2005

Dank an das Volk

… die Pride vom 18. Juni - samt Rückblick und Ausblick

Das Motto dieser Pride hiess "SOWIESO", was bedeutet: Nun ist die schwul-lesbische Community mitten in der schweizerischen Gesellschaft angekommen; Teil von ihr war sie SOWIESO schon immer. Die grosse Dankesfeier sollte darum auch im Zentrum des Landes stattfinden. Die Romands sagten zu, dass ihr "CSD", die jährlich an einem anderen Ort abgehaltene "Pride", für einmal tief in deutschsprachiges Gebiet vordringen könne, in die "Suisse primitive", wie die Urschweiz so schön auf Welsch heisst.

Nur ganz wenige wussten, dass dies auch eine Rückkehr zu den Wurzeln der schweizerischen Homosexuellen-Emanzipation bedeutete. Denn am 1./2. Juli 1922, also fast auf den Tag genau vor 83 Jahren, trafen sich zum allerersten Mal einige schweizerische "Artgenossen" in Luzern und gründeten den Schweizerischen Freundschafts-Verein. Der erste Präsident, Hector Marco Schnyder, hielt dabei eine Rede "von packender Gewalt", wie die Berliner Zeitschrift Die Freundschaft vom 22. Juli 1922 berichtete und dann fortfuhr:

"Er sprach gleich einem apostolischen Kämpfer von unserer grossen Aufgabe, der sich alle Artgenossen voll und ganz widmen sollten. [...] Es war seit Jahren der Gedanke unseres Herrn Schnyder, eine Vereinigung in der Schweiz herbeizuführen und ein gemeinsames Vorgehen zu erzwingen, um Mitmenschen wie Behörden von dem schreienden Unrecht, das man uns zufügt, zu überzeugen. Und wenn wir auch nur Vorkämpfer für spätere Generationen sein dürfen, so wollen wir uns auch damit zufrieden geben.

In rührender Weise sprach Herr Schnyder von den vielen Einsamen, welche unsere schönsten Jahresfeste allein und verlassen verbringen müssen, von lebensmüden, todwund gehetzten Artgenossen, von in Kerkern Schmachtenden und von Eltern, die sich ihren Sohn als schlecht und entehrt vorstellen. Das Bestreben solle darauf gerichtet sein, Linderung und Hilfe zu schaffen, wo es nur irgend möglich ist. Dies soll der Hauptzweck des Vereins für die in der Schweiz wohnenden Mitglieder sein."

Sehr viel ist in diesen 83 Jahren erreicht worden. Zahllose Opfer hat es gekostet und bitterste Erfahrungen mussten gemacht werden. Davon berichtet die Schwulengeschichte.

Und alles ist noch nicht erreicht.

Wirklich gleiche Rechte fehlen noch immer. Sonderrechte sind keine gleichen Rechte.

Schutz vor Diskriminierungen im öffentlichen Raum und im Berufsumfeld ist nirgendwo gesetzlich verankert.

Die Suizidrate von Kindern und Jugendlichen, die spüren, dass ihr Fühlen und Liebenwollen auf das eigene Geschlecht gerichtet ist, liegt fünf bis sieben Mal höher als bei gleichaltrigen heterosexuell Veranlagten. Echte Aufklärung in den Schulen und deutliche Zeichen des Angenommenseins von den eigenen Eltern und nächsten Verwandten sind noch lange nicht Realität.

Es gibt noch sehr viel zu tun.

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Ernst Ostertag, Oktober 2008 und März 2012

Weiterführende Links intern

Hector Marco Schnyder, Luzern