Newsletter 117

September 2019

Diese Ausgabe enthält das folgende Thema:

  • Vor 80 Jahren begann der Zweite Weltkrieg

Vor 80 Jahren begann der Zweite Weltkrieg

Die letzten Minuten vor dem Kriegslazaret 3/685 in Rostow / Foto: Fredi Brauchli

Die letzten Minuten vor dem Kriegslazaret 3/685, Rostow, Januar 1943 / Foto: Fredi Brauchli

Vor Aufbruch des Kriegslazarets in Rostow, Russland, Januar 1943.. Quelle: Foto-Album, Nachlass Alfred Brauchli, Schwulenarchiv Schweiz.

Urheber
Foto: Fredi Brauchli
Herausgeber
Besitzer: Schwulenarchiv Schweiz
Rechte
© Schwulenarchiv Schweiz
Sammlungs Nr.
ID: 3156
Vor Aufbruch des Kriegslazarets in Rostow, Russland, Januar 1943.

eos. Es wird wohl viel darüber berichtet, aber kaum aus der Sicht schwuler Zeitzeugen. Ich möchte das hier tun, einmal aus meinen persönlichen Erinnerungen als neuneinhalb-jähriger Bub, dann über die ganze Kriegszeit in Form von Zitaten aus der einzigen damals noch existierenden deutschsprachigen Schwulen-Zeitschrift, dem Menschenrecht, das ab 1943 Der Kreis hiess. Und es soll auch der Freund des Herausgebers dieser Zeitschrift von seinem Einsatz an der Ostfront in Wort und Bild erzählen.

Mein Vater orientierte mich über das Zeitgeschehen seit ich im Kindergarten war. Dies, weil ich Fragen stellte. Und Fragen bewegten mich seit ich Gäste in der Wohnung sah, die keine Verwandten oder Freunde waren. Sie sprachen Deutsch. Die Stimmung war gespannt, bedrückt. Die Gäste blieben über Nacht und verschwanden dann wieder. An solchen Abenden wurden mein kleiner Bruder und ich früh zu Bett gebracht. Doch ich schlief nicht. Ich horchte an der Tür und hörte fremde Worte und Namen. Da begann ich Vater zu fragen und sagte zur Ausrede, diese Namen und Worte hätten Kameraden im Kindergarten gesagt. So wusste ich, wer die Bösen waren und dass Menschen fliehen mussten. Menschen wie wir. Und dass auch meine Eltern bedrückt waren, es aber vor uns verbargen. Ich fragte oft in den kommenden Jahren. Als ich in der zweiten Klasse war, sagte Vater: Du kannst jetzt selber lesen. Dort ist die Zeitung. Aber die Buchstaben waren anders als in der Schule, besonders die grossen. Fraktur sei das, also half Vater einige Male. Nachfragen konnte ich immer, wenn ich Zusammenhänge nicht verstand. Wichtig war ihm: du darfst nicht nur lesen, was aus Paris, London oder Washington berichtet wird, du musst auch das von Berlin und Rom lesen. Alle lügen. Die Wahrheit ist irgendwo dazwischen, du musst sie selber finden. Im nächsten Sommer gab es die Landesausstellung. Damals wohnten wir in Wollishofen, da war es nicht weit zur "Landi". Oft ging ich hin, mit Schulkameraden, meinem Bruder oder mit der Grossmutter. Es war so schön und spannend. Zugleich wusste ich, dass es bald Krieg geben könnte. Ich hasste die Deutschen.

So kam der 1. September 1939, ein Freitag. Die Zeitungsberichte davon - Tage später - habe ich nie vergessen, besonders nicht jene zu Gdańsk, das damals Danzig hiess. Das schwer bewaffnete deutsche Schulschiff "Schleswig-Holstein" befand sich zu einem Freundschaftsbesuch im Hafen. Morgens um Viertel vor fünf drehte es die Geschütztürme auf die Stadt und eröffnete das Feuer, auch auf die Westerplatte mit der polnischen Garnison. Ohne Kriegserklärung, mitten im Frieden, auf Befehl Hitlers. So war also der Krieg dieser Deutschen. Es konnte ganz ähnlich auch uns treffen, jederzeit, mitten am Tag, mitten in der Nacht. Immer.
Auf dem Heimweg aus der Schule las ich die Plakate zur Generalmobilmachung für den kommenden Tag. Ich eilte nach Hause und schaute zum Himmel. Von da würde er kommen, der Krieg. Zu Hause Unordnung. Als Nachrichtenoffizier musste Vater sofort zu seiner Einheit. Noch am Abend begleiteten wir ihn zur Strassenbahn. Von überall kamen andere Frauen und Kinder mit ihren Männern, Vätern. Unheimlich die Stille, die Umarmungen tränenlos, ein langes Drücken. Dann fuhren sie los, Richtung Hauptbahnhof. Mitfahren unerwünscht, Zivilisten verstopfen die Durchgänge. Wir gingen zurück zur Wohnung. Es gab nichts zu sagen. Ich spürte die Hand meines Bruders in der meinen. Vor ihrem Haus wartete die Nachbarin, eine Wittfrau, und eine Deutsche. Ihr Sohn war auch Offizier, er war schon vor meinem Vater gegangen. Sie nahm die Mutter in ihre Arme, die beiden Frauen weinten. Wir standen stumm daneben. Im November sollten wir ein Schwesterchen erhalten, einen Bruder wollten wir nicht. Bis jetzt hatten wir uns darauf gefreut. Plötzlich war alles anders.

Als ich gut fünfzehn war, an einem strahlend schönen Dienstag ging ich von der Schule nach Hause zum Mittagessen. Wir wohnten inzwischen in Höngg, hoch über der Limmat. Aus einem offenen Fenster tönte eine Radiostimme: Der Krieg ist vorbei, wir haben Frieden! Es war der 8. Mai 1945. Ich stand und lauschte. Da zwang mich etwas von Innen auf einen Umweg. Ich stieg die Strasse hoch an Häusern und Gärten vorbei, dann über Wiesen zum Waldrand mit dem Aussichtspunkt. Mit jedem Schritt fühlte ich mich leichter. Zuletzt flog ich wie ein Reh und blieb stehen. Was für ein Blick über die Stadt. Friede. Da, langsam erst, rollte es weg, die Steine und Blöcke, das Dunkle, die Ängste, weg, einfach weg. Irgendwann merkte ich, was da gelastet hatte, ganz normal in all den Jahren. Und wenn ich später an Frühling dachte, es waren diese Momente dort oben, es war - und ist es noch - dieser eine lichterfüllte Tag.

Wenn die Zeitschrift Menschenrecht vom Kriegsbeginn und von Kameraden berichtet, die in Uniform stecken und ihre Einsätze leisten, dann darf ein heutiger Leser nicht vergessen, dass gleichgeschlechtliche Handlungen unter erwachsenen Männern im Zivilleben nach der Abstimmung zum neuen StGB von 1938 nicht mehr geahndet wurden, wohl aber im Militär bis 1992 strafbar blieben, also auch während der ganzen Kriegszeit. Dennoch gab es verschwiegene Kontakte. Und später, als Abonnent des Kreis, lernte ich ein Freundespaar kennen, das sich im Aktivdienst gefunden hatte. Sie waren bestimmt nicht die einzigen. Aktivdienst nannte man offiziell die Militäreinsätze während des Krieges. Es waren keine normal verlaufende Wiederholungskurse.

Ich möchte im Folgenden kaum Hinweise und schon gar keine Ein- oder Ausführungen zu den Texten machen, sondern sie selber sprechen lassen. Sie sind es wert, an den Anfang des grauenhaften Geschehens vor achtzig Jahren gesetzt und damit dem heutigen Leser vorgelegt zu werden als Zeugnisse eines Geschehens, das weltweit 60 Millionen Menschenleben forderte.

Ich beschränke mich auf die Links zu den Berichten jener Zeit bis hin zum Kriegsende und beginne mit den ersten Flüchtlingen, die unser Land und andere Staaten längst vor 1939 als rettende Inseln sahen:
Flüchtlinge

Es folgt eine Übersicht der Lage und etwas zur Landesausstellung von 1939 samt einem Hinweis auf unregelmässiges Erscheinen der Zeitschrift, weil Mitarbeiter im Militärdienst seien:
Landesausstellung

Die Herausgabe des Menschenrecht war aus personellen und finanziellen Gründen gefährdet. Ein Feldpost-Briefwechsel illustriert diese Lage:
Feldpost

Im Frühjahr 1940 erreichte der Krieg unsere Grenze. Ob er dort stehen bleibt? Karl Meier / Rolf, Leiter der Redaktion und des Abonnentenkreises, versuchte das Geschehen in Worte zu fassen und machte auch unsere eigenen Kameraden im Dienst an der Heimat sichtbar:
Wille zum Widerstand

Zwei Jahre später schien der Höhepunkt des Grauens erreicht, es zeigten sich Zeichen der Hoffnung auf ein gutes Ende. Was erlitten wurde, jeden Tag, jede Nacht, das mochten zwei Gedichte besser schildern als viele sonstige Worte. Fredi Brauchli, Karl Meiers Lebensgefährte, hatte sie ihm wohl zugesandt. Denn er stand als Militärpfleger und Mitglied der dritten "Schweizer Ärztemission" des Roten Kreuzes im Winter 1942/1943 an der Ostfront.
Kriegsverlauf

Es folgt der Bericht von Fredi Brauchli über seinen Einsatz an der Ostfront, was ihn zur Überzeugung brachte, der Krieg sei "das Entsetzlichste, was es gibt":
Alfred Brauchli in Russland

Wir wollen diese Zeugnisse aber nicht enden lassen, ohne den Tag des Friedens mit hineinzunehmen. Dazu sei Karl Meier / Rolf das letzte Wort gegeben:
Victory-Day: 8. Mai 1945