Newsletter 148

April 2022

Diese Ausgabe enthält folgendes Thema:

  • Vor 40 Jahren: Gründung von "Homosexuelle und Kirche" (HuK)
  • 25 Mal Pink Apple - eine Erfolgsstory als Ausstellung und auf schwulengeschichte.ch

  

Vor 40 Jahren: Gründung von "Homosexuelle und Kirche" (HuK)

eos. Zur Gründung dieser Organisation kam es am 25. April 1982 in Bern und zwar in einer Methodistenkapelle. Lesbische Frauen und schwule Männer wollten ihre Veranlagung und ihr Christsein in Ganzheit als normale Menschen leben. Ihr Wunsch war, die christlichen Gemeinschaften in den Kirchen möchten sie als gleichwertig annehmen und sich entsprechend öffnen. Innerhalb ihrer Vereinigung wollten sie sich gegenseitig stützen und gemeinsam vorangehen. Doch als die Besitzer der Kapelle erfuhren, welche Art Menschen sich dort versammelt hatten, wurde der Gruppe gekündigt. Das war die Situation.

Die Anfänge waren hart. Es gab weitere Rausschmisse. Aber genau das wollten die "HuK-ler", wie sie sich nannten, von innen her ändern. Die Widerstände festigten ihren Willen und bestätigten die Notwendigkeit ihres Weges, das Aufklären und Überzeugen. Aber es gab nicht nur Widerstände von christlichen Seiten. Auch Schwule und Lesben und ihre Organisationen standen christlichen Lesben und Schwulen skeptisch gegenüber und fanden ihren Zusammenschluss mit dem Namen HuK unpassend und den politischen Kampf bremsend. An seiner Rede zum CSD 1984 (heute Pride) in Bern erklärte der HuK-Mitgründer und Vorstand Markus Fischer u.a.:

"In der Schwulen- und Lesbenbewegung sind wir oft auf Ablehnung gestossen. Ablehnung nicht gegen uns als Menschen, sondern gegen das Wort 'Kirche' in unserem Namen. Zu oft haben sogenannt gläubige Christen uns Schwulen und Lesben die Bibel um den Kopf geschlagen, haben immer und immer wieder vermeintliches christliches Moralin verspritzt und uns jeglichen Glauben abgesprochen."

Titelblatt-Kopf Schild-Chrötli, 5/1983

Titelblatt-Kopf Schild-Chrötli, 5/1983 link7037

Titelblatt-Kopf mit Leitsatz. Quelle: sas, Huk-Informationsblatt, 1. Jahrgang, 5/1983.

Urheber
Urheber: HUK Schweiz
Herausgeber
Besitzer: Schwulenarchiv Schweiz, Zürich (sas)
Rechte
© sas
Sammlungs Nr.
ID: 0208
Titelblatt-Kopf mit Leitsatz

Genau unter diesem Zurückgewiesen-Werden litten jene Menschen in besonderem Mass, die trotz ihrer Veranlagung ihr Leben bewusst religiös/spirituell führen wollten, weil es ihnen ein Bedürfnis war. Nun konnten sie sich mit ihresgleichen zusammenschliessen. Zum Jahresbeginn 1983 erschien die erste Ausgabe der HuK-Zeitschrift Schildchrötli mit dem Wahlspruch

"Die Schildkröte kann sich nur vorwärts bewegen, wenn sie den Kopf hinausstreckt!"

Am 15. April 1983 entstand die Regionalgruppe HuK Zürich. Am 6. Januar 1984 schlossen sich Aktive zur Regionalgruppe HuK Basel zusammen. Kurz darauf kam es zur Gründung der Vereinigung HuK Schweiz in Bern, der natürlich auch die ursprüngliche Regionalgruppe HuK Bern angehörte. Man hatte Verbindungen zu gleichgesinnten Organisationen im Ausland. Im Juli 1983 war in Strassburg das "Forum for the Gay Christian Groups of Europe / Europäisches Forum christlicher Lesben- und Schwulengruppen" gegründet worden, in der sich fast 30 Vereinigungen zusammenfanden, ab 1984 auch die HuK Schweiz.

Europäisches Forum

Zum 10-jährigen HuK-Jubiläum (1992) traf sich das Europäische Forum auf Einladung der HuK Schweiz im Tagungszentrum der Evangelisch-reformierten Landeskirche Zürich in Boldern ob Männedorf, um dort seine Generalversammlung abzuhalten. Wenig später formten sich die bisher lockeren Arbeitsgruppen um zum straffer organisierten neuen "Ökumenischen Verein Homosexuelle und Kirche".

Das geschah bereits in den "Goldenen Jahren der HuK", der Zeit von 1985 bis 1995. Durch vielfache Tätigkeiten wie Vorträge, Tagungen mit Aussprache-Runden, Podiumsgesprächen, mit gemeinsamen Ausflügen und Wanderungen kam es auch zur Vernetzung mit anderen homosexuellen Gruppierungen. Darüber gab es Berichte in schwulen Zeitschriften. Zugleich hatten progressive Kräfte in den Kirchen ihre homosexuellen Mitchristen wahrzunehmen begonnen. Gemeinsame Treffen und Gespräche wurden durchgeführt und öffentlich kommentiert. Ein Beispiel dafür war der HuK-Stand am Zürcher kantonalen reformierten Kirchentag vom 23./24. September 1989, der viel Aufmerksamkeit erreichte, auf etliche offene Ohren stiess und Diskussionen anregte.

Natürlich weckte das auch Widerstände. Aber es wurde nicht mehr im Verborgenen gefochten und beschlossen. Die Menschen der HuK traten mehr und mehr in ein breiteres Bewusstsein: Bei den einen als Möglichkeit des Öffnens, einer Entwicklung weg von starren Vorstellungen, bei den anderen als unerwünschter Stachel im Fleisch.

Segnungsfeier eines Männerpaares

Ein weithin hallender Paukenschlag war die Segnung eines Männerpaares am 8. Juli 1995 in der Evangelisch-reformierten Berner Nydeggkirche. Sie entsprach einer traditionellen Hochzeitsfeier - zehn Jahre vor der Abstimmung über das eidgenössische Partnerschaftsgesetz und 27 Jahre vor der Einführung der Ehe für alle.

In der Folge berichteten nicht nur die meisten Medien darüber, auch die HuK reagierte mit einem Brief an das oberste Gremium der Berner Kirche, den Synodalrat. Darin wird gefordert, die Landeskirchen mögen endlich den Weg der Ängstlichkeit und des Zögerns verlassen und einsehen, dass es sich hier um das christliche Angedeihenlassen von Seelsorge handle. Der Synodalrat sah die Notwendigkeit des Handelns ein und begann mit der Formulierung und Herausgabe von Texten zum Thema "Kirche und Gleichgeschlechtlichkeit". Ein mutiges, erstmaliges Vorgehen. Allerdings, die direkt Betroffenen von "Homosexuelle und Kirche" wurden nicht in die Entwicklung der Texte einbezogen.

Drei Jahre später (1998) startete der Synodalrat eine Umfrage im nun genügend orientierten Kirchenvolk von Bern-Jura. Es ging - schöngefärbt - um "Feiern für Menschen in besonderen Lebenslagen" und ob man das einführen solle. Resultat: Von den 21 Bezirkssynoden und Pfarrvereinen lehnten 14 solche Feiern dezidiert ab, eine Mehrheit von zwei Dritteln.

Offenbar war die Zeit noch nicht reif. Oder, anders gesehen, die 1500 Jahre Verdammung gleichgeschlechtlichen Verhaltens als Sünde, sie brauchen deutlich länger für ein Umdenken und Loslassenkönnen. Langsam zogen sich die aktiven Frauen und Männer der HuK zurück. Am 10. Februar 2009 löste sich die letzte HuK-Gruppe in Bern auf.

Kirche verändern statt austreten

Dennoch, die HuK mit ihrem Motto "Kirche verändern statt austreten" hatte Akzente gesetzt und andere Denkweisen angestossen, die in den evangelisch-reformierten Kirchen der Schweiz weiterwirkten und einige von ihnen dazu brachten, dass heute lesbische oder schwule Pfarrer und Pfarrerinnen von Kirchgemeinden angestellt werden und offen mit ihren Partnerinnen/Partnern zusammenleben können. Auch gab es etliche Kantonalkirchen, die bei der Volksabstimmung zur Ehe für alle (2021) aktiv für die Annahme dieser Gesetzesöffnung warben.

Grosse Abwesende war stets die römisch-katholische Kirche. Sie steht heute vor einem schwierigen Dilemma, ausgelöst durch #OutInChurch. Diese ganz junge Bewegung gleicht einer Rebellion von in der katholischen Kirche Deutschlands beschäftigten Menschen (darunter auch Priester und Ordensleute), die sich als Homosexuelle öffentlich outen und, da es in grosser Zahl geschieht, nicht einfach wie bisher entlassen oder ausgeschlossen werden können. Ihr Vorgehen fordert die vorgesetzten Bischöfe auf zum Ungehorsam gegenüber Rom - oder zwingt sie dazu. #OutInChurch wird wohl auch Kirchen ausserhalb Deutschlands beeinflussen.

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25 Mal Pink Apple - eine Erfolgsstory als Ausstellung und auf schwulengeschichte.ch

dbr. Die Website schwulengeschichte.ch wächst. Ereignisse aus der jüngeren Zeit sollen zunehmend Eingang finden in die Geschichtsschreibung, denn auch sie drohen in Vergessenheit zu geraten.
Zum Beispiel Pink Apple. Das queere Filmfestival, das in diesem Jahr zum 25. Mal durchgeführt wird, hat einiges an Geschichten und Geschichte zu bieten. Wir arbeiten diese in Zusammenarbeit mit dem Pink-Apple-Organisationskomitee auf - und weil Pink Apple von Anfang an ein Projekt von Frauen und Männern war, ist natürlich www.lesbengeschichte.ch mit im Boot. Es entstehen Texte für die beiden Websites, aber auch eine Ausstellung, die in Zürich und in Frauenfeld während des Festivals zu sehen sein wird.
Am Mittwoch, 27. April um 19 Uhr findet in der Helferei in Zürich die Vernissage der Ausstellung statt. Gleichzeitig gehen die Texte auf schwulengeschichte.ch online. Die Ausstellung bleibt bis zum 5. Mai in Zürich, danach ist sie während des Wochenendes vom 6. bis 8. Mai im Cinema Luna in Frauenfeld zu sehen.

Infos zur Ausstellung und zum Pink-Apple-Programm 2022 findet ihr ab 5. April auf www.pinkapple.ch.