202 - Kurt Aeschbacher im Interview
Newsletter 202
Oktober 2026
Diese Ausgabe enthält die folgenden Themen:
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Grell-pastell: Kurt Aeschbacher im Interview
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Lesung und Würdigung zum 125. Geburtstag von Laura Fredy Thoma
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Jakob Stutz: Veranstaltungen zum 225. Geburtstag
Grell-pastell: Kurt Aeschbacher im Interview
drf. Kurt Aeschbacher - kurz "Aeschbi" genannt - ist den Schweizer:innen vor allem als Fernsehmoderator der Sendungen "Karussell", "Grell-pastell", Casa Nostra oder City-Trends bekannt. Ab 2001 leitete er die wöchentliche Talkshow "Aeschbacher", in der jeweils Gäste zu ihrem Leben befragte. Es seien bis zur letzten Sendung Ende 2018 insgesamt 785 Sendungen gewesen, wie Aeschbi sagt.
Im Jahr 2012 übernahm Kurt Aeschbacher das Magazin 50plus. Die Zeitschrift "für ein genussvolles Leben" richtet sich an "aktive Schweizerinnen und Schweizer zwischen 50 und 65 Jahren".
Aufgewachsen ist Kurt Aeschbacher in Bern im Breitenrain. Nach der Matura im Gymnasium Kirchenfeld und einem Wirtschaftsstudium an der Uni Bern, arbeitete er vorerst in einem Architekturbüro, dann als Vizedirektor der "Grün 80". 1981 stiess er als Redaktor und Moderator zum Schweizer Fernsehen. Am 24. Oktober feiert Aeschbi seinen 78. Geburtstag.
Daniel Frey (drf): Lieber Kurt, wir gratulieren herzlichst zum 78. Geburtstag. Wie feierst du diesen Tag?
Kurt Aeschbacher (K.A.): Ich feiere, indem ich an diesem Tag am Arbeiten bin … in Bern für ein Jubiläum, aber nicht meins …
Älterwerden
drf: Biologisch gesehen ist "Altern" ein sich über das ganze Leben erstreckender Wandlungsprozess. Wie gehst du mit dem Alterungsprozess um?
K.A.: Mit sorgfältiger Aufmerksamkeit, welche Überraschungen auch diese Phase des Lebens bereithält.
drf: Wer so lange und so oft vor Fernsehkameras stand, braucht sicher eine Portion Eitelkeit. Stört dies nicht ein wenig beim Älterwerden?
K.A.: Solange Eitelkeit nicht zum Lebensinhalt wird, hilft diese Eigenschaft sich selbst immer wieder kritisch zu beurteilen. Und zwar nicht nur sein Äusseres.
drf. Wie reagierst du, wenn man dich "alter privilegierter weisser Mann" bezeichnet?
K.A.: Privilegiert bin ich in meinem Leben unbestritten gewesen: dank der Zufälligkeit hier geboren zu sein und nicht in irgendeinem Slum. Was mir wiederum ermöglichte, gesund älter zu werden. Braucht jemand die Hautfarbe als Diskriminierung, ist er oder sie ein Rassist. Das gilt für Weiss genauso wie für Schwarz.
drf: Du giltst als "Fernsehlegende" und hast mit deinen Sendungen Fernsehgeschichte geschrieben. Für mich bist du vor allem ein Interviewer, der seine Gegenüber immer mit sehr grosser Empathie befragte. Vermisst du die Sendung "Aeschbacher" nicht auch?
K.A.: Ich vermisse nicht die Sendung oder den Bildschirm, sondern vielmehr die Tatsache jede Woche mindestens vier neue Lebensgeschichten kennen zu lernen. Deshalb habe ich mir vor Jahren das Magazin "50plus" angelacht, das kein Geschäft ist, aber eine ständige Herausforderung seriösen Journalismus zu ermöglichen.
Langeweile als kreativer Prozess
drf: Deine Sendung "Aeschbacher" hatte lange Zeit den (berndeutschen) Slogan: "Diä Sändig, womä niä numä us Längwili luägt". Ich bin seit Anfang April hochoffiziell im Unruhestand und freue mich darüber, dass es mir jetzt als Pensionär doch mal "längwilig" sein darf. Gönnst du dir auch zwischendurch etwas Langweiligkeit?
A.K.: Ein Slogan für eine Sendung ist ja noch keine Lebenseinstellung, sondern höchstens ein Versprechen. Ich liebe im persönlichen Alltag die lange Weile als kreativen Prozess. Nur wer seine Zeit nicht dauernd mit dem Handy vertrödelt, hat die Musse Neues zu entwickeln.
drf: Du bist in Bern im "Breitsch" aufgewachsen. Und ich als Berner muss dich dies fragen: Wie stark bist du noch mit der Bundesstadt verbunden? Oder fühlst du dich eher als Zürcher?
A.K.: Seit meine Eltern beide gestorben sind, bin ich von Bern etwas "entfremdet". Ich lebe seit über 50 Jahren nicht mehr in dieser Stadt und besuche den Ort heute als Tourist. Heimat ist für mich dort, wo man Freunde hat. Und das wurde im Lauf der Jahre Basel und Zürich, und "es bitzeli" auch die Provence.
Coming-out und Outing
drf: Für die Akzeptanz von homosexuellen Menschen war es (und ist es eigentlich noch) wichtig, dass sich auch Prominente geoutet haben, sich in der Öffentlichkeit hinstellten. Druck hat diesbezüglich - rückblickend ziemlich unrühmlich - 1991 im privaten Revolverfernsehen RTL Rosa von Praunheim gemacht, indem er Hape Kerkeling und Alfred Biolek ungefragt outete. Du selbst hast dich dann im Oktober 1997 öffentlich geoutet. Wie hast du die damalige Zeit erlebt?
K.A.: Wenn die sexuellen Vorlieben eines Menschen primär den Schlagzeilen und dem "Ruhm" der Medien dienen, ist dies eine unstatthafte Übergriffigkeit: das war vor 30 Jahren so und ist es noch heute. Ich habe ein Leben lang schwul gelebt, mein Umfeld und die Arbeitgeber immer klar informiert. Aber als öffentliche Person wollte ich mich mit meiner Arbeit nicht primär als schwuler Exot, sondern als Journalist beweisen. Mein öffentliches Coming Out sollte deshalb auch nicht als Inszenierung geschehen. Ich bin einfach als kleiner Fernsehmann mit meinem damaligen Freund Andrin Schweizer an der Einweihung von Planet Hollywood mit Arnold Schwarzenegger, Cindy Crawford und Sylvester Stallone aufgetaucht, wo die halbe Schweiz die Bahnhofstrasse stürmte und ein Blitzlichtgewitter alles festhielt, was sich in diesen Räumen bewegte (und das Lokal auch bald wieder verliessen…).
drf: Bereits ein Jahr nach deinem öffentlichen Coming-out wurdest du 1998 mit dem CSD-Stonewall-Award - zusammen mit der damaligen Nationalrätin Verena Grendelmeier - ausgezeichnet. Mit diesem Award wurden bis 2011 Personen und Projekte geehrt, die sich für die Sichtbarkeit und den Schutz von schwulem und lesbischen Leben in der Schweiz einsetzten. Wie hast du diesen Moment auf der Bühne während dem CSD erlebt?
K.A.: Für mich ein sehr bewegender und auch befreiender Moment.
drf: Wie wichtig ist dir die Geschichte von uns Schwulen (und anderen queeren Menschen)?
K.A.: Es ist wichtig, sich der Geschichte und der Anerkennung von Minderheiten in den westlichen Ländern bewusst zu sein und diese Tatsache auch zu schützen. Falsche Toleranz von links bei Übergriffen genauso wie Verunglimpfungen von rechts gilt es in einer Demokratie rigoros zu verhindern. Dies umso mehr, als es leider Religionen und diktatorische Länder gibt, die gerade Menschen aus sexuellen Gründen brutal verfolgen. Eine für mich erschreckende Tatsache.
drf: Kurze Zwischenfrage: Bist du eigentlich Mitglied in einem der vielen queeren Vereine wie beispielsweise Pink Cross, HAZ Queer Zürich oder eben queerAltern Zürich (oder Bern?)
K.A.: Nein, aber nun zu deiner frage: ich war nie in einem Verein, weil ich mich schlecht für regelmässig organisierte Treffen eigne. umso wichtiger ist mir eine engagierte Pflege von Freundschaften. Die werden ganz besonders wichtig, wenn man älter wird.
drf: Könntest du dich für ein Engagement in einem der drei queerAltern-Vereine in Zürich, Basel oder Bern erwärmen?
K.A.: Wieso spricht man heute plötzlich immer von queeren Menschen. Darf ich nicht mehr sagen, dass ich einfach ein schwuler Mann bin?
Doppelleben
drf. Vor deinem öffentlichen Coming-out hast du ein "Doppelleben" geführt, eben bei der Familie und Freund:innen geoutet, aber nicht öffentlich. Du wolltest nicht zum "schwulen Moderator" reduziert werden. Heute ist es anders: Da machen schwule Moderatoren ihre Hochzeitsanträge öffentlich im Fernsehen, werden eher als Wunsch-Schwiegersöhne wahrgenommen und nicht als "schwule Moderatoren". Würdest du diese Aussage unterschreiben?
K.A.: Ja!
drf: Werden wir doch noch etwas politisch, das darfst du ja seit deinem Weggang vom Schweizer Fernsehen auch sein. 2010 hast du in Bern für Network ein Podium mit politisierenden Schwulen und Lesben moderiert. Und da hat einer der anwesenden Politiker laut und kämpferisch gesagt: "Bauern wählen Bauern, weil diese sich für ihre Anliegen einsetzen. So müssen es auch Schwule und Lesben machen". Stimmt das so auch für dich?
K.A.: Für mich zählt nicht, wen man am liebsten im Bett hat, sondern was man im Kopf hat.
drf: Du bist seit 2013 mit Leonardo Reinau zusammen. Ihr lebt in einer eingetragenen Partnerschaft. Wann wird nun endlich "richtig" geheiratet? Denn neue Schuhe werden doch eingetragen und sicher nicht eine Partnerschaft…
K.A.: So wie wir unspektakulär am Schalter vom Zivilstandsamt in Zürich unsere Partnerschaft eintragen liessen und danach daheim ein Glas Prosecco tranken, so still wird auch die Umwandlung der Partnerschaft in eine Ehe geschehen (vielleicht ist dies ja schon passiert? Die Schweizer Illustrierte war jedenfalls nicht dabei). Wir inszenieren uns nicht gerne öffentlich, sondern feiern lieber im kleinen Rahmen.
drf: Lieber Aeschbi, besten Dank für das interessante Interview!
Lesung zum 125. Geburtstag von Laura Fredy Thoma
hpw. Am Montag, 15. Oktober 2026 um 19.30 Uhr organisiert der Sappho Verein Lesbengeschichte im Café Gleis, Zollstr. 121, 8005 Zürich eine Würdigung und Lesung der berührenden Texte von Laura Fredy Thoma.
Laura Fredy Thoma (1901-1966) war die Mitgründerin des "Damenclub Amicitia", der ersten Vereinigung lesbisch liebender Frauen in der Schweiz, und Mitherausgeberin der Zeitschrift Freundschaftsbanner. Als jüngste von 17 Kindern konnte sie keine Ausbildung machen, bildete sich aber autodidaktisch weiter und wurde Redaktorin und Autorin.
Jakob Stutz: Veranstaltungen zum 225. Geburtstag
hpw. Im November finden in Herisau, Zürich, St. Gallen und Trogen verschiedene Veranstaltungen zum 225. Geburtstag von Jakob Stutz statt. Schon am Mittwoch, 4. November um 20 Uhr wird in der Alten Stuhlfabrik in Herisau als Begleitveranstaltung zur Sonderausstellung "Bildung in Appenzell-Ausserhoden seit 1800" des örtlichen Museums das Theaterstück "Warum nur - warum?" von und mit Matthias Peter aufgeführt.
Weitere Aufführungen sind am 12., 13. und 14. November im Theater Keller 62 in Zürich, 15., 16. November in der Kellerbühne St. Gallen und am 17. November im Rathaus&Saal Krone in Trogen zu sehen. In Trogen wird um 17 Uhr zusätzlich eine Lesung mit Führung durch die historischen Gefängniszellen angeboten.
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