen zugänglich machen und hat sie eingeladen. Gekommen sind sie nicht. Michael van Orsouw weiss nicht, weshalb. "Zu dichte Stoffpläne? Falscher Zeitpunkt? Desinteresse?" Nun, der Stolperstein bleibt schimmern vor dem unscheinbaren Wohnhaus an der Knonauerstrasse 14 und die Schüler werden daran vorbeigehen und lesen, was auf dieser Messingplatte steht: "Hier wohnte Adolf Ferrari Jg. 1914 Landesverweis verhaftet 16.1.1941 in Deutschland deportiert wegen Homosexualität KZ Buchenwald 1942 ermordet 18.2.1944"
Seinen Artikel in der Zeitschrift Tugium schliesst Michael van Orsouw mit folgenden Sätzen: "Dass dann später ein in Cham geborener junger Mann aufgrund seiner sexuellen Orientierung verhaftet, in ein Konzentrationslager kam, für Menschenversuche missbraucht und schliesslich umgebracht wurde, macht einen auch 80 Jahre später noch fassungslos. Der in Cham aufgewachsene Adolf Ferrari war zur falschen Zeit am falschen Ort und musste bitter dafür büssen."
Zum Tod von Karl Scheuber, erster Leiter des schmaz
hpw. Am 25. Oktober 2026 ist Karl Scheuber, der Gründer und langjährige Leiter des Schwulen Männerchors Zürich schmaz gestorben. Er wollte von Anfang an, dass schmaz ein gesanglich hochstehender Chor sein sollte und genau darum hat er viel zur Sichtbarkeit der Community beigetragen. Auch wir von schwulengeschichte.ch danken Karl Scheuber für sein Engagement und seinen grossen Beitrag auf dem Weg hin zur Gleichstellung von Schwulen und Lesben.
Gegründet wurde der schmaz im Januar 1990. Im Jahr zuvor war in der Turnhalle des damals besetzten Kanzleischulhauses in Zürich der Kölner schwule Männerchor Triviatas im Rahmen des Festivals "20 Jahre Stonewall - 20 Tage lesbischwule Kultur" aufgetreten. Karl Scheuber war davon beeindruckt. Später hat er mit dem schmaz ganz unterschiedliche Publiken beeindruckt, so zum Beispiel schon 1991 am Schweizerischen Gesangsfest in Luzern.
Veranstaltungshinweis Jakob Stutz
hpw. Im November finden in Herisau, Zürich, St. Gallen und Trogen verschiedene Veranstaltungen zum 225. Geburtstag von Jakob Stutz statt. Schon am Mittwoch, 4. November um 20 Uhr wird in der Alten Stuhlfabrik in Herisau als Begleitveranstaltung zur Sonderausstellung "Bildung in Appenzell-Ausserhoden seit 1800" des örtlichen Museums das Theaterstück "Warum nur - warum?" von und mit Matthias Peter aufgeführt.
Weitere Aufführungen sind am 12., 13. und 14. November im Theater Keller 62 in Zürich, 15., 16. November in der Kellerbühne St. Gallen, am 17. November in der Kantonsschule Büelrain in Winterthur und am 21. November im Rathaus&Saal Krone in Trogen zu sehen. In Trogen wird um 17 Uhr zusätzlich eine Lesung mit Führung durch die historischen Gefängniszellen angeboten.
Weitere Informationen zu den Geburtstagsveranstaltungen und Reservationsmöglichkeiten
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